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Rhapsody strich tröstend über seinen Arm. »Für Trauer gibt es keine Frist; sie nimmt sich so viel Zeit, wie sie braucht.«

Der Herzog legte seine Hand auf die ihre und seufzte wieder. »Ja, so ist es wohl. Wie auch immer, ich glaube, der Schock über Gwydions Tod hat es mir Jahre später etwas leichter gemacht, den Verlust von Lydia zu akzeptieren. Gwydion und ich waren Freunde seit unserer Kindheit. Wir lernten uns in Manosse kennen, wo er zu Hause war – seine Mutter stammte von dort. Später kehrte er mit mir hierher zurück, denn ich musste mich nach dem Tod meines Vaters um das Herzogtum kümmern. Brüder hätten sich nicht näher stehen können, als wir es taten. Er wäre der Patenonkel meines Sohnes geworden, der nun nach ihm benannt ist. Sein Tod war eine Warnung für das, was kommen sollte, aber nicht mehr aufzuhalten war.«

»Doch jetzt scheinen es die Marodeure vor allem auf Kinder abgesehen zu haben. Das sagtet Ihr doch, nicht wahr?«, erinnerte ihn Achmed.

»Ja, zumindest hier bei uns in Navarne und im Land der Lirin, wenn ich richtig informiert bin. Meine Kundschafter berichten, dass es diese Überfälle auf ganz breiter Front gibt, nicht zuletzt auch in den Bolgländern, in Sorbold, den neutralen Staaten bis hin zu Hintervold im Norden. Ob sie überall nach gleichem Muster ablaufen, kann ich nicht sagen.«

Er trat vor eine der Lampen und drehte den Docht herunter. »Nun, ihr habt alles gesehen. Gehen wir zurück ins Haus.«

Während die Männer die Lichter löschten, blieb Rhapsody noch eine Weile vor dem Schrein stehen und strich mit den Fingerspitzen über das Altartuch. Vorsichtig nahm sie den Siegelring zur Hand und führte ihn an ihre Wange.

Das kühle Metall auf der Haut zu spüren tat ihr gut – warum, konnte sie sich selbst nicht erklären. Sie tastete über die flach geschmiedete Oberfläche und musterte das Wappen, auf dem ein Drache abgebildet war, der sich um einen Baumstamm wand, ein Symbol, das man sonst nur selten zu Gesicht bekam, in diesem Museum aber durchaus häufig wieder zu finden war.

Erinnerungen sind die ersten Geschichten, die man selbst zu erzählen weiß. Sie sind die Kunde deines eigenen Lebens.

Rhapsody glaubte die Worte im Geiste zu hören. Seltsam, dachte sie. Die Dinge, die es hier zu sehen gab, gehörten nun wahrhaftig nicht zu ihren Erinnerungen. Den Ring hatte sie nie zuvor gesehen, den Namen Gwydion von Manosse nie gehört. Womöglich war Stephens Erinnerung an seinen Freund dermaßen lebendig, dass die eigenen Gedanken davon berührt wurden.

Sie summte einen weichen Ton vor sich hin, der dazu angetan war, die Schwingungen fremder Gegenstände und deren Besitzer zu unterscheiden. Für einen kurzen Augenblick tauchte in ihrer Vorstellung das schemenhafte Bild eines Mannes auf, der in unvorstellbaren Schmerzen verging, ein Bild, das ihr auch schon unterwegs auf der Wurzel erschienen war. Sie ließ den Ring fallen. Stephen und die beiden Firbolg gingen bereits die Treppe hinunter. Grunthor drehte sich nach ihr um.

»Kommst du, Gräfin?«

Rhapsody nickte und eilte dem Riesen entgegen, der mit der Fackel in der Hand auf sie wartete. Im Flammenschein glühten die Augen des Drachenstandbilds bedrohlich und unheilvoll. Rhapsody warf noch einmal einen Blick zurück auf den Schrein, der jetzt im Dunkeln lag.

»Ich wünschte, ich hätte dir helfen können«, flüsterte sie.

Im Turm des Schlosses gingen die Lichter aus, eins nach dem anderen. Mit ihnen verschwand der rosige Schimmer der Ziegel, über die sich nun nächtlicher Schatten legte.

Achmed schaute zum Fenster hinaus, bis nur mehr der schwache Abglanz der Fackeln zu sehen war. Die für das Löschen der Lichter zuständigen Dienstboten hatten ihre Arbeit getan, und jetzt war alles dunkel und still. Über dem Hof zog Nebel auf.

