»Und warum sollte sie möglicherweise jemand ermordet haben?«
»Aus Eifersucht vielleicht.«
»Wer war eifersüchtig? Wer könnte sie ermordet haben?« forschte Fidelma. Plötzlich fiel ihr ein, daß Schwester Crella bei dem Gedenkgottesdienst Bruder Bairne vorgeworfen hatte: »Du warst bloß eifersüchtig.« So hatten ihre Worte gelautet. Fidelma beugte sich vor. »War Bruder Bairne eifersüchtig?«
Bruder Guss war verblüfft.
»Bairne? Ja, der war schon eifersüchtig. Aber getötet hat sie Crella.«
Diese Antwort hatte Fidelma nicht erwartet, und sie verschlug ihr für einen Moment die Sprache.
»Hast du Beweise dafür?« fragte sie leise.
Er zögerte und schüttelte dann den Kopf.
»Ich weiß nur, daß Crella daran schuld ist.«
»Dann erzählst du mir am besten die ganze Geschichte. Wann hast du Schwester Muirgel kennengelernt? Wie war dein Verhältnis zu ihr wirklich?«
»Ich verliebte mich in sie, als sie in die Abtei kam. Erst nahm sie kaum Notiz von mir. Sie zog reifere Männer vor. Männer wie Bruder Cian, weißt du. Er war ein reifer Mann. Er war Krieger gewesen. Ihn mochte sie sehr.«
»Und mochte er sie?«
»Erst war sie viel mit ihm zusammen.«
»Hatten sie ein Verhältnis?«
Bruder Guss errötete, und seine Unterlippe zitterte leicht. Dann nickte er.
»Warum war Crella eifersüchtig?«
»Sie war eifersüchtig auf jeden, der ihr Schwester Muirgel wegnahm. Aber in diesem Fall ...« Er schien zu überlegen.
»In diesem Fall ... was?« hakte Fidelma nach.
»War es Schwester Muirgel, die Cian Crella weggenommen hatte.«
Fidelma hatte Mühe, ihre Miene zu beherrschen. Bruder Guss hatte einige Überraschungen für sie parat.
»Willst du damit sagen, daß Cian ein Verhältnis mit Crella hatte und dann von ihr zu Muirgel überwechselte?«
»Schwester Muirgel gab zu, daß es ein Fehler war. Es dauerte überhaupt nur ein paar Tage.«
»Hattest du ein Verhältnis mit Schwester Muirgel?« Nun wurde Fidelma direkt.
Der junge Mann nickte.
»Wann fing es an?«
»Kurz vor Beginn dieser Pilgerfahrt. Als ich Muirgel erzählte, ich ginge auf Pilgerschaft, weil mein Lehrer es mir geraten hatte, zwang sie Canair, sie auch aufzunehmen. Natürlich mußte Crella ebenfalls mitkommen.«
»Sie muß dich sehr gern gehabt haben, wenn sie deinetwegen die Reise mitmachen wollte.«
»Ehrlich gesagt, ich hätte nie gedacht, daß ich solche Chancen bei ihr hätte, wenn du weißt, was ich meine. Doch sie suchte mich auf und erklärte mir ganz offen, daß sie sich zu mir hingezogen fühlte. Ich hatte bis dahin noch nichts zu ihr gesagt, weil ich dachte, sie würde mich überhaupt nicht anschauen. Als sie mir das gestand . Nun, wir kamen zusammen, und wir liebten uns.«
»Wußte Crella von diesem Verhältnis? Sie glaubt, Muirgel hätte immer noch ein Verhältnis mit Cian gehabt.«
Sein Blick wurde trübe.
»Ich glaube, sie wußte davon. Ich meine, sie wußte es und neidete Muirgel ihr Glück. Muirgel sagte mir, daß sie sich bedroht fühlte.«
»Was - Muirgel hat dir erzählt, daß Crella sie bedrohte? Hast du von einem Streit zwischen ihnen gehört?«
»Ja, sie haben sich gestritten. Ein paar Tage, bevor wir Ardmore erreichten. Wir kehrten in einem Gasthaus zum Essen ein, und Muirgel ging zu einem nahen Bach, um sich zu waschen. Ich hatte Ale geholt und wollte es Muirgel bringen. Als ich dorthin kam, wo sich Muirgel wusch, hörte ich, wie sich Crella mit erhobener Stimme mit ihr stritt.«
»Kannst du dich daran erinnern, um was es ging? An ihre genauen Worte?«
»Ich weiß nicht, ob ich die Worte noch genau im Gedächtnis habe, doch Crella warf Muirgel vor ...« Er zögerte und wurde rot ». mit meinen Gefühlen zu spielen. Das waren ihre Worte. Mit meiner Liebe zu spielen, wie sie mit der Liebe anderer gespielt hatte. Crella glaubte, daß Muirgel immer noch Cian liebte.«
»Mit deinen Gefühlen zu spielen?« wiederholte Fidelma. »Du bist also sicher, daß Muirgel ihr Verhältnis mit Cian beendet hatte? Daß sie dich nicht benutzte, um sich an Cian dafür zu rächen, daß er das Verhältnis beendet hatte?«
Guss wurde zornig.
