»Erzähl mir, was geschah.«
»Ich brachte ihr etwas zu essen und zu trinken, und wir redeten ein bißchen. Das war alles. Ach, und einmal hörten wir jemanden draußen vor der Kajüte. Wir hörten die Stimme trotz des schrecklichen Sturms, aber ich glaube nicht, daß sie mit jemandem sprach. Es klang eher so, als rezitiere sie laut etwas gegen den Wind und das Brüllen der See.«
»Wer war das?«
»Das weiß ich nicht. Es war eine Frauenstimme. Wer die Person auch war, sie klopfte nicht an und kam nicht herein, sondern stand nur draußen und redete. Als sie aufhörte, ging ich zur Tür und sah hinaus, aber sie war verschwunden. Ich glaubte noch zu hören, wie sich eine Kajütentür schloß.«
»Was tatest du dann?«
»Muirgel meinte, sie wolle die Nacht über ruhen und ich solle in meine Kajüte zurückkehren, wir würden noch bessere Gelegenheiten finden. Das tat ich auch. Am Morgen kam dann Cian mit der Nachricht, sie sei über Bord gespült worden. Das glaubte ich nicht.«
»War es wegen dieses Schocks, daß du seitdem in deiner Kajüte geblieben bist?«
Bruder Guss zuckte die Achseln.
»Ich konnte den Anblick der anderen nicht ertragen, besonders den Crellas nicht.«
Fidelma stand auf und ging zur Tür.
»Vielen Dank, Bruder Guss. Du hast mir sehr geholfen.«
Der junge Mann blickte zu ihr auf.
»Schwester Muirgel wurde nicht über Bord gespült«, sagte er finster.
Fidelma antwortete nicht. Im stillen gab sie ihm recht. Aber eins beunruhigte sie. Bruder Guss zeigte keineswegs die Anzeichen von Trauer, die man von einem Mann erwartete, der gerade die Frau verloren hatte, die er zu lieben behauptete.
Kapitel 12
Es war am späten Nachmittag. Der Himmel hatte sich aufgehellt, und die Sonne wärmte zwar nicht, überschüttete aber die See mit funkelnden, tanzenden Lichtpunkten. Fidelma stand am Bug, an die Reling gelehnt, und dachte über das nach, was sie bisher über das seltsame Verschwinden Schwester Muirgels gehört hatte. Es ergab ein eigenartiges Bild. Manche der Pilger hatten anscheinend ausgeprägte Meinungen über Schwester Muirgel. Bruder Guss behauptete, er habe sie geliebt, war aber merkwürdigerweise von ihrem Tod nicht sehr erschüttert. Zweifellos sagte Guss nicht die Wahrheit - doch worüber nicht? Über sein Verhältnis zu Muirgel? Oder über etwas anderes?
Ein Ruf aus dem Mastkorb unterbrach ihr Nachsinnen. Am Heck, wo Murchad wie üblich seinen Platz am Steuerruder eingenommen hatte, entstand ungewohnte Unruhe. Fidelma wanderte über das Hauptdeck nach hinten und bemerkte, daß der Kapitän und mehrere seiner Leute nach Nordosten spähten. Sie folgte ihren Blicken, sah aber nichts als glitzernde graue Wogen.
»Was gibt’s?« fragte sie Murchad. »Ist etwas nicht in Ordnung?«
Der Kapitän schien stark beschäftigt. »Der Ausguck im Mastkorb hat ein Schiff gesichtet«, antwortete er.
»Ich sehe nichts.« Fidelma schaute wieder in die Richtung, in die alle wie gebannt starrten.
»Der Rumpf ist noch unter der Kimm im Nordosten, aber es hat alle Segel gesetzt.«
Fidelma war sich nicht sicher, was diese seemännischen Ausdrücke bedeuteten, und sagte es auch.
»Der Schiffsrumpf wird noch von der See verdeckt«, erläuterte Murchad. »Bei solchem Wetter wie heute kann man etwa drei bis vier Meilen bis zum Horizont sehen. Das Schiff ist noch außer unserer Sichtweite, aber die Segel sind vom Mastkorb aus zu erkennen, weil er entsprechend höher ist.«
»Ist das ein Grund zur Sorge?« fragte Fidelma.
»Solange ich nicht weiß, was es ist, macht mir ein fremdes Schiff immer Sorgen«, erwiderte Murchad.