Er ging zur Tür, lauschte kurz und öffnete sie dann ganz vorsichtig, dass nur ja kein Laut zu hören wäre. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sich niemand im Flur aufhielt, kehrte er in den Raum zurück und setzte sich auf den Stuhl neben Grunthors Bett.

»Als ich noch Millionen von Herzschlägen unter der Haut gespürt habe, war das alles sehr viel einfacher«, sagte er und schenkte sich von Stephens bestem Weinbrand ein. »Jetzt habe ich immer nur das ungute Gefühl, dass mir da jemand auflauert.«

Grunthor öffnete die Stiefelschnallen und wickelte die Lappen von den Füßen, die ihm als Innenschuh dienten. Er blickte auf und meinte mit ernster Miene: »Es ist hier, stimmt’s?«

Achmed trank einen Schluck und beugte sich nach vorn. »Ich weiß nicht«, antwortete er mit ungewohnt weicher Stimme. »Mir schwant da etwas. Es ist in diesem Teil der Welt, aber ich weiß nicht, ob es wirklich ist, wofür wir es halten.«

Polternd fiel ein schwerer Stiefel auf den polierten Fußboden. »Ich nehme an, du hast das Amulett gesehn?«

Achmed nickte. »Ja, und es hat eine verblüffende Ähnlichkeit. Aber Llauron sagte doch, dass Tsoltan von MacQuieth umgebracht worden sei. Jedem anderen wäre zuzutrauen gewesen, dass er die Sache verpfuscht, den Menschen tötet und den Dämon laufen lässt. Nicht aber MacQuieth. Das hoffe ich zumindest.«

»Und was nun?«

Der Dhrakier rückte so nahe an Grunthors Ohr, dass kein Dritter hätte mithören können, selbst wenn er mit ihnen im Zimmer gewesen wäre.

»Es ändert sich nichts. Wir gehen nach Canrif. Da hatten die Cymrer ihr Machtzentrum eingerichtet. Und jetzt sind da die Bolg. Wenn es denn Antworten gibt, werden wir sie dort finden, darauf wette ich. Wie auch immer, der Weg führt über Bethania. Da steht die Basilika, die dem Feuer geweiht ist. Vielleicht lässt sich dort mehr erfahren.«

Grunthor nickte. »Und die Gräfin?« Achmed wich seinem Blick aus. Der Sergeant richtete den Oberkörper auf und packte den Dhrakier bei der Schulter. »Ich schlage vor, wir lassen sie hier zurück. Es hat keinen Sinn, sie in diese Sache mit Reinzuziehen.«

»Bei uns ist sie aber sicherer. Vertrau mir.«

Der Sergeant gab dem Freund einen Knuff und ließ dann von ihm ab. »Wer sagt das? Meinst du nich, dass sie mit jemandem wie dem Edlen besser dran war? Er scheint sich in sie verguckt zu ham und macht ihr den Hof. Sie mag seine Kinder. Ich würd sagen, wir lassen sie hier.«

Achmeds Augen schienen Funken zu verschießen wie seine Cwellan ihre tödlichen Scheiben.

»Und was, wenn er derjenige ist? Nicht auszudenken, was er ihr antun würde. Willst du das verantworten? Glaub mir, wenn dem so wäre, würde sie sich unter die Knute des Luftverschwenders zurücksehnen. Und du könntest ihr einen Gefallen erweisen, indem du deine Drohungen wahr machtest und sie lebendig zum Frühstück verspeisen würdest. Das wäre ein gnädigeres Ende für sie.«

Grunthor ließ sich aufs Kopfkissen zurückfallen.

Achmed seufzte und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Mit Bestimmtheit weiß ich nur, dass du’s nicht bist und dass ich es nicht bin. Alles andere ist ungewiss. Rhapsody wird’s wahrscheinlich auch nicht sein, aber ausschließen lässt sich das nicht. Es könnte durchaus sein, dass sie damals in Ostend als Lockvogel auf uns angesetzt wurde.«

»Das ist doch verrückt.«

»Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Womöglich weiß sie ja selbst nichts davon. Sie war lange Zeit bei Llauron. Was wissen wir denn schon?« Seufzend setzte Achmed den geleerten Schwenker ab.

»Pass auf, so machen wir’s: Wir nehmen sie mit nach Bethania. Dort werden wir uns die Basilika ansehen. Vielleicht finden wir Hinweise, die uns verraten, ob dieser verfluchte Seher Recht hatte oder nicht. Danach werde ich ihr reinen Wein einschenken. Und wenn sie dann zu Stephen zurückkehren will, soll sie’s tun. Ist das kein fairer Vorschlag?«