Nachdem man die Gebete und Psalmen gesprochen hatte, wurde die Bahre von vier Männern hochgehoben und aus der Kapelle getragen. Fidelma und Eadulf folgten den Trauernden. Draußen hatte man ein Grab ausgehoben, in das die Leiche langsam hinabgelassen wurde. Die Frauen stimmten dabei ein lautes Klagelied an.
Nun trat ein Mann vor und schlug mit einer Axt die Totenbahre klein. Als Fidelma Eadulfs erstaunten Blick sah, erklärte sie ihm flüsternd: »Es ist hier Brauch, die Bahre zu zerstören. Läßt man sie nämlich ganz, so können die bösen Geister und das Feenvolk sie benutzen, um die Leiche auf ihren nächtlichen Ausflügen mit sich fortzutragen. Ist sie zerstört, hat der Tote seine Ruhe.«
Eadulf dachte gerade, daß es weder die rechte Zeit noch der rechte Ort sei, um die Beibehaltung heidnischer Rituale innerhalb einer christlichen Zeremonie zu kritisieren. Da sah er, daß sich alle vor einem Mönch aufstellten, der neben einem großen Stoß Ginster stand. Der Mönch reichte jedem einen Zweig, der dann ins Grab geworfen wurde.
»Das tut man, um die Leiche da unten vor dem Lehm zu schützen«, erklärte Fidelma. »Darüber hinaus erweist man dem Toten damit die letzte Ehre.«
Danach wurde das Grab zugeschaufelt. Bebhails Schwester hob die Hände, und das Klagen verstummte.
»Das Amra - die Totenrede - wird von meinem Mann gehalten.«
Nun trat ein Mann vor, der wie ein Bauer aussah. Offensichtlich war er tief unglücklich, mit dieser Aufgabe betraut worden zu sein. Er sprach schnell und undeutlich.
»Wir haben soeben Lesren bestattet, der mit der Schwester meiner Frau verheiratet war.« Er hüstelte verlegen. »Lesren war Gerber, ein sudaire, ein Handwerker also. Seine Verdienste sind allen bekannt, die sich hier heute versammelt haben. Nun liegt er neben seiner Tochter Beccnat.« Wieder machte er eine Pause und zog die Luft hörbar durch die Nase ein. »Beccnat wurde umgebracht und er ebenso, und so sind die Tage der Totenklage, die laithi na canti, innerhalb von zwei Monaten erneut für uns Verwandte angebrochen. Wir müssen die Last des Kummers tragen.«
Unvermittelt hielt er inne und blickte zu Bebhail hinüber, die mit trockenen Augen und versteinertem Gesicht dastand. Sie wurde von ihrer Schwester auf der einen und von Tomma auf der anderen Seite gestützt. Schnell fuhr er fort, als hätte er sich entschlossen, die unangenehme Aufgabe rasch zu Ende zu bringen.
»Ich kann nicht viel sagen. Ich kann nicht so tun, als hätte ich Lesren besonders gemocht oder als sei er in meinem Haus besonders willkommen gewesen. Doch ich habe ihn geduldet um meiner Schwägerin willen. Er war kein guter Vater, er war kein guter Ehemann. Aber nur die sind wirklich gut, die ganz ohne Fehl sind. Ich will ihn nicht loben, das wäre unaufrichtig, falsch und vorgetäuscht. Ich möchte nur Folgendes sagen - er war der Mann der Schwester meiner Frau, und es bekümmert mich, daß sie nun Witwe ist.«
Eadulf studierte überrascht die Gesichter der Umstehenden, hatte er sich doch eine Reaktion auf diese merkwürdige Ansprache erhofft. Scheinbar hatte niemand etwas gegen die Worte des Redners einzuwenden. Und was noch auffälliger war, Bebhail stand die ganze Zeit über mit starrem Gesicht da. Bestürzt wurde Eadulf klar, daß wohl nur wenige in dieser Gemeinschaft Lesren wirklich gemocht hatten. Er fragte sich, wie viele ein Mordmotiv gehabt hatten.
Lesren hatte sich nicht nur Goll und Gabran zum Feind gemacht. Eadulf ging die Frage durch den Kopf, ob Fidelma Gabran deshalb in Schutz nahm.
Die Leute begannen auseinanderzugehen. Accobran kam mit höchst zufriedenem Lächeln auf Eadulf und Fidelma zu.
»Hast du schon das Neueste gehört, Lady?« fragte er, ein wenig selbstgefällig lächelnd. »Daß ich Gabran gefaßt habe?«
Fidelma erwiderte sein Lächeln nicht.
»Ich möchte ihn sofort sprechen«, sagte sie. »Auch wenn er so dumm war auszureißen, ich glaube dennoch nicht, daß er Lesren ermordet hat.«
Accobran klappte der Unterkiefer herunter.
