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Wenbrit nickte.

»Das interessierte nur wenige von ihnen«, antwortete er. »Wenn die Angelsachsen uns erwischt hätten, hätten sie sich mit Sicherheit dafür interessieren müssen.«

Er wandte sich zur Tür, dann zögerte er.

»Wolltest du noch was sagen?« knurrte Murchad, der den Jungen offensichtlich auch ohne viele Worte verstand.

Wenbrit drehte sich unsicher herum.

»Nichts Wichtiges. Schließlich haben die Pilger für die Überfahrt bezahlt und ...«

»Was ist? Los, raus damit!« Murchad wurde ungeduldig.

»Ich hab gemerkt, daß sich jemand bei den Lebensmitteln bedient hat. Etwas Fleisch, Brot und Obst fehlt, allerdings nicht viel. Das war gestern früh so und heute wieder .«

»Essen fehlt?«

»Und ein Fleischmesser. Erst dachte ich, ich hätte mich geirrt, aber jetzt bin ich sicher. Dabei hab ich bei der Ausgabe nicht geknausert. Wer mehr haben will, braucht es nur zu sagen. Aber Messer sind wertvoll.«

»Wenbrit«, fragte Fidelma plötzlich interessiert, »weshalb weißt du so genau, daß es einer der Passagiere war, der sich bedient hat? Die Mahlzeiten, die du servierst, sind wirklich reichlich. Könnte es nicht einer von der Mannschaft gewesen sein?«

Wenbrit schüttelte den Kopf.

»Die Lebensmittel für die Mannschaft werden getrennt gelagert. Dieses Schiff führt oft Passagiere, deshalb müssen wir Lebensmittel für sie gesondert einlagern und abrechnen. Keiner der Mannschaft würde sich an dem Essen für die Passagiere vergreifen.«

Murchad räusperte sich ärgerlich.

»Ich werde den Pilgern heute erklären, daß sie es nur zu sagen brauchen, wenn sie größere Rationen haben wollen. Und ich werde auch mit der Mannschaft darüber sprechen.«

Der Junge grüßte und verschwand.

Fidelma schaute den Kapitän nachdenklich an.

»Du magst den Jungen, nicht wahr?«

Murchad wurde einen Moment verlegen.

»Er ist Waise. Ich hab ihn von See mitgebracht. Meine Frau und ich sind nicht mit Kindern gesegnet, so wurde er zu dem Sohn, den ich nie hatte. Er ist ein heller Bursche.«

»Ich glaube, er hat mich eben auf einen Gedanken gebracht. Ich möchte, daß Gurvan später mit mir noch einmal das Schiff absucht«, meinte Fidelma.

Murchad runzelte die Stirn. »Das verstehe ich nicht.«

»Ich erkläre es dir, wenn ich das nochmal durchdacht habe.«

Murchad langte nach dem Krug mit corma, doch Fidelma wehrte ab.

»Ein Becher ist mehr als genug für mich, Murchad.«

Er schenkte sich noch einmal reichlich ein und lehnte sich zurück. Prüfend schaute er sie an.

»Dieser Bruder Cian scheint ein mehr als flüchtiges Interesse an dir zu nehmen, Lady«, meinte er.

Fidelma spürte, wie sie errötete.

»Wie ich schon sagte, ich kannte ihn vor zehn Jahren, als ich noch Studentin war.«

»Ach so. Nach dem wenigen, was ich mit ihm zu tun hatte, scheint er mir recht verbittert zu sein. Der nutzlose Arm, vermute ich?«

»Der nutzlose Arm«, bestätigte Fidelma.

»Wir sprachen von Schwester Muirgel.« Murchad wechselte das Thema, als er Fidelmas Verlegenheit bemerkte. »Du sagtest die Lösung sei nicht einfach; das habe ich auch nicht erwartet. Aber gibt es überhaupt einen Hinweis darauf, was wirklich geschah?«

Fidelma seufzte verzweifelt.

»Ich glaube, es ist sicher, daß hier an Bord ein Mord verübt wurde. Doch ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wer der Täter war.«

»Aber hast du eine Ahnung, einen Verdacht?«

»Schwester Muirgel wurde anscheinend von mehreren an Bord heftig verabscheut, und wer sie nicht verabscheute, war grenzenlos eifersüchtig auf sie. Sicher bin ich nur in einem: Derjenige, der mit dem Messer auf sie einstach, ist noch an Bord. Doch ob ich ihn finde, bevor das Schiff in Iberia anlegt, dessen bin ich gar nicht sicher.«

»Aber du wirst versuchen, den Mörder aufzuspüren?«

»Die Absicht habe ich. Doch das braucht Zeit«, erwiderte Fidelma ernst.

