Diesmal ist er näher dran, dachte Rhapsody. Lianta’ar bedeutete »Träger des Lichts«.
»Sie liegt jenseits der heiligen Mauern von Sepulvarta, hoch oben auf einem Hügel. Ein wunderschöner Bau, wie du sehen kannst. Die Rotunde der Basilika ist in den Ausmaßen die größte ihrer Art und im Innern besonders prächtig ausgestattet. In ihr steht der Amtsstuhl des Patriarchen. Den für mich schönsten Anblick von Sepulvarta bietet allerdings dieses Bauwerk.«
Er zeigte auf einen gesonderten Teil der Skizze, die Zeichnung eines schlanken, spitz zulaufenden Turms, der, aus der Mitte der Stadt aufsteigend, alles andere überragte.
»Das ist die Hohe Warte, ein architektonisches Wunder, wie ich finde und was ich immer ganz unbescheiden anmerke, insbesondere weil es mein Urgroßvater war, der sie entworfen und erbaut hat.«
Rhapsody ließ einen Laut vernehmen, der kundtun sollte, wie beeindruckt sie war.
»Die Spitze ist tausend Fuß hoch und schon aus meilenweiter Entfernung zu sehen. Darauf steht ein einziger, glühender Stern, das Symbol des Patriarchats. Es heißt, dass der Patriarch über die Hohe Warte direkt mit dem Allgott verbunden ist. Das Licht, das an ihrer Spitze strahlt, kommt von den Sternen, die so in jeder Nacht den Boden weihen, auf dem sie steht.«
»Und was ist, wenn der Himmel bedeckt ist?«, fragte Achmed quer durch den Raum, so unerwartet, dass Rhapsody vor Schreck zusammenfuhr. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er, während er ein anderes Schaustück musterte, ihrer Unterhaltung gefolgt war.
»Die Sterne leuchten doch auch, wenn sie für uns nicht zu sehen sind«, antwortete Stephen. »Und was auf der Spitze der Hohen Warte erstrahlt, ist gewissermaßen der Teil eines Sterns, nämlich das Element Äther.«
»Faszinierend«, sagte Rhapsody. »Und die anderen?«
»Die Basilika in Bethe Corbair ist dem Wind geweiht; sie ist die Kirche des Allgottes in Gestalt der Luft, und der ursprüngliche Name lautet ›Ryles Cedelian‹.«
Lebenshauch, übersetzte Rhapsody im Stillen und warf einen Blick auf Achmed, der ein Stück Treibholz unter Glas betrachtete.
»Das besondere Attribut dieser Basilika ist der zentrale Glockenturm mit seinen insgesamt 876 Glocken, die stellvertretend für all die Schiffe sind, die Serendair damals verlassen und die Cymrer in Sicherheit gebracht haben. Die Kirche steht auf einer Anhöhe inmitten der Hauptstadt, wo der Westwind durch den hohlen Turm streicht und die Glocken auf wundervolle Weise zum Klingen bringt. Das musst du dir unbedingt anhören, Rhapsody, wo du doch selbst eine Himmelsängerin bist. Als die Basilika eingesegnet wurde, hat man die Glocken 876 Tage lang läuten lassen, und es ist ihr Klang, der den Boden der Basilika heilig hält und überhaupt ganz Bethe Corbair zugute kommt. In jedem Winkel der Stadt hört man den süßen Klang der Glocken.«
»Einen Besuch dort werde ich mir gewiss nicht entgehen lassen«, sagte sie und lächelte. »Welcher Seligpreiser ist denn der Segner von Bethe Corbair?«
Stephen zeigte auf den einen der beiden in Weiß gekleideten Männer, der eine Silberkette um den Hals trug.
»Lanacan Orlando. Der andere ist Colin Abernathy, der die neutralen Länder im Süden zu seiner Diözese hat. Weil dieses Gebiet – wie auch Sorbold – nicht zu Roland gehört, gibt es dort natürlich auch keine Basilika.«
»Und die letzte Basilika?«
Stephen zeigte auf ein düsteres Gebäude, das wie aus einem Berg herausgeschlagen zu sein schien.
»Das ist die einzige nicht-orlandische Basilika, die Kirche des Allgottes in Gestalt der Erde, genannt Terreanfor, was Herr der Erde bedeutet.« Rhapsody nickte, an dieser Übersetzung hatte sie nichts auszusetzen.
»Die Basilika ist in den Hang des Nachtbergs eingegraben worden. Selbst bei Tag fällt kein einziger Lichtstrahl auf ihre Mauern, geschweige denn ins Innere. Sorbold liegt in einer Trockenzone; es ist das Reich der Sonne, und deshalb wird der Nachtberg als ganz besondere Stätte verehrt. Obwohl Sorbold eine Diözese unserer Kirche und dem Glauben an den Allgott verschrieben ist, sind dort noch Reste der alten sorboldischen Religion aus heidnischen Tagen wirksam. Man glaubt, dass Teile der Erdkruste nach wie vor lebendig sind und dass der Nachtberg einer dieser so genannten Orte des Lebendigen Gesteins ist. Immer wieder neu geweiht wird die Basilika nach dieser Vorstellung durch die fortwährende Rotation der Erde. Ich bin selbst schon einmal dort gewesen und kann den Leuten von Sorbold nachempfinden: Es ist wirklich ein zutiefst magischer Ort.«
»Habt herzlichen Dank für Eure Erklärungen«, sagte Rhapsody. »Ich bin neugierig geworden auf all diese Orte und möchte sie gern irgendwann einmal mit eigenen Augen sehen.«
»Was ist das?«, fragte Grunthor. Er stand vor einer kleinen Nische, in der eine Reihe von Votivkerzen aufgestellt waren.
