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Grunthor streckte die Beine aus und zog die Bettdecke über den Bauch. »Was du so fair nennst...«

Am darauf folgenden Morgen frühstückte Rhapsody mit ihren neuen Enkelkindern und ging dann mit ihnen und ihrem Vater im Wald spazieren, während die beiden Firbolg ihre Sachen und den Reiseproviant zusammenpackten. Sie sang den Kindern Lieder vor, manche auf Lirin und auch solche, die sie von Llauron gelernt hatte, mit Versen, die in Orlandisch, der hiesigen Verkehrssprache, verfasst waren.

Sie ließ sich auch ganz neue Lieder einfallen, Lieder, die Meslisande und Gwydion auf musikalische Weise beschrieben, und allem Anschein nach erkannten sich die beiden tatsächlich darin wieder. Melisande hatte sie bei der Hand genommen und wich nicht mehr von ihrer Seite; Gwydion lief immer vornweg und versuchte, mit seinen Kenntnissen über den Wald und seiner Geschicklichkeit als Bogenschütze aufzutrumpfen. Der Herzog selbst sagte wenig, er beschränkte sich aufs Zuhören und schmunzelte vor sich hin.

In der kurzen Zeit des Miteinanders hatte Rhapsody schon viel über den jeweils eigenen Charakter ihren neuen Enkel erfahren. Der Ausdruck der Einsamkeit in Melisandes Augen war verschwunden; stattdessen zeigte sich nun in ihrer Miene die gleiche Lebenslust, die auch ihren Vater kennzeichnete. Sie sang mit Rhapsody, auch wenn sie die Lieder selbst nicht kannte, tanzte und stapfte, vor Vergnügen kreischend, durch die Pfützen auf dem Weg. Es war, als hätte sie nur auf die Erlaubnis gewartet, wieder fröhlich sein zu dürfen.

Gwydion wirkte zurückhaltender, obwohl er sich ansonsten weit zuversichtlicher gab als seine Schwester. In unbeobachteten Momenten legte sich ein melancholischer Schleier über sein Gesicht und die Augen zeugten von traurigen Gedanken, was Rhapsody nicht verborgen blieb.

Als die vier schließlich in den Schlosshof zurückgekehrt waren, verabschiedete sie sich von den Kindern, denn es war Zeit, dass sie mit ihrem Unterricht begannen. Rhapsody hockte sich auf die Fersen, fuhr mit den Fingern durch Melisandes goldene Locken und sagte: »Ich werde jeden Tag an dich denken. Du wirst mich hoffentlich auch nicht vergessen.«

»Bestimmt nicht«, antwortete das Mädchen und setzte eine geradezu empörte Miene auf. »Kommst du denn auch wieder zurück?«

»Ja«, sagte Rhapsody und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Das hoffe ich doch sehr.« Das Kind verlangte nach einer Zusicherung, doch sie wollte es nicht belügen, zumal nicht auszuschließen war, dass ihr womöglich das gleiche Schicksal wie seiner Mutter widerfahren würde. »Ich weiß leider nicht, wann wir uns wieder sehen. Aber das verspreche ich dir: Sobald ich die Möglichkeit dazu finde, werde ich dir schreiben.«

»Es bleibt dabei, ihr wollt in den Osten reisen?«, fragte Stephen, den Blick aufs Pflaster gesenkt. Sie schirmte mit der Hand das Licht der tief stehenden Wintersonne ab. »Ich glaube, ja. Die Entscheidung darüber liegt nicht bei mir.«

»Nun, wenn ihr euch etwas südlicher halten würdet, wäre in wenigen Tagen das Haus der Erinnerung erreicht, eine alte cymrische Festung, die auf die Tage der Ersten Flotte zurückdatiert. Sie ist mit Abstand das älteste cymrische Baudenkmal und hat eine sehr umfangreiche Bibliothek zu bieten. Als Halb-Lirin würde dich bestimmt auch der Baum dort interessieren. Es ist ein Ableger der mächtigen Sagia, der von der Ersten Flotte mitgebracht und im Hof der Festung gepflanzt wurde. Es ist eine wirklich beeindruckende historische Anlage. Umso mehr schäme ich mich, zugeben zu müssen, dass ich in letzter Zeit nur wenig für ihre Erhaltung getan habe. Der Bau der Verteidigungsanlagen hat Vorrang, denn der Schutz vor den drohenden Gefahren der Zukunft ist leider wichtiger als das Bewahren der Vergangenheit.«

»So ist es.« Sie gab Melisande noch einen Kuss und wandte sich dann dem Jungen zu. »Auf Wiedersehen, Gwydion. Du wirst mir fehlen. Wenn ich irgendwo schöne Pfeile oder Schnitzwerkzeuge sehe, werde ich sie dir zukommen lassen.«

»Danke«, sagte der Junge. »Wenn wir uns das nächste Mal sehen, bin ich bestimmt größer als du.«

»Daran zweifle ich nicht«, lachte sie.

