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Rhapsody sah sich um. Der stille Wald, der bislang so friedlich auf sie gewirkt hatte, machte ihr plötzlich Angst. Sie schaute zurück auf die Gefährten, die sie mit fragenden Blicken bedachten.

»Was ist los, Gräfin? Stimmt was nich?«

Sie holte tief Luft. »Kann es sein, dass Stephens Freund gar nicht tot ist?«

Die beiden Firbolg zwinkerten mit den Augen. »Möglich ist alles, aber das wäre dann doch sehr unwahrscheinlich«, entgegnete Achmed. »Wie kommst du darauf? Habe ich irgendeinen Hinweis überhört?«

»Nein«, antwortete sie. »Ich habe da nur so ein unbestimmtes Gefühclass="underline" Mir ist, als wäre ein Teil von ihm noch am Leben. Ich kann’s mir selbst nicht erklären.«

»Deine Gefühle in allen Ehren; du hast ja auch schon gewisse hellseherische Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Aber ich gehe davon aus, dass Stephen und auch Khaddyr erfahren genug sind, um den Tod eines Mannes mit Bestimmtheit feststellen zu können.«

»Zugegeben«, sagte sie und setzte sich wieder in Bewegung. Manchmal kam es ihr vor, als wäre sie ein ganzes Leben lang ununterbrochen auf Reisen, von einer Etappe zur nächsten. In gewisser Weise war dieses neue Land, dieser tiefe, stille Wald, nichts anderes als die Wurzel in veränderter Gestalt. Die Sterne am Himmel schienen in greifbarer Nähe zu sein. Freudig langte sie mit den Händen danach aus.

Der hellste Stern zitterte, als fröstelte ihm vor Kälte. Plötzlich fiel ein Stern nach dem anderen auf die Erde hernieder, nicht etwa rasend schnell, sondern langsam, als schwebten sie wie kleine Schneeflocken in der milden Luft.

Fang sie auf! Halt sie fest.

Der Wind strich flüsternd über ihre geöffneten Hände, und prickelnd wie Funken landeten die winzigen Sterne auf ihrer Haut. Sie schloss die Finger darüber.

Ich hab sie. Ich hob siel

Strahlender Glanz pulsierte zwischen den Fingern. Die Haut glühte, und Rhapsody fühlte sich von einem tiefen Glücksgefühl durchdrungen.

Doch mit einem Male verlosch das Licht. Sie öffnete die schmerzenden Hände, in deren Haut sich kleine schwarze Löcher hineingebrannt hatten.

Nein, gütiger Himmel, nein!

Ein Lichtschimmer unter ihr. Bewegte Wasseroberfläche. Aus einem kreisrunden, dunklen Spalt funkelten ihr die Sterne entgegen. Das Zischen ausbrennender Glut im Wasserlauf. Dann wieder Dunkelheit.

Schluchzend wachte Rhapsody mitten in der Nacht auf, geweckt von einem alten Traum aus trauriger Zeit. Sie hatte ihn fast schon vergessen. Warum ausgerechnet jetzt?, dachte sie benommen, wälzte sich auf den Bauch und vergrub ihr Gesicht in der Decke.

Einen Augenblick später spürte sie eine klobige Hand über ihr Haar streichen, erstaunlich sanft, so groß, wie sie war.

»Euer Liebden? Bist du wach?«

Sie nickte, ohne den Kopf zu heben, und hoffte, Grunthor würde sich beruhigt wieder hinlegen und weiterschlafen wollen.

»Ich hab hier was für dich. Sieh mal.«

Rhapsody ließ ein müdes Seufzen verlauten, hob das tränennasse Gesicht und blickte auf. So gewöhnungsbedürftig es auch gewesen war, jetzt wirkte sein Grinsen unwiderstehlich und ansteckend auf sie. Sie lächelte matt.

»Tut mir Leid, Grunthor.«

Er schnaubte. »Dir muss doch nichts Leid tun. Gib mir deine Hand. Komm, ich helf dir auf.«

Widerwillig ließ sie es geschehen, dass Grunthor sie zum Sitzen hochhievte, wollte sie doch viel lieber in Ruhe gelassen werden. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und strich sie aus dem Gesicht, als der Riese ihr etwas in den Schoß legte.

Es war ein harter, eigentümlich geformter Gegenstand mit einer Oberfläche so glatt wie Seide. Sie nahm ihn zur Hand und sah, dass es sich um eine Muschelschale handelte.

»Es heißt, dass so was singen kann, aber ich hör nichts. Für mich ist das Ding einfach nur hohl. Vielleicht kannst du was damit anfangen. Halt’s mal ans Ohr.«

»Woher hast du das?«, fragte Rhapsody und musterte die Schale mit staunenden Blicken.

