»Ich schwöre, so habe ich es nicht gemeint.«
»Was gemeint?« fragte Fidelma. »Was hast du nicht gemeint, Schwester? Willst du damit sagen, daß du etwas mit Muirgels Verschwinden zu tun hast?«
Mit großen Augen starrte das Mädchen Fidelma an, als sei sie entsetzt bei diesem Gedanken.
»Ich habe ihr Böses gewünscht. Ich stand um Mitternacht vor ihrer Kajüte und habe sie verflucht.«
Fidelma wußte nicht, ob sie von dieser dramatischen Offenbarung belustigt oder entsetzt sein sollte.
»Du sagst, du hast um Mitternacht mitten im Sturm vor ihrer Kajüte gestanden und sie verflucht? Meinst du das wirklich?«
Schwester Gorman nickte langsam.
»Ich war dort während des Sturms.«
»Bist du in die Kajüte gegangen?«
»Nein. Ich stand da und fluchte ihr mit den Worten des Psalms.« Sie begann mit klagender Stimme zu rezitieren:
Fidelma staunte über die Heftigkeit in der Stimme des Mädchens und bemühte sich dann, die Sache leicht zu nehmen.
»Das ist aber keine genaue Übersetzung des Psalms neunundsechzig«, meinte sie.
»Aber sie hat gewirkt! Mein Fluch hat gewirkt!« Das Mädchen klang beinahe hysterisch. »Bald darauf muß sie an Deck gegangen und von Gottes rächender Hand über Bord gefegt worden sein.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Fidelma trocken. »Wenn eine Hand im Spiel war, dann war es eine menschliche Hand.«
Schwester Gorman sah sie einen Moment an, und dann schlug ihre Stimmung plötzlich um. Ihr Blick wurde mißtrauisch.
»Was meinst du damit? Ich dachte, alle sagten, sie sei über Bord gespült worden.«
Fidelma merkte, daß sie mehr verraten hatte, als sie wollte.
»Ich meinte nur, daß dein Fluch und deine Anrufung Gottes nicht dafür verantwortlich waren.«
Schwester Gorman bedachte das einen Moment.
»Aber ein Fluch ist eine schreckliche Sache, und ich muß für meine Sünde Buße tun. Doch ich kann das nicht, indem ich Schwester Muirgel vergebe oder mich selbst schuldig fühle.«
»Erklär mir nur eins, Schwester Gorman«, sagte Fidelma, die sich allmählich ärgerte über die ichbezogene Haltung der jungen Nonne und ihr Festhalten an der Überzeugung, sie sei verantwortlich für Schwester Muirgels Tod. »Du hast also deine Kajüte gegen Mitternacht verlassen?«
Das Mädchen nickte.
»Du teilst die Kajüte mit Schwester Ainder, nicht wahr?«
»Ja.«
»Hat sie gesehen, wie du aus der Kajüte gingst?«
»Sie schlief noch tief. Sie hat einen festen Schlaf. Sie hat mich nicht hinausgehen sehen.«
»Der Sturm tobte bereits?«
»Ja.«
»Deine Kajüte liegt an der Treppe oder wie immer das heißt. Du sagst also, du bist den Gang entlang bis zu ihrer Kajüte gegangen und hast niemanden gesehen oder getroffen?«
Schwester Gorman schüttelte den Kopf.
»Um die Zeit war niemand unterwegs«, bestätigte sie. »Der Sturm war sehr schlimm.«
»Und nach deinen Worten hast du vor ihrer Tür gestanden, bist nicht hineingegangen, sondern hast sie verflucht. Hat das niemand gehört?«
»Der Sturm war noch im Anschwellen. Ich glaube, selbst jemand, der neben mir stand, hätte mich nicht gehört.«
Fidelma sah sie an und hatte Mühe, ihr zu glauben. Es schien so absonderlich, aber oft war das Unglaubliche die Wahrheit und das Einleuchtende die Lüge.
