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Rhapsody nickte und griff nach dem Schwert, ließ es aber noch in der Scheide stecken. Grunthor hob das Stangenbeil, das er in der Hand hielt.

Achmed machte die Augen zu und konzentrierte sich, richtete seine Gedanken auf den Weg so wie einst auf seine lebendigen Ziele. Und tatsächlich tauchte vor seinem inneren Auge ein Bild auf: Er sah sich selbst und seine beiden Gefährten aus luftiger Höhe.

Der Pfad, auf dem sie standen, verlor sich im schattigen Dickicht des Waldes. Wie schon damals auf der Wurzel rief er die im Bauch der Erde erworbenen Künste auf, und sein hellsichtiger Blick raste so schnell dahin wie ein Geschoss seiner Cwellan. Unter ihm verwischten die Bäume zu einem gestreiften Dunkelgrün.

In Schwindel erregendem Tempo folgte sein zweites Gesicht jeder Biegung des Weges, tauchte unter umgestürzten Bäumen hinweg. Plötzlich geriet eine Lichtung ins Blickfeld, an deren Rand eine Festung mit Turm zu erkennen war. Zu beiden Seiten der Pforte stand ein schwer bewaffneter und gut gerüsteter Wachposten. Das Bild, das sich seinem zweiten Gesicht auf diese Weise bot, nahm plötzlich eine rote Tönung an, und die Wachen lösten sich in Schatten auf.

Achmed spürte sein Herz schneller schlagen, um mit einem anderen Schritt zu halten; er hörte das eigene Blut in den Ohren rauschen und dazu den Rhythmus eines fremden Pulsschlags.

Er kannte dieses Gefühl seit seiner Kindheit, und er hatte schon Gebrauch davon gemacht, lange bevor ihm sein Name genommen worden war. Die Blutsverwandtschaft, die er auf der Wurzel beim Gang durch das Feuer verloren hatte, hatte sich erneuert. Sie war zwar nicht dieselbe, aber doch ganz ähnlich. Als das Bild vor seinem inneren Auge in dunklem Rot ertrank, das seine Sinne überflutete, stieg eine Angst in ihm auf, die so schrecklich war, dass sich ihm der Magen verknotete. Grunthor hatte Recht. Was sich dort hinter der Pforte verbarg, war böse, verteufelt. Es kostete ihn enorm viel Anstrengung, den visionären Blick zu lösen und wieder zu Sinnen zu kommen. Ganz plötzlich verlor er das Gleichgewicht, stolperte und spürte, wie ihm die Galle hochstieg. Er knickte in den Knien ein und übergab sich.

. Sofort war Rhapsody zur Stelle und hielt ihn bei den Schultern gepackt. Entsetzt musste sie mit ansehen, wie er einen Schwall Blut in den Schnee erbrach. Achmed würgte und keuchte und versuchte, die Vision restlos von sich abzuschütteln. Schließlich blickte er auf das besorgte Gesicht der Sängerin.

»Geht’s wieder?«

»Ich werd’s überleben«, sagte er und schluckte.

»Was ist passiert? Was hast du gesehen?«

»Nun, die Richtung stimmt; wir sind dem Haus schon ziemlich nahe gekommen. Und Grunthor hat offenbar Recht: An diesem Haus ist irgendetwas schrecklich faul.« Achmed ergriff Grunthors ausgestreckte Hand und zog sich hoch. Dann beugte er den Rumpf, atmete tief durch und richtete sich schließlich langsam auf. »Auf dem Weg selbst lauert keine Gefahr. Aber als ich das Haus sah, hat sich mein Blick blutrot eingetrübt. Und ich spürte diesen Pulsschlag, genau so, wie es früher auf der Insel der Fall war.«

»Hast du nicht gesagt, dass deine Verbindung zum Blut verloren gegangen ist?«, fragte Rhapsody.

»Ja, und so war es auch. Im Übrigen ist es diesmal nicht dasselbe gewesen.«

»Vielleicht hast du hier in der neuen Welt ’n andern Blutskontakt und Durchblick«, meinte Grunthor.

»In der neuen Welt dürfte ich eigentlich überhaupt nichts durch das Blut wahrnehmen. Hast du je erlebt, dass ich mich übergeben musste?«

Der Sergeant schüttelte den Kopf. Ein eisiger Windstoß warf den dreien einen Schwung pulverfeiner Schneekristalle entgegen. Die beiden Freunde zittern und kränkeln zu sehen machte Rhapsody Angst. Sie holte ein paarmal tief Luft in der Hoffnung, das heftig pochende Herz zu beruhigen. Im Grunde aber wusste sie, dass an dem alten Haus kein Weg vorbeiführte.

»Vielleicht sehen wir klarer, wenn wir uns ein Stück weiter vorgewagt haben«, sagte sie. Grunthor wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Warum sollten wir? Ich will nich kneifen, bin aber auch nich gerade versessen drauf, in Schwierigkeiten zu geraten.«

»Sie hat Recht«, sagte Achmed und fuhr sich mit zittriger Hand durch das wirre Haar.

