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Langsam und vorsichtig gingen sie noch ein Stück weiter und drückten sich am Rand des Wegs entlang, bis sie eine Stelle erreichten, die ihnen einen besseren Ausblick auf die Lichtung und das Haus erlaubte. Kein Zweifel, es war das Haus, wonach sie suchten. Seitlich erhob sich ein aus Bruchsteinen gemauerter Turm, der einen quadratischen, ummauerten Hof überblickte. An den vier Ecken dieses Hofes waren bewaffnete Wachen postiert.

In der Mitte des Hofes stand ein kahler Baum, der auf Rhapsody aus der Entfernung einen abgestorbenen Eindruck machte. Seit ihrer Lehrzeit bei Llauron war sie sehr wohl in der Lage, den Gesundheitszustand von Bäumen einzuschätzen. Und dieser Baum schien ihr unrettbar verloren zu sein.

Die Mauern rings um den Hof waren einmal weiß getüncht gewesen, doch mit der Zeit hatten sich Moose und Flechten darauf breit gemacht. Das Dach des Hauses war mit Schiefer gedeckt, und eine große Eingangstür stand einen Spaltbreit offen, als erwartete man Besuch. Achmed und Grunthor trennten sich, um im Schutz des Dickichts um das Haus zu schleichen, der eine links, der andere rechts herum. Rhapsody war immer wieder aufs Neue erstaunt darüber, wie lautlos sich die beiden im Unterholz zu bewegen verstanden. Überdies waren sie kaum zu erkennen, was vor allem bei Grunthor und seinen gewaltigen Ausmaßen überraschte. Sie sah sich um und hoffte inständig, dass die beiden unentdeckt blieben. Sie richtete ihren Blick zurück auf das Haus. Zu beiden Seiten des Tores stand ein Mann in einem Harnisch aus Leder und Ketten, mit einem langen Speer bewaffnet. Obwohl es inzwischen recht dunkel geworden war, brannte hinter den Fenstern des Hauses keine einzige Kerze. Zu hören war nichts als ein leises, unregelmäßiges Klicken, das von einer Birke herrührte, die mit ihren langen Zweigen an die Mauern und das Dach des Hauses schlug. Einmal glaubte Rhapsody auch, ein unterdrücktes Schluchzen zu hören, das sie nach kurzem Innehalten aber dem Wind zuschrieb.

»Bist du so weit? Sieh zu, dass wir dich immer im Auge behalten können«, riet Achmed, und es war, als flüsterte er ihr ins Ohr, obwohl er etliche Schritte entfernt stand. Offenbar war er von einer kurzen Erkundungstour zurückgekehrt. Sie nickte ihm zu, worauf er wieder im Dunkeln verschwand. Rhapsody fasste sich ein Herz, trat hinter dem Dickicht hervor und näherte sich dem Haus. Kaum hatten sie die Frau erblickt, senkten die Wachen ihre Speere. Rhapsody wurde vor Angst und Nervosität ganz schwindlig. Sie lächelte, obwohl ihr ganz und gar nicht danach zu Mute war, zumal sie den Gestank faulenden Fleisches wahrzunehmen meinte.

»Hallo«, grüßte sie freundlich. Die Wachen waren offenbar sehr angetan. Einem der beiden Männer klappte bei ihrem Anblick der Unterkiefer herunter, und fast wäre ihm der Speer aus der Hand gefallen. »Bin ich hier richtig, am Haus der Erinnerung?«

Der eine Posten nickte stumm. Rhapsody bemerkte, dass der andere sehr viel beherrschter und weniger leicht aus der Fassung zu bringen war, was sie beklommen machte.

»Das war ja dann leicht zu finden«, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. Jetzt fingen auch die Hände des zweiten Wachpostens zu zittern an. Nach dem Gang durch das große Feuer sehe ich anscheinend zum Fürchten aus, dachte sie. Von ihrer eher schmächtigen Statur waren die beiden Kerle gewiss nicht eingeschüchtert.

»Ich bin mit Freunden hier verabredetet. Habt ihr sie gesehen?« Rhapsody wählte die Worte mit Bedacht und versuchte mit ihrer Frage herauszufinden, ob Grunthor oder Achmed auf ihren Schleichwegen um das Haus womöglich entdeckt worden waren.

»Willst... willst du meine Frau werden?«, fragte der erste Posten.

Rhapsody stutzte, fing aber dann zu lachen an. Sie stellte sich vor, wie wohl Grunthor auf diese Frage reagiert hätte, wäre er zur Stelle gewesen.

