Gurvan fuhr mit seiner Arbeit fort, und Fidelma hockte sich neben ihn. Sie beobachtete, daß hier und da kleine Rinnsale zwischen den Planken hereinkamen, und es wurde ihr klar, daß auf der anderen Seite dieser Planken das Meer war.
»Ist es gefährlich?« flüsterte sie. »Dringt die See ein?«
Gurvan grinste.
»Du meine Güte, nein, Lady. Sickerstellen treten auch bei den besten Schiffen auf, besonders nach einer so rauhen Fahrt, wie wir sie hatten, erst den Sturm und dann die Durchfahrt durch das Neck. Es ist schon ein Wunder, daß nicht ein paar Planken eingedrückt wurden. Aber das hier ist ein gutes und festes Schiff. Die Planken sind karweelgebaut und halten viel aus.«
»Und was machst du hier?« Sie war noch nicht ganz überzeugt und wollte nicht eingestehen, daß sie keine Ahnung hatte, was »karweelgebaut« bedeutete.
»Das nennt man kalfatern, Lady.« Er wies auf den Eimer. »Das sind Haselnußblätter. Ich drücke sie in die Spalten zwischen den Planken, und das macht sie wasserdicht.«
»Es sieht so ... so dünn aus gegenüber solch tobender See.«
»Es ist eine bewährte und zuverlässige Methode«, versicherte ihr Gurvan. »Die großen Schiffe unserer Vorfahren, der Veneter, gingen mit solcher Kalfaterung in die Schlacht gegen Julius Caesar. Aber du bist nicht hier heruntergekommen, um mich nach dem Kalfatern zu fragen, nicht wahr?«
Zögernd nickte Fidelma.
»Nein. Ich wollte dich fragen, wie du nach Schwester Muirgel gesucht hast.«
»Nach der Nonne, die über Bord ging?« Gurvan hielt inne und schien seine Arbeit zu prüfen. Dann sagte er: »Der Kapitän gab mir den Auftrag, nach ihr zu suchen. Auf einem Schiff von vierundzwanzig Meter Länge gibt es nicht viele Stellen, an denen sich ein Mensch verbergen kann, ob zufällig oder absichtlich. Es war bald klar, daß sich die Frau nicht an Bord befand.«
»Du hast überall gesucht?«
Gurvan lächelte geduldig.
»Überall, wo sich jemand verstecken könnte, wenn er wollte. An einer Stelle allerdings nicht, weil ich annahm, daß eine Frau da nicht reinginge, nämlich in der Bilge, das ist der Kielraum des Schiffes, in dem sich gewöhnlich Ratten, Mäuse und Abfall ansammeln.«
Fidelma erschauerte unwillkürlich. Gurvan lächelte etwas sadistisch bei ihrer Reaktion.
»Nein, Lady, außer in den Kajüten der Passagiere, die ja schon abgesucht waren, habe ich überall nachgeschaut. Es blieb nur die Folgerung, daß die arme Frau über Bord fiel.«
»Vielen Dank, Gurvan.« Fidelma erhob sich und ging durch das Schiff zurück.
Eigentlich hatte sie Schwester Gorman nicht als nächste befragen wollen, doch als sie an ihrer Kajütentür vorbeikam, klopfte sie an und blickte hinein. Schwester Gorman saß auf ihrer Koje und sah blaß und unglücklich aus.
»Störe ich?« fragte Fidelma, als sie auf Gormans Einladung eintrat.
»Schwester Fidelma.« Das junge Mädchen blickte nervös auf. »Ich lasse mich gern stören. Diese Reise verläuft nicht so, wie ich es erwartet hatte.«
»Was hattest du denn erwartet?« fragte Fidelma und setzte sich.
»Ach.« Das Mädchen hielt inne, als müsse es darüber nachdenken. »Ich glaube, alles läuft immer anders, als man denkt, aber eine Pilgerfahrt, eine Reise zu einem Schrein, in dem ein Heiliger liegt, der noch den lebendigen Christus gekannt hat . Sollte das nicht eine ganz bedeutsame, erregende Fahrt sein?«
»Ist diese Fahrt nicht erregend genug? Nach all den Zwischenfällen hätte ich das angenommen.« Fidelma behielt einen leichten Ton bei.
Schwester Gorman kniff die Lippen zusammen. Als sie nicht antwortete, änderte Fidelma ihren Ton und wurde ernst. Sie rückte näher zu dem Mädchen heran.
»Der Verlust von Schwester Muirgel ist sicherlich ein schwerer Schlag für eure Gruppe.«
Das Mädchen rümpfte verächtlich die Nase.
»Ach die!« sagte sie voller Abscheu.