»Wie bitte ...?« Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Nun, ich glaube, er hat Lesren ermordet - und auch Beccnat.«
»Obwohl du derjenige warst, der den Beweis für seine Unschuld erbracht hat«, betonte Eadulf.
Accobran errötete. »Vielleicht hat er mich hinters Licht geführt. Vielleicht war er in jener Vollmondnacht gar nicht im Kloster Molaga.«
»Ich habe mich mit Bruder Tüan aus Molaga unterhalten«, unterbrach ihn Fidelma. »Du hattest schon recht. In jener Vollmondnacht befand er sich wirklich dort.«
»Nun, zumindest hat er durch sein Ausreißen zugegeben, daß er Lesrens auf dem Gewissen hat«, sagte der Tanist jetzt mürrisch.
»Damit hat er nur gezeigt, wie sehr er sich davor fürchtet, beschuldigt zu werden«, erklärte ihm Fidelma. Sie drehte sich um und ging zu Bebhail, die bei ihrer Schwester und Tomma stand.
Tomma begrüßte sie mit einem bitteren Lächeln. »Der Tanist hat uns mitgeteilt, daß man Gabran gefaßt und wegen des Mordes an Lesren eingesperrt hat.«
Ehe Fidelma antwortete, studierte sie Bebhails düstere Miene.
»Er wurde gefaßt, weil er weggerannt ist. Wäre er wirklich der Mörder, so wäre es töricht, fortzulaufen und alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Hier ist schon genug unschuldiges Blut geflossen. Möge nicht das Leben eines weiteren Unschuldigen zerstört werden.«
Tomma sah nervös zu Bebhail hinüber. »Aber der Tanist hat gesagt .«
»Ich werde mit Gabran reden. Ich hoffe, daß der Unschuldige freikommt und der Schuldige entlarvt wird.«
Sie kehrte zu Eadulf zurück. Sie sah noch, wie Bebhail ihr folgen wollte, von Tomma aber zurückgehalten wurde.
Accobran begleitete Fidelma und Eadulf zur Festung. Die beiden begaben sich auf der Stelle zu Ga-bran. Das Angebot des Tanist, bei der Befragung des jungen Mannes anwesend zu sein, lehnte Fidelma ab.
Der Holzfäller erhob sich, als sie die dunkle Zelle betraten. Er hatte einen Hieb quer über ein Auge erhalten, und eine Wange war blutunterlaufen.
»Du hast etwas sehr Dummes getan«, sagte Fidelma nach einer Weile.
Gabran zuckte mit den Schultern. Er versuchte, gleichgültig zu wirken, doch ganz offensichtlich war er nervös.
»Ich habe Lesren nicht umgebracht«, sagte er leise.
»Sollte dein Ausreißen uns das glauben machen?« fragte Fidelma. Sie winkte Eadulf, daß er die Tür schließen sollte, damit niemand ihr Gespräch belauschen konnte.
»Was hätte ich sonst tun können? Niemand hätte mir geglaubt, daß ich mich nicht für das rächen wollte, was Lesren über mich verbreitet hat.«
»Wer hat das behauptet?«
»Nun, Creoda sagte .«
»Creoda? Was sagte er?«
»Daß alle glaubten, ich hätte Lesren umgebracht, weil er mich für Beccnats Tod verantwortlich machte. Da wußte ich, daß ich auf der Stelle verschwinden mußte.«
»Du hättest lieber dem Gesetz vertrauen sollen.«
»Gesetz und Unrecht sind oft ein und dasselbe«, erwiderte Gabran. »Ich habe gehört, wie der alte Aolü das sagte, bevor er starb.«
»Das mag manchmal stimmen. Erst durch die Auslegung des Gesetzes wird das richtiggestellt.« Fidelma bedeutete dem jungen Mann, sich auf die Holzbank zu setzen, die ihm als Lagerstatt diente. Sie selbst nahm auf einem Stuhl Platz.
Eadulf blieb an der Tür stehen. »Wann hast du zum erstenmal von Lesrens Tod gehört?«
»Da kam ich gerade vom Holzfällen heim.«
»Creoda hat es dir gesagt?«
Der Junge nickte.
»Ist Creoda ein Freund von dir?«
»Nicht so direkt.«
»Hat er dir auch gesagt, daß du fortlaufen sollst?«
»Er hat mir dazu geraten.«
»Also bist du auf Creodas Rat hin fortgerannt. Hast du nicht selbst gemerkt, daß du damit etwas Falsches tust, wenn du wirklich unschuldig bist?«
Gabran sah sie nachdenklich an.
»Du glaubst also nicht, daß ich schuldig bin?« flüsterte er. Der Anflug von Hoffnung in seiner Stimme war nicht zu überhören.