»Du meinst, nicht einer?«
Die Miene des Mönchs war streng.
»Nicht einer. Auch du nicht, Fidelma von Cashel. Würdest du behaupten, daß du zu allererst eine Dienerin Christi bist?« Seine Augen öffneten sich, und sein scharfer Blick bohrte sich unbeirrt in ihr Gesicht. Sie erschauerte leicht.
»Ich hoffe doch sehr, daß ich eine Dienerin des Glaubens bin«, entgegnete sie.
Zu ihrer Überraschung schüttelte er den Kopf.
»Das glaube ich nicht. Du bist eine Dienerin des Gesetzes, nicht der Religion.«
Fidelma erwog die Anschuldigung gründlich.
»Ist das beides unvereinbar?« fragte sie.
»Das kann es sein«, erwiderte Bruder Tola. »In vielen Fällen trifft der alte Spruch zu, daß die Religion eines Menschen das ist, woran sein Herz hängt.«
»Der Meinung bin ich nicht.«
Bruder Tola lächelte spöttisch.
»Ich denke, dein Herz hängt mehr am Gesetz als an der Religion.«
Fidelma schwieg, denn die Worte Tolas hatten sie getroffen wie ein Pfeil. War das nicht genau der Grund, aus dem sie auf diese Pilgerfahrt gegangen war? Wollte sie nicht gerade darüber ihre Gedanken ordnen? Tola bemerkte die Verwirrung in ihrem Gesicht und lächelte befriedigt, ehe er sich wieder mit geschlossenen Augen zurücklehnte.
»Sei nicht verblüfft, Fidelma von Cashel. Du bist nur eine von Tausenden in der gleichen Lage. In der Zeit, bevor der Glaube in die fünf Königreiche kam, wärst du dalaigh oder Brehon geworden, ohne das Gewand einer Nonne tragen zu müssen. Unsere Gesellschaft verwechselt Wissen mit Religion und hat die beiden so fest miteinander verbunden, als ob sie eins wären.«
»Es gibt immer noch weltliche Hochschulen«, widersprach Fidelma. »Ich besuchte die des Brehon Mo-rann in Tara. Erst nach Erlangung meines akademischen Grades bin ich ins Kloster eingetreten.«
»Morann von Tara? Das war ein guter Mann, ein guter Richter und ein guter Rechtslehrer.« Darin pflichtete ihr Bruder Tola bei. »Doch als er starb, was wurde aus seiner Hochschule?«
Fidelma wußte es nicht und gab das auch zu.
»Auf Anweisung des Comarb von Patrick wurde sie von der Kirche übernommen.« Der Comarb war der Nachfolger des heiligen Patrick und zugleich Bischof von Armagh, einer der beiden höchsten Geistlichen in den fünf Königreichen. Der andere war der Comarb von Ailbe und Bischof von Emly in Fidelmas heimatlichem Königreich. »Moranns Hochschule hätte außerhalb der Kirche verbleiben sollen. Weltliche und kirchliche Bildung gehen oft widersprüchliche Wege.«
»Das sehe ich nicht so«, entgegnete sie fest. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie nicht gewußt hatte, daß ihre alte Hochschule geschlossen worden war.