Fidelma griff das sofort auf.
»Mir scheint, du warst keine Freundin von Schwester Muirgel?«
»Es tut mir leid, daß sie tot ist«, erwiderte Schwester Gorman abweisend.
»Aber du mochtest sie nicht?«
»Ich fühle mich nicht schuldig, weil ich sie nicht mochte.«
»Meint jemand, du solltest dich schuldig fühlen?«
»Wenn jemand stirbt, fühlt man sich immer schuldig, falls man böse Gedanken gegen ihn gehegt hat.«
»Und du hast böse Gedanken gehegt?«
»Hat das nicht jeder gemacht?«
»Das weiß ich nicht, weil ich eine Fremde bin. Ich dachte, ihr wärt alle Pilger, die zusammen reisen.«
»Das stimmt. Es bedeutet aber nicht, daß wir uns alle mögen. Ich hab mit keinem in der Gruppe etwas gemein außer . « Sie hielt kurz inne und fuhr rasch fort: »Jedenfalls hat mich Schwester Muirgel schikaniert, und ich - ich habe sie gehaßt!«
Die Worte wurden noch dadurch betont, daß Schwester Gorman sie beinahe hinausspuckte. Fidelma sah sie ernst an.
»Und nun glaubst du, wegen dieses Hasses müßtest du dich schuldig fühlen?«
»Das tue ich aber nicht.«
»Weshalb hast du sie eigentlich gehaßt, Schwester Gorman?«
Das Mädchen saß da und überlegte.
»Sie hackte immer auf mir herum, weil ich jung war und aus einer armen Familie kam. Mein Vater war kein Fürst, sondern Gastwirt. Ich lernte etwas lesen und ging dann in die Abtei Moville, um weiter zu studieren. Muirgel und Crella zwangen mich dazu, ihr Dienstmädchen zu sein.«
»Sie zwangen dich?« Fidelma war nicht so naiv, daß sie nicht wußte, daß man hinter den Mauern von Abteien und Klöstern nicht nur freundlich miteinander umging, so wie in jeder anderen Anstalt. »Beide Schwestern, Muirgel und Crella, schikanierten dich?«
»Schwester Muirgel fing an, und Schwester Crella machte es ihr nach. Muirgel war immer die Anführerin dabei.«
»Demnach empfindest du keine Trauer über ihren Tod?«
»Heißt es nicht im Brief des Apostels Paulus an die Römer: >Segnet, die euch verfolgen; segnet, und fluchet nicht.< Wenn das so ist, dann ist meine Seele verloren. Aber das ist mir gleich.«
Fidelma lächelte dünn.
»Nun, unter diesen Umständen bin ich sicher, daß dir solche Gefühle vergeben werden. Es ist das Schwierigste von allem, seine Feinde zu lieben.«
»Aber ist nicht die Fähigkeit, seinen Feinden zu vergeben, eines der wichtigsten Zeichen der Gnade, die uns als von Gott gesegnet erkennen lassen?« fragte das Mädchen hartnäckig.
»Das Thema der Vergebung steht im Mittelpunkt der Evangelien«, erklärte Fidelma. »Die Evangelien lehren uns, daß Christi Bereitschaft, uns zu vergeben, von unserer Bereitschaft abhängt, unseren Feinden zu vergeben. Der alte Mensch muß neu geboren werden als ein liebender Mensch, wenn er in das ewige Reich Gottes aufgenommen werden soll.«
Schwester Gorman sah schmerzlich berührt aus.
»Dann lastet mein Schicksal schwer auf mir.«
»Doch jetzt, nachdem Muirgel tot ist . « begann Fidelma.
»Ich kann Schwester Muirgel das Leid, das sie mir zugefügt hat, immer noch nicht vergeben.«
Fidelma lehnte sich nachdenklich zurück.
»Wenn du sie gehaßt hast, wie du sagst, warum bist du dann mit auf diese Pilgerfahrt gegangen?«
»Es war ja Schwester Canair, die die Pilgerreise führen sollte. Aber Canair war auch ein schlechter Mensch.«
»In welcher Hinsicht?« Fidelma war überrascht. »Heißt das, daß sie dich ebenfalls schikaniert hat?«
»O nein.« Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Schwester Canair hat mich einfach nicht beachtet. Sie nahm mich überhaupt nicht wahr. Wie ich sie alle gehaßt habe! Wie ich gewünscht habe . « Plötzlich erblaßte sie und sah Fidelma angstvoll an. »Ich wollte nicht, daß Schwester Muirgel auf diese Weise sterben sollte. Ich wollte nur, daß sie bestraft würde.«
»Bestraft? Was willst du damit sagen?«
Schwester Gorman blickte ängstlich drein.