»Wir haben noch mehrere Tage zu segeln, bevor wir Iberia erreichen«, überlegte Murchad düster. »Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, daß wir weiterfahren, ohne zu wissen, wer der Mörder ist. Wir können alle in Gefahr sein.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Ich denke, der Täter hat sich Schwester Muirgel zum Ziel genommen, weil sie der Gegenstand seines überwältigenden Hasses war. Ich meine nicht, daß sich irgend jemand anders in unmittelbarer Gefahr befindet.«

Murchad sah sie besorgt an.

»Aber hast du einen Verdacht, wer der Mörder sein könnte, Fidelma?« In seiner Stimme schwang verhaltene Spannung mit, als wolle er gern beruhigt werden.

»Ich spreche immer erst davon, wenn ich sicher bin«, erwiderte sie. »Doch mach dir keine Sorgen, ich sage es dir so bald wie möglich.«

Sie hatte ein wenig von den Speisen gekostet, die Wenbrit serviert hatte. Fidelma aß nie ein reichliches Frühstück, meist genügte ihr etwas Obst. Nun erhob sie sich.

»Was hast du als nächstes vor?« erkundigte sich Murchad.

»Ich werde Muirgels Kajüte und ihre Habseligkeiten gründlich durchsuchen.«

Murchad ließ sie nur widerwillig gehen.

»Nun, halte mich auf dem laufenden. Und sei vorsichtig. Wer einmal getötet hat, hat keine Hemmungen, es noch mal zu tun, besonders, wenn er denkt, du bist ihm dicht auf der Spur. Ich kann nicht wie du glauben, daß die Gefahr vorbei ist.«

Sie lächelte ihm von der Tür aus zu.

»Mach dir keine Sorgen um mich, Murchad«, sagte sie. »Ich bin sicher, daß dieses Verbrechen der Leidenschaft entsprang und nur Schwester Muirgel galt.«

Draußen war es jetzt ganz hell. Der Himmel war klar und blau, doch der Wind wehte frisch und kühl. Das Morgenrot war verschwunden; es kündigte meist Windstille an, der aber bald schlechtes Wetter folgen würde. Kein Wetterumschlag vollzieht sich ohne Vorzeichen. Fidelma hatte von Kindheit an gelernt, die Zeichen am Himmel zu beachten. Man mußte sie erkennen und richtig zu deuten wissen. Jetzt war es hell, und die blasse Sonne würde hoffentlich noch wärmer scheinen, aber sie bezweifelte es. Schlechtes Wetter zog heran. Sie fragte sich, was aus dem Glauben des Kapitäns an den »kleinen Sommer des heiligen Lukas« geworden war.

Sie ging hinunter in den Kajütenbereich und blieb stehen, als sie Stimmen vom Messedeck hörte. Die Pilger saßen noch beim Frühstück. Das war die beste Gelegenheit, Schwester Muirgels Kajüte und Habseligkeiten zu durchsuchen, ohne dabei gestört zu werden. Später konnte sie ihnen ihren Verdacht eröffnen, doch sie hoffte, zugleich enthüllen zu können, wer Muirgel über Bord gestoßen hatte.

Das Problem lag darin, daß mehrere Personen die Gelegenheit gehabt hatten, Schwester Muirgel umzubringen, und deshalb unter offensichtlichem Verdacht standen. Nur kam es nach ihrer Erfahrung niemals auf das Offensichtliche an. Aber was tun, wenn man zu viele Verdächtige hatte? Sie gab es ungern zu, auch nicht vor sich selbst, aber sie wünschte, Bruder Eadulf wäre da und sie könnte ihre Überlegungen mit ihm besprechen. Oft hatten seine Kommentare die Lage für sie erhellt.

Sie betrat die dunkle, übelriechende Kajüte und entzündete eine Lampe an der Laterne, die im Durchgang hing. Sie blickte sich um, ob sie unbeobachtet sei, und schloß die Tür hinter sich.

Ein paar Decken lagen im Knäuel auf der Koje, die Schwester Muirgel benutzt hatte. Fidelma hob die Lampe hoch und blickte sich um. Die Kajüte enthielt kaum etwas von Interesse, kein Gepäck, keine Papiere oder Bücher, die einen Anhalt geboten hätten.

Sie schaute in den Ecken nach Schränken oder Haken. Von Schwester Muirgels Gepäck war nichts zu sehen. Jemand mußte es wohl auf die Koje gestellt und mit den Decken verhüllt haben. Sie erinnerte sich nicht, daß die Kajüte so unaufgeräumt gewesen war, als sie mit Wenbrit herkam, um Muirgels Kutte zu untersuchen. Die Kutte hatte sie Murchad übergeben, für den Fall, daß sie als Beweisstück gebraucht wurde.