»Ich bin Mönch«, fuhr Bruder Tola fort. »In der Kirche ist sicherlich auch Raum für Wissen, aber nicht unter Ausschluß der Religion.«
Fidelma ärgerte sich über seine versteckte Kritik an ihrer Rolle als dalaigh. »Ich habe nicht die Religion aus meinem Leben ausgeschlossen. Ich habe studiert und ...«
»Studiert?« Bruder Tola machte ein Geräusch, das Fidelma erst nach einigen Augenblicken als ein ironisches Kichern erkannte. »Wer glaubt, durch Buchstabengelehrsamkeit etwas zu erreichen, würde viel besser daran tun, einfach nur auf Gott zu hören.«
»Der Himmel und die Bäume und die Flüsse sagen mir wenig über die Welt des Menschen«, erwiderte Fidelma. »Mein Wissen erwächst aus den Erfahrungen von Männern und Frauen.«
»Ach ja, darin liegt der Unterschied zwischen dem Streben nach einem religiösen Leben und dem Streben nach Wissen.«
»Die Wahrheit ist das Ziel unseres Lebens«, ent-gegnete Fidelma. »Man findet die Wahrheit nicht ohne Wissen, und wie Brehon Morann immer sagte: >Liebe zum Wissen bringt uns der Erkenntnis näher.<«
»Welcher Erkenntnis? Menschlicher Erkenntnis, menschlichem Gesetz. Du sprichst sehr beredt, Fidelma. Aber denke an die Worte des heiligen Jakobus: >Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der: sich von der Welt unbefleckt erhal-ten.<«
»Du hast aber einen wichtigen Teil dieses Verses ausgelassen, nämlich die Worte über das Besuchen von Waisen und Witwen in ihrer Trübsal«, ergänzte Fidelma bissig. »Ich glaube, ich helfe wirklich denen, die in Trübsal sind.«
»Aber du besudelst dich, indem du menschliches Gesetz über die Gebote Gottes stellst.«
»Ich sehe keinen Widerspruch zwischen den zehn Geboten und menschlichem Gesetz. Da du so gern den Brief des Jakobus zitierst, solltest du auch diese Verse kennen: >Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darin beharrt und ist nicht ein vergeßlicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat.< Ich habe gehört und nicht vergessen, und ich handle nach dem Gesetz, und deswegen bin ich zu dir gekommen, Bruder Tola, um mit dir zu reden, nicht aber, um über unsere verschiedenen theologischen Meinungen zu debattieren.«
Ihr Ton war scharf geworden. Trotzdem fühlte sie sich unsicher, denn sie wußte, daß Tola ihre Schwäche erkannt hatte: ihren Stolz darauf, daß sie eine dalaigh war und nicht einfach nur eine Nonne.
»Ich höre, Schwester Fidelma«, antwortete er. Sein Gesicht blieb ernst, doch Fidelma hatte den Verdacht, er lache im stillen über ihre Verlegenheit. Dann rezitierte er leise:
Fidelma unterdrückte ihren Ärger.
»Hebräer zwölf«, stellte sie mit einem dünnen Lächeln fest, um ihm zu zeigen, daß er ihr mit seiner Bibelkenntnis nicht imponieren konnte. »Aber jetzt habe ich ein paar Fragen, die ich dir im Auftrag von Kapitän Murchad stellen muß.«
»Ich weiß schon, wie ich bereits sagte. Schwester Ainder hat mir von deinen Nachforschungen berichtet.«
»Gut. Du bist älter als die meisten Mitglieder der Gruppe, Bruder. Was hat dich veranlaßt, auf diese Pilgerfahrt zu gehen?«
»Muß ich darauf antworten?«
»Ich kann dich nicht dazu zwingen.«
»So meinte ich das nicht. Ich meinte, das sei offenkundig.«
»Ich verstehe dich so, daß du diese Pilgerfahrt aus religiöser Überzeugung unternommen hast? Das ist sicherlich offenkundig. Aber warum hast du dich gerade Schwester Canairs Gruppe angeschlossen? Mit Ausnahme von Schwester Ainder sind alle ganz jung. Und deiner Ansicht nach geht es deinen Mitreisenden nicht wirklich um die Religion.«
»Schwester Canairs Gruppe war die einzige, die zum Schrein des heiligen Jakobus wollte. Wäre ich nicht mit ihnen gereist, hätte ich mindestens ein Jahr auf die nächste Gruppe warten müssen. Es gab noch Platz für mich, also schloß ich mich ihnen an.«
»Kanntest du Schwester Canair und die anderen, bevor du zu ihnen kamst?«
»Ich kannte niemanden außer denen aus meiner eigenen Abtei Bangor.«
»Nämlich die Brüder Cian, Dathal und Adamrae?«
»Genau.«
»Du hast angedeutet, daß du die Gruppe für schlecht zusammengestellt hältst.«
»Sicherlich.«
»Schließt dieses Urteil auch Schwester Muirgel ein?«
Bruder Tola riß die Augen weit auf und verzog das Gesicht wie im Krampf.
»Eine höchst abscheuliche junge Frau! Sie mochte ich am wenigsten von allen!«
Die Heftigkeit seiner Äußerung überraschte Fidelma.
»Warum das?«
»Ich weiß noch, wie sie gleich anfangs versuchte, unsere Reisegesellschaft zu beherrschen mit der Begründung, ihr Vater sei Fürst der Dal Fiatach gewesen. Mit dem Fürsten war nicht viel Staat zu machen -er war ein übler Halunke, der nur auf Macht und Selbstverherrlichung aus war. Schwester Muirgel kam nach ihrem Vater.«