»Hör ich richtig?«, staunte Rhapsody. »Du gibst mir Recht?«

»Lass es dir nicht zu Kopf steigen«, entgegnete Achmed. »Wir müssen herauszufinden versuchen, warum mir meine alte Gabe wieder zugefallen ist und was auch dir, Grunthor, so aufs Gemüt schlägt. Hoffen wir, dass kein altes Problem dahinter steckt, das uns hier in der neuen Welt noch nachhängt. Wie dem auch sei, wenn wir sicher sein wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als Nachforschungen anzustellen.«

Rhapsody stöberte in ihrem Gepäck. »Ich habe ein paar Wintergrünblätter. Die helfen bei Magenbeschwerden. Und wenn ihr euch noch ein bisschen gedulden könnt, habe ich gleich zwei feuchte Tücher parat, mit denen ihr euch dann die Stirn abwischen könnt.« Sie breitete zwei kleine, quadratische Taschentücher vor sich aus, drückte sie mit den Händen in den Schnee und konzentrierte sich auf ihr inneres Feuer. Wenige Augenblicke später waren die Tücher von Schmelzwasser durchfeuchtet.

Obwohl er merklich unter Schmerzen litt, rang sich Achmed ein Lächeln ab. »Wie ich sehe, verstehst du dich auf deine Künste immer besser«, meinte er. »Ehrlich gesagt habe ich daran auch nie gezweifelt.«

Rhapsody beantwortete sein Lächeln und reichte ihm ein Blatt Wintergrün. »Lutsch daran, dann geht’s dir bald schon besser. Aber lass es dir nicht zu Kopf steigen.«

»Also los, gehn wir weiter«, drängte Grunthor und wischte sich mit dem Tuch Stirn und Wangen ab.

»Am Tor stehen zwei Wachen, um die wir uns kümmern müssen«, fügte Achmed hinzu.

»Augenblick, was soll das heißen?«, fragte Rhapsody nervös. Grunthor und Achmed musterten sie mit verwunderten Blicken. »Und wenn sie nichts Schlimmes auf dem Kerbholz haben?« Immer noch starrten die beiden sie an. »Wir können doch nicht einfach unschuldige Männer töten, nur weil sie uns im Weg stehen.«

»Tja, meine Liebe, das hat uns eigentlich noch nie ...«, hob Grunthor an, brach aber, durch einen flüchtigen Blick von Achmed zurechtgewiesen, mitten im Satz ab.

»Hör zu«, sagte Achmed ungeduldig, »der Herzog hat dir allem Anschein nach gut gefallen. Von zwei bewaffneten Männern, die vor dem Haus Wache stehen, hat er nichts gesagt, oder?«

»Nein.« Die Hand, die das Heft des Schwertes umklammert hielt, fing an zu zittern.

»Und was verrät uns das?«

»Nichts«, beeilte sie sich zu antworten. »Es könnte doch sein, dass die beiden Wachen in den Diensten irgendeiner Herrschaft stehen, die dort nur zu Besuch ist, so wie wir. Willst du etwa, dass man wieder Jagd auf uns macht?«

Achmed knurrte verärgert. »Was schlägst du also vor, du kluges Mädchen?«

»Wir können mit ihnen reden.«

Grunthor öffnete den Mund, um Widerspruch zu erheben, doch Achmed wiegelte ab.

Er musterte sie und schaute ihr dann in die Augen, die so grün wie das Laub der immergrünen Bäume waren und so leuchtend hell wie Eiskristalle. Der rosenrote Mund zeigte sich entschlossen, doch verrieten die Falten auf der Stirn ernste Besorgnis. Um diesen Ausdruck bereichert, wirkte ihr ohnehin bezaubernd schönes Gesicht geradezu faszinierend.

»Wärst du bereit, das Reden zu übernehmen?«, fragte er schließlich. »Wenn wir, Grunthor und ich, an Türen klopfen, ist uns meist kein freundlicher Empfang beschieden.«

»Ja, das will ich gern tun.«

Der Dhrakier richtete seinen Blick zurück auf Grunthor. Der war merklich ungehalten, sagte aber nichts.

»Na schön, versuchen wir’s auf deine Art«, murmelte Achmed. »Wir werden uns so lange versteckt halten und dir den Rücken decken.«

»So machen wir’s«, sagte sie.

32

Der graue Tag musste trübem Zwielicht weichen. Noch bevor es dunkel wurde, hatte sich eine tödliche Stille über den Wald gelegt. Kein Wintervogel war zu hören, und nirgends raschelte ein Tier im Laub. Es rührte sich kein Lüftchen. Nur ab und an knarrte oder brach ein Ast unter der Last des Schnees. Sie gelangten schließlich an eine Lichtung, die von dichtem, dornigem Gebüsch umsäumt war. Rhapsody registrierte beiläufig, dass es sich um Brombeersträucher handelte, die aber, verkümmert wie sie waren, wahrscheinlich nie mehr Früchte tragen würden. Hinter dem Dickicht erkannte sie die vagen Umrisse eines Hauses.