Der riesige Bolg lehnte sich zurück. »Aus dem Meer. Es hat im Sand gesteckt, zwischen den Schiffswracks, von denen wir dir erzählt ham. Ich dachte, das Ding könnte dir gefallen und gut tun, wenn du wieder mal schlecht träumst.«

Wieder traten ihr Tränen in die Augen. »Du bist der beste Bolg, den’s je gegeben hat.«

Du bist das wundervollste Mädchen auf der ganzen Welt.

»Keine Frage«, antwortete Grunthor mit gespielter Selbstgefälligkeit. Rhapsody lachte und zwinkerte die Tränen aus den Augen. »Leg dich wieder hin und halt die Muschel an’s Ohr. Vielleicht singt sie dich in den Schlaf.«

»Vielen Dank. Das will ich tun. Gute Nacht.«

»Gute Nacht. Ich würde dir ja gern angenehme Träume wünschen, aber...«

Lachend legte sich Rhapsody auf die Decke zurück und lauschte dem Rauschen aus der Muschel. Bald träumte sie von der Meeresbrandung und schreienden Möwen, und in der Ferne tauchten die Umrisse eines lang gezogenen, dunklen Spalts auf, darin die Pupille eines einzelnen Schlangenauges. Nach drei Tagen trafen sie auf eine Reihe von Hinweisen, die Stephen ihnen in seiner Wegbeschreibung geschildert hatte und die bestätigten, dass sie sich immer noch auf dem richtigen Weg befanden. Die Landschaft hatte einen etwas anderen Charakter angenommen und schien noch weniger bevölkert oder bereist zu sein als die Gebiete, durch die sie gekommen waren.

Der alte Wald machte jungen Bäumen Platz. Pappeln, Fichten und Birken verdrängten die knorrigen Eichen, Eschen und Ahornbäume. Die Schneeflecken und die silbrig helle Rinde der Birken gaben der Szene einen unheimlichen Anstrich.

Der über Nacht gefrierende Schnee bildete eine glänzende Eiskruste aus, die unter den Schritten von Rhapsody und Grunthor knirschend zerbarst. Achmed dagegen verstand es auch hier, sich völlig lautlos zu bewegen. Je weiter sie auf ihrem Weg voranschritten, desto kälter wurde es. Das Tauwetter hatte die Landschaft, die sie jetzt durchwanderten, allem Anschein nach noch nicht erreicht. Rhapsody pfiff ein Lied im Rhythmus ihrer Schritte vor sich hin. Auf den Schwingen eines frischen Windes war die Morgendämmerung aufgezogen, und sie half mit ihrer Melodie nach, das Dunkel am bewölkten Himmel zu vertreiben.

Der Kontrast zwischen der weißen Schneedecke und den dunklen Bäumen war von unheimlicher Schönheit, die etwas zu verbergen schien. Rhapsody bereute es, die beiden Freunde nach Gwydion gefragt zu haben. Deren übertriebene Vorsicht überschattete den ansonsten friedlichen und angenehmen Marsch.

Dann und wann kam es vor, dass Grunthor den Schritt verlangsamte, sich nach allen Seiten hin umschaute und die Ohren spitzte, als hätte er in der Ferne ein Geräusch vernommen. Mit Blick auf Achmed, der ebenfalls angestrengt lauschte, zuckte er dann mit den Schultern und fiel seufzend in das alte Marschtempo zurück. Sooft er auf diese Weise innehielt, hörte Rhapsody zu pfeifen auf, und wenn sie das Lied dann fortsetzte, wurde es von Mal zu Mal düsterer im Ton und langsamer im Tempo. Plötzlich blieb Grunthor wie angewurzelt stehen und spähte geradeaus.

»Da stimmt was nich.«

»Was soll das heißen?«, fragte Rhapsody. Schon hatte Achmed seine Cwellan angelegt.

Der Riese schaute blinzelnd zur Sonne empor. »Das weiß ich auch nich, aber irgendwas is nicht in Ordnung. Das hab ich im Gefühl, und der Verdacht wird stärker, je weiter wir vorrücken.« Er nickte nach vorn. Die beiden anderen folgten seinem Blick.

»Was hörst du? Menschen? Tiere?« Achmed warf einen Blick über die Schulter zurück.

»Wenn ich das wüsste«, antwortete Grunthor. »Es ist, als war dem Boden unter unseren Füßen schlecht geworden.«

Rhapsody hob den Arm und fuhr dem Riesen mit der Hand über die Stirn. Die war heiß und schweißnass. »Dem Waldboden fehlt nichts. Du bist es, der krank ist.«

»Das eine schließt das andere nicht aus«, sagte Achmed und fuhr auf dem Absatz herum. Er lauschte in die Stille des Waldes. »Grunthor steht in Verbindung mit der Erde. Erinnerst du dich nicht? Und wenn da etwas ist, das dem Boden nicht bekommt, wird es ihm als Erstem auffallen. Halt deine Stahlfackel in Bereitschaft.«