Gurvan stand am Ruder mit einem Matrosen, von dem Fidelma inzwischen wußte, daß er Drogan hieß. Er rief Murchad zu: »Was für ein Schiff es auch ist, Kapitän, es hat den Wind im Rücken. In einer Stunde haben wir es voll in Sicht.«
Murchad antwortete nachdenklich: »Wir sollten uns in Luv halten, bis wir wissen, um wen es sich handelt. Wer hat die schärfsten Augen?«
»Hoel, Kapitän.«
Murchad wandte sich um und schrie ins Schiff hinunter: »Hoel!«
Ein untersetzter Matrose mit langen, muskulösen Armen kam in dem wiegenden Schritt herauf, den Fidelma seit langem mit Seeleuten verband.
»In den Mastkorb, Hoel, und sag uns laufend Bescheid, was das Schiff macht.«
Der Mann nickte und sprang mit einer Behendigkeit in die Wanten, die Fidelma nicht für möglich gehalten hätte. Nach wenigen Sekunden war er an den Tauen hochgeklettert und löste den Mann im Mastkorb ab, der das Schiff zuerst gesichtet hatte.
Fidelma spürte eine eigenartige Spannung auf dem Schiff.
»Der Ozean ist doch so groß, warum wirkt da der Anblick eines einzigen anderen Schiffes so beunruhigend?« fragte sie.
Der Kapitän lächelte verkniffen.
»Wie ich schon sagte, bis man weiß, wer der andere ist, muß man vorsichtig sein. Erinnerst du dich noch, wovor ich neulich warnte? Diese nördlichen Gewässer sind voll von angelsächsischen Sklavenjägerschiffen, und wenn es keine Angelsachsen sind, dann eben Franken oder sogar Goten. Die treiben sich alle in diesen Gewässern herum.«
Fidelma schaute zu dem Horizont, der ein Schiff verbarg, das so bedrohlich schien.
»Du meinst, es ist ein Piratenschiff?«
Murchad zuckte die Achseln.
»Es ist besser, zu vorsichtig zu sein, als zu leichtsinnig: Erst in ungefähr einer Stunde werden wir wissen, woran wir sind.«
Fidelma war enttäuscht.
Ihr schien, die Seefahrt bestehe aus langen Zeiten langweiliger Untätigkeit, unterbrochen von plötzlichen Ausbrüchen rasender Aktivität. Es war eine seltsame Lebensweise. Sosehr sie die See faszinierte, sie zog ein Leben an Land doch vor. Im Augenblick konnte man zur Lösung des neuen Problems gar nichts tun, sondern mußte abwarten, und in diesem Fall konnte sie die Zeit am besten nutzen, indem sie weitere Erkenntnisse über Schwester Muirgel sammelte.
Sie sah den großen, abweisend aussehenden Bruder Tola auf dem Deck sitzen, mit dem Rücken an das Wasserfaß neben dem Großmast gelehnt. Er las in einem kleinen Buch in einer Tasche von der Art, wie sie die meisten Pilger heutzutage bei sich führten, und schien die Spannung unter den Seeleuten überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie ging zu ihm hin. Als ihr Schatten über ihn glitt, schaute Bruder Tola auf, und ein Ausdruck der Verärgerung trat auf sein langes, kantiges Gesicht.
»Ach, die dalaigh.« Sein Ton war bewußt respektlos. Dann schloß er sorgfältig das Buch und steckte es in seine Tasche, die neben ihm lag. »Ich weiß, was du willst, Schwester. Ich bin vorgewarnt, von Schwester Ainder.«
»Mußtest du vorgewarnt werden?« Fidelmas Entgegnung kam automatisch.
Bruder Tola lächelte dünn.
»Nur eine Redensart. In diese Worte ist nichts hineinzulesen, das versichere ich dir.«
»Oft kann man aus der Wahl der Worte, die wir gebrauchen, viel herauslesen, Bruder Tola.«
»Aber nicht in diesem Fall.« Er wies auf die Decksplanken neben ihm. »Möchtest du nicht Platz nehmen, wenn du mir Fragen stellen willst?«
Fidelma ließ sich auf dem Deck neben ihm nieder und kreuzte die Beine. Es war recht angenehm, in der Sonne zu sitzen, während eine leichte Brise ihr das Gesicht kühlte und durch das rötliche Haar fuhr.
Bruder Tola verschränkte die Arme vor der Brust und schaute hinaus auf die jetzt ruhige See.
»Ein recht schöner Tag«, seufzte er. »Unter anderen Umständen könnte diese Reise ganz anregend und lohnend sein.«
Fidelma sah ihn fragend an.
»Und warum ist sie es nicht?«
Bruder Tola lehnte sich mit dem Kopf an den Mast und schloß die Augen.
»Meine Gefährten lassen viel zu wünschen übrig auf einer Pilgerfahrt, die eigentlich religiösen Zwecken dienen sollte. Ich könnte schwören, daß nicht einer unter ihnen ein wirklich ergebener Diener Gottes ist.«