»Wie lange hast du an der Kajütentür gestanden bei deinem sogenannten Verfluchen?« wollte sie wissen.
»Ich bin nicht sicher. Nicht lange, vielleicht eine Viertelstunde. Ich weiß es nicht.«
»Was tatest du, als du fertig warst damit?«
»Ich ging in meine Kajüte zurück. Schwester Ain-der schlief noch, und der Sturm tobte. Ich lag auf meiner Koje, schlief aber erst ein, als der Sturm nachließ.«
»Von draußen hörtest du nichts?«
»Ich glaube, ich hörte, wie die Tür der Kajüte gegenüber zugeschlagen wurde. Ich war gerade beim Einschlafen und wurde kurz noch einmal wach.«
»Wie kannst du das beim Tosen des Sturms gehört haben? Du sagtest gerade, niemand hätte dich hören können. Wie konntest du dann das Schließen einer Kajütentür hören?«
Schwester Gorman schob streitlustig das Kinn vor.
»Ich hörte es, weil es nach dem Abflauen des Sturms war.«
»Na gut«, meinte Fidelma. »Ich wollte nur sichergehen, daß ich dich richtig verstanden habe. Und diese Kajütentür, die du zuschlagen hörtest, war die gegenüber?«
»Die der Kajüte von Cian und Bairne.«
»Aha. Dann schliefst du wieder ein und wurdest nicht mehr gestört?«
Schwester Gorman sah beunruhigt aus. »Mein Fluch hat sie getötet, verstehst du? Ich glaube, ich werde dafür bestraft.«
Fidelma stand auf und sah das Mädchen mitleidig an. Schwester Gorman war unverkennbar labil. Sie brauchte dringend Hilfe von ihrer Seelenfreundin, der Gefährtin, die dafür da war, sich ihre Probleme anzuhören und sie mit ihr zu besprechen. Jeder in den Kirchen der fünf Königreiche wählte sich einen anam-chara, einen Seelenfreund.
»Du kennst wohl das alte Sprichwort nicht«, versuchte sie das Mädchen zu beruhigen: »Tausend Flüche zerreißen noch kein Hemd.«
Gorman blickte zu ihr auf.
»Ich habe Schwester Muirgel verflucht und ihr den Tod gebracht. Nun muß ich mich selbst verfluchen.«
Sie wiegte sich vor und zurück, die Arme um den Leib geschlungen, und sang leise vor sich hin:
Fidelma verließ das wirre junge Mädchen, das weiter vor sich hin sang, und ging fort mit einem Gefühl leichten Ekels. Welche der anderen merkwürdigen Nonnen sollte sie bitten, sich um Schwester Gorman zu kümmern? Das Mädchen brauchte Hilfe, aber Fidelma konnte diese Verantwortung jetzt nicht übernehmen. Es schien auch niemand sonst dazu geeignet. Schwester Ainder besaß nicht genug Mitgefühl, und Crella war selbst zu jung. Fidelma würde später nach ihr sehen müssen. Erst mußte sie noch Dathal, Adamrae, Bairne und Tola befragen.
Plötzlich fiel Fidelma auf, daß es ein Mitglied der Pilgerschar gab, das sie überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Es war Bruder Guss. Seit er an Bord gekommen war, hatte er seine Kajüte nicht verlassen, nicht einmal, als Murchad bei der gefährlichen Durchfahrt durch die Felsen alle an Deck beordert hatte. Er teilte eine Kajüte mit Bruder Tola. Sie hatte gesehen, daß Bruder Tola am Wasserfaß neben dem Großmast saß und las und hielt es für eine günstige Gelegenheit, sich den ihr bisher unbekannten Mönch vorzunehmen.
Sie klopfte an seine Kajütentür und wartete.
Man hörte, wie sich drinnen jemand bewegte, und dann eine Weile nichts. Sie klopfte erneut. Es kam eine leise Antwort, sie trat ein und blieb stehen, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit in der Kajüte gewöhnt hatten. Die schattenhafte Gestalt eines Mannes saß auf einer Koje.