»Im nächsten Jahr werde ich dreizehn. Dann bist du hoffentlich wieder bei uns«, sagte Gwydion. Rhapsody stand auf und breitete die Arme auseinander. Der Junge drückte sich an sie, trat aber schon bald wieder einen Schritt zurück und nahm seine Schwester bei der Hand.

»Komm, Mellie«, sagte er. Das kleine Mädchen winkte ein letztes Mal und eilte dann mit dem Bruder ins Haus.

Stephen schaute den Kindern hinterher. Als er sie in Sicherheit unter der Obhut von Rosella wähnen konnte, wandte er sich wieder Rhapsody zu.

»Du bist jederzeit bei uns willkommen. Die Kinder wären glücklich, wenn du demnächst etwas länger bleiben könntest.« Die Knie wurden ihm weich, als er Rhapsody lächeln sah.

»Ihr seid sehr freundlich. Ich wünschte, das ließe sich so einrichten. Tatsächlich würde ich lieber hier bleiben als weggehen.«

»Dann bleib doch«, sagte er spontan und so überhastet, dass er darüber in Verlegenheit geriet und erneut den Blick zu Boden senkte. »Verzeih.«

Rhapsody legte ihm die Hand auf den Arm, was seinen Herzschlag auf alarmierende Weise beschleunigte und ihm die Röte ins Gesicht trieb. »Was wäre an einer solchen Einladung zu verzeihen?« Sie seufzte, und es war, als seufzte der Wind mit ihr. »Ich will ehrlich sein, Eure Hoheit: Es wird mir wohl in nächster Zeit, ob hier oder woanders, überhaupt schwer fallen, mich zurechtzufinden. Aber vielleicht habe ich mich ja wieder gefunden, wenn ich dann irgendwann zurückkomme.«

»Hoffen wir’s. Und vergiss nicht: Du hast hier immer ein Zuhause. Schließlich gehörst du zur Familie, Omama«, sagte er und lachte.

Der Herzog nahm ihre Hand, führte sie an seine Lippen und hakte sie dann unter, als er mit ihr auf die beiden Firbolg zuging, die auf sie warteten.

»Du musst wiederkommen«, flüsterte er, »und sei es nur, um mir nachträglich zu erzählen, wie du an diese beiden da geraten bist.«

31

Aus ihren Gesprächen mit Stephen Navarne hatten die drei schlussfolgern können, dass sie fast auf den Tag genau zu Winteranfang der Wurzel entstiegen waren.

Im westlichen Roland setzten zu diesem Zeitpunkt in aller Regelmäßigkeit heftige Schneefälle ein. Im Verlauf der ersten beiden Monate herrschte dann zumeist ein sehr unbeständiges Wetter bei durchweg milderen Temperaturen; mal taute, mal stürmte es. Anschließend kehrte der Winter in aller Härte zurück und dauerte über die zweite Hälfte unvermindert an. Ihren Berechnungen nach nährten sie sich dem Ende der Tauperiode. Bald würde sich wieder der Winter durchsetzen.

Doch noch war davon nichts zu spüren, als sie von Haguefort aufbrachen und den von Stephen beschriebenen Weg einschlugen, der zum Haus der Erinnerung führte. Der Tag war kühl und klar. Die helle Sonne brannte ihnen in den Augen, und von den Ästen der Bäume tropfte nasser Schnee. Den Firbolg stand anfangs nicht der Sinn danach, das Haus aufzusuchen. Als sie aber hörten, dass es der erste militärische Vorposten der Einwanderer der Ersten Flotte war, änderten sie ihre Meinung. Achmed hoffte, anhand der Architektur und Ausstattung des Forts Aufschluss darüber gewinnen zu können, welche Verhältnisse die Cymrer zum Zeitpunkt ihrer Landung angetroffen hatten.

»Was haben wir davon?«, fragte Rhapsody verdrießlich. Sie hatte die Trennung von den Kindern noch nicht verwundern.

»Vielleicht erfahren wir dort, was ihnen, wenn überhaupt, im Kielwasser gefolgt ist«, antwortete Achmed.

Die Sängerin blieb plötzlich stehen und hielt ihn am Ellbogen zurück. »Was soll das heißen? Du glaubst, dass ihnen jemand gefolgt ist?«

Achmed schaute ihr ins Gesicht. Seine Miene war ungerührt. »Nach der Geschichte über Stephens toten Freund halte ich das für durchaus möglich.«