»Da bin ich mir ganz sicher. Wir zeigten uns unsere Liebe so, wie es alle normalen, gesunden Menschen tun.«
Es war klar, was er damit sagen wollte.
»Ihr fandet Zeit und Gelegenheit dafür auf einer Reise mit anderen Mönchen und Nonnen?« Fidelma bemühte sich, ihre Zweifel nicht anklingen zu lassen.
»Ich lüge nicht«, erwiderte Guss empört.
»Natürlich nicht«, antwortete Fidelma.
»Wirklich nicht!« Ihr Ton schien ihn zu reizen. »Hör nicht darauf, was Crella in ihrer Eifersucht behauptet.«
»Also gut. Kommen wir zu dem Morgen, an dem das Schiff auslief. Bist du mit Muirgel zusammen an Bord gegangen?«
»Wir gingen alle zur selben Zeit an Bord, mit Ausnahme von Schwester Canair.«
»Wie seid ihr alle zusammen an Bord gekommen?«
»Wir verließen die Abtei nach dem Frühstück und gingen hinunter zum Kai. Von Schwester Canair war nichts zu sehen, also übernahm Muirgel die Führung. Murchad erklärte uns, wir müßten an Bord kommen, sonst verpaßten wir die Ebbe, und dann wäre das Geld für die Überfahrt verfallen. Daraufhin gingen wir alle an Bord.«
»Hat jemand Einwände dagegen erhoben, daß ihr ohne Schwester Canair abgefahren seid?«
»Alle waren der Meinung, wenn Schwester Canair wirklich die Absicht gehabt hätte, mit uns zu fahren, dann hätte sie die Verabredung am Kai eingehalten. Crella wies darauf hin, daß sie nicht einmal eine Nachricht geschickt hatte.«
»Warum übernahm Schwester Muirgel die Führung?«
»Sie war die Rangälteste von denen aus der Abtei.«
»Bruder Tola oder Schwester Ainder sind doch sicher älter.«
»Tola kommt aus der Abtei Bangor. Schwester Ain-der war nur nach Jahren älter.«
»Aber jetzt hat anscheinend Bruder Cian die Führung übernommen. Er ist ja auch aus Bangor.«
»Er hat kein Recht dazu. Schwester Muirgel hat es ihm nicht erlaubt. Sie war sich ihres Ranges sehr bewußt. Es hätte schon einer sehr starken Persönlichkeit bedurft, ihr die Führung zu entreißen.«
»Also sie übernahm die Führung der Gruppe, und ihr kamt an Bord. Was geschah weiter?«
»Wir gingen gleich in unsere Kajüten.«
»Wer hat die Unterbringung eingeteilt?«
»Das tat Muirgel.«
»Wann?«
»Sobald wir an Bord waren.«
»Warum zogen Muirgel und Crella nicht zusammen, wenn sie doch so eng befreundet waren?«
»Muirgel wollte das nicht, aus dem Grunde, den ich dir genannt habe. Muirgel und Crella stritten sich meinetwegen.«
»Crella hat mir erklärt, sie hätte versprochen, ihre Kajüte mit Canair zu teilen.«
»Davon höre ich zum erstenmal.« Bruder Guss glaubte das nicht. »Außerdem war Schwester Canair nicht da.«
»Also war Schwester Muirgel nicht sofort so krank, daß sie ihre Pflicht als Führerin der Gruppe nicht erfüllen konnte?«
»Sie war sich ihrer Verantwortung bewußt«, erwiderte Guss. »Aber sie wußte nicht, daß du an Bord kommen würdest. Sie richtete es so ein, daß sie eine Kajüte für sich hatte. Wir wollten später . « Er erschauerte und schlug die Hände vors Gesicht.
»Es muß sie sehr gestört haben, als ich unangemeldet in ihre Kajüte kam«, meinte Fidelma.
»Das hat es«, bestätigte Guss.
»Woher weißt du das?« fragte Fidelma rasch.
Guss blieb gelassen.
»Ich ging zu ihr«, sagte er.
»Aber sie war doch so krank geworden, daß sie mir sagte, sie wolle niemanden sehen.«
»Mich wollte sie sehen.«
»Na gut. Wann hast du sie zuletzt gesehen?«
»Das muß bald nach Mitternacht gewesen sein. Der Sturm tobte mit voller Stärke.«