Rhapsody gesellte sich zu ihm und sah einen Tisch, der wie ein Tempelaltar mit einem schmuckvoll gestickten Tuch bedeckt war.
Auf dem Tisch lagen ein goldener Siegelring, ein schartiger Dolch und ein Armreif mit Ledergeflecht, das an einer Stelle aufgerissen war. An der Wand dahinter hing ein Messingschild mit eingravierter Inschrift.
Sie rückte näher, um zu lesen, was auf dem Schild geschrieben stand, doch es hatte sich im Lauf der Zeit allzu viel Staub darauf abgesetzt. Überhaupt hatte Stephens Ausstellung eher den Charakter eines kirchlichen Depositoriums denn den eines historischen Museums.
Sie langte in ihr Bündel und zog ein Taschentuch und eine kleine Flasche daraus hervor. »Das ist ein Zitronenextrakt mit Vogelbeere«, sagte sie, an den Herzog gewandt, und hob das Fläschchen in die Höhe. »Damit ließe sich das Schild putzen. Darf ich?« Stephen zeigte eine ernste Miene und nickte. Rhapsody zog den Korken von der Flasche, benässte das Tuch mit der scharf riechenden Flüssigkeit und streckte den Arm aus, um das Schild zu säubern. Die Schmutzschicht war schnell entfernt und die Gravur darunter klar und deutlich zum Vorschein gebracht.
Gwydion von Monasse, stand auf dem Schild zu lesen.
Rhapsody wandte sich dem Herzog zu, dessen Gesicht zur Maske erstarrt war. »Was ist das?«, fragte sie.
Stephen wich ihrem Blick aus. »Das ist alles, was von meinem besten Freund, der vor zwanzig Jahren starb, übrig geblieben ist«, antwortete er.
30
»Das tut mir sehr Leid«, sagte Rhapsody. »Ist auch er einer dieser unerklärlichen Feindseligkeiten zum Opfer gefallen?«
Stephen fächelte vorsichtig mit der Hand den Staub von den Gegenständen auf dem Tisch, die ihm offenbar lieb und teuer waren. »Man kann sagen, dass Gwydion das erste Opfer überhaupt war«, antwortete er und rückte den Siegelring auf dem Tischtuch zurecht.
»Seit zwanzig Jahren tot?«, fragte Achmed. »So lange gibt es nun schon diese Überfälle?«
Stephen lächelte und lehnte sich an die Wand neben dem Schrein. »Ich muss euch wohl nicht sagen, dass es immer schon Diebes- und Mörderbanden gegeben hat, die über unschuldige Reisende hergefallen sind oder Dörfer geplündert haben«, sagte er. »Aber der Mord an Gwydion steht unter anderen Vorzeichen. Er war ein ungemein starker, kampferprobter Mann und gut gerüstet. Doch die Wunden, die ihm geschlagen wurden, sind nicht zu beschreiben. Wer oder was ihn getötet hat, muss von unvorstellbarer Kraft und Grausamkeit gewesen sein.«
»Wär’s ein Tier?«, fragte Grunthor.
Der Herzog zuckte mit den Achseln und seufzte. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Möglich, ja; es sah alles danach aus. Ich war derjenige, der ihn fand, und mir war auf dem ersten Blick klar, dass er im Sterben lag. Die Brust war ihm aufgerissen, das Herz entblößt. Er verblutete.« Rhapsody legte ihm eine Hand auf den Arm, was er mit einem flüchtigen Lächeln quittierte. Doch dann verdüsterte sich seine Miene wieder.
»Ich wagte es nicht, ihn zu bewegen, aus Angst, ihm könnten die Organe aus der Brust fallen. Also deckte ich ihn mit meinem Mantel zu und suchte eilends seinen Vater auf. Der machte sich sofort auf den Weg zu seinem Sohn und schickte mich los mit dem Auftrag, Khaddyr, den großen filidischen Heiler, zu holen. Als ich mit dem Priester zurückkehrte, war Gwydion schon zwei Tage tot. Er muss gleich, nachdem ich ihn verlassen hatte, gestorben sein. Ich sollte wohl dankbar dafür sein, dass ich mich zumindest noch von ihm verabschieden konnte. Im Fall von Lydia war mir das nicht vergönnt.« Er senkte den Blick und presste die Lippen aufeinander. »Entschuldigt. Man sollte meinen, dass ich inzwischen darüber hinweggekommen wäre.«