Vertraulich beugte sie sich ihm zu und sagte: »Ich fürchte, meinem Freund würden solche Anträge, auch wenn sie nur scherzhaft gemeint sind, überhaupt nicht gefallen. Er ist sehr fürsorglich und wird fuchsteufelswild, wenn er glaubt, dass man mich beleidigen will.«

Der junge Mann wurde nervös. »Nein, Fräulein, ich ...«

»Schwamm drüber. Habt ihr ihn schon gesehen? Er müsste euch jedenfalls aufgefallen sein, so groß und, nun ja, Furcht erregend, wie er aussieht.«

Die beiden Wachen tauschten flüchtige Blicke; ihnen war, wie Rhapsody bemerkte, nicht wohl in ihrer Haut. Ihre Worte hatten eine Wirkung ausgeübt, die gar nicht beabsichtigt gewesen war.

Der zweite Wachposten fasste all seinen Mut zusammen und sprach: »Du bist hier mit ihm verabredet? Nein, er ist zwar für heute angekündigt, allerdings noch nicht eingetroffen. Aber tritt ein, drinnen ist’s wärmer. Und lass dir versichern: Meinem Freund lag nichts ferner, als dich zu beleidigen.«

Zuvorkommend stieß der erste Posten die Tür auf und machte ihr den Weg frei. Rhapsody warf einen Blick über die Schulter zurück, konnte aber weder von Grunthor noch Achmed irgendeine Spur erkennen. Gleichwohl glaubte sie Achmed leise vor sich hin fluchen zu hören, verärgert darüber, dass sie sich nun anschickte, ins Haus zu gehen, wo er sie nicht mehr würde unter Beobachtung halten können. Die Hand wie beiläufig auf den Knauf des Schwertes gelegt, folgte sie dem ersten Wächter über die Schwelle. Sie betraten eine verdunkelte Vorhalle. In die Seitenwände links und rechts waren schwere Türen eingelassen. Vor ihnen öffnete sich ein Portal in einen großen Garten. Rhapsody erstarrte und hielt die Luft an.

Eine geradezu sichtbare Wolke aus eklig süßlichem Gestank wie von faulendem Fleisch schlug ihr entgegen. Rhapsody wurde kreidebleich, würgte und schluckte die Galle hinunter, die ihr hochgekommen war. Noch mehr als der Gestank entsetzte sie der Anblick, der sich ihr bot. Sie starrte in den als Garten gestalteten, großen Innenhof hinaus, in dessen Mitte der abgestorbene Baum aufragte. Der blutverschmierte Schnee lag wie eine rosige Decke auf dem Boden ausgebreitet. Inmitten des Gartens standen zwei Holzgerüste, wie man sie zum Schlachten von Schweinen nutzte. Dazwischen befand sich ein großer Altar aus dunklem Gestein. In dessen Sockel war eine Rinne eingemeißelt worden, die in eine kunstvoll gestaltete Wanne führte. Links und rechts daneben standen zwei ähnliche Wannen, die ihrerseits über eine Zuleitung mit zwei großen, unter den Schlachtgestellen platzierten Fässern verbunden waren.

Von den drei Wannen führten wiederum drei Rinnen ab, die auf verschlungenen Wegen in einen großen kupfernen Kessel führten, der außen mit einer dicken Rußschicht bedeckt war. Im Kessel selbst wie auch in den Rinnen und Wannen stand eine schwarze, dicke Flüssigkeit.

Um was es sich bei dieser Flüssigkeit wohl handeln mochte, war nicht schwer zu erraten. Auf dem Altar und in den Holzgestellen rechts und links davon hingen drei Kinder mit aufgeschlitzten Kehlen und Handgelenken, aus denen all ihr Blut ausgelaufen war. Rhapsody überkam ein schrecklicher Ekel, und vor ihren Augen drehte sich plötzlich alles.

Diese Reaktion überraschte die beiden Wachen offenbar. Der Erste sah sie mit fragender Miene an. Im Rücken hörte Rhapsody den anderen unruhig auf der Stelle treten, und es schien, als bereitete er sich auf einen Angriff vor. Plötzlich vernahm sie das Sirren von Projektilen aus Achmeds Waffe, worauf die Wache hinter ihr zu Boden stürzte.

Spontan zog sie die Tagessternfanfare. Als das Langschwert aus der Scheide glitt, ertönte ein Schall wie aus einem melodischen Hörn. Die Klinge flammte auf und brannte heller, als sie es je gesehen hatte.

Merklich in Panik geraten, begann der andere Wachsoldat einen wüsten Angriff. Die Flammen des Schwertes loderten auf.