»Ich denke, du bist vor lauter Angst geflohen, und gerade das läßt dich schuldig erscheinen.«
»Glaubst du dann also, Creoda war es?«
Fidelma schüttelte den Kopf. »Nein. Aber zuerst müssen wir beweisen, daß du es nicht warst.«
Da pochte es an der Tür, und Accobran trat ein. Fidelma blickte verärgert auf.
»Ich bin mitten in einer Befragung«, sagte sie.
»Bebhail und Tomma sind gekommen, sie möchte dich sprechen, Lady. Sie bestehen darauf. Außerdem« -er sah zu Gabran hin und beugte sich zu Fidelma hinunter, um ihr ins Ohr zu flüstern - »sind die Eltern des jungen Mannes da.«
Fidelma seufzte resigniert. »Also gut. Sag ihnen, daß ich gleich bei ihnen bin.«
Sie wartete, bis der Tanist fort war. Dann sagte sie zu Gabran: »Du kannst Accobran nicht leiden, nicht wahr?«
Gabran fuhr mit der Hand über sein lädiertes Gesicht. Er blickte Fidelma eine Weile an, ehe er mit der Schulter zuckte.
»Ich habe keinen Anlaß, ihn zu mögen.«
»Warum?«
»Die Antwort ist ganz einfach. Sobald er erfuhr, daß Beccnat in mich verliebt ist, versuchte er uns zu trennen.«
»Das mußt du mir erklären.«
»Einen Monat vor Beccnats Tod gab es in der Festhalle des Fürsten ein feis. Accobran bestand darauf, mit Beccnat zu tanzen.«
»Er bestand darauf? Hat er sie denn sehr bedrängt?«
Gabran nickte.
»Und wie hat sich Beccnat dazu verhalten?«
Nun zog Gabran die Mundwinkel nach unten. Er sagte nichts.
»Hatte sie etwas dagegen? Accobran ist ein hübscher junger Mann«, fügte sie hinzu.
Gabran sah zornig auf. »Sie fühlte sich geschmeichelt, vom Tanist zum Tanz aufgefordert zu werden. Das war alles. Ich schätze, er versuchte sie nach dem Fest wiederzusehen. Doch wie ich dir schon erklärte, Beccnat und ich waren ineinander verliebt . Und wir wollten heiraten . Trotz der Geschichte, die Lesren verbreitete.«
»Aber du hattest den Verdacht, daß Accobran sich heimlich mit ihr treffen wollte?« drang Fidelma weiter in ihn. »Hat er es nur versucht oder auch Erfolg gehabt?« fügte sie mit strenger Stimme hinzu.
»Er hat es nur versucht«, erwiderte Gabran sofort. »Ich habe Beccnat vertraut. Accobran habe ich nicht vertraut.«
»Gut.« Fidelma stand auf. »Nun muß ich aber zu Lesrens Witwe. Wir werden unser Gespräch bald fortsetzen.«
Bebhail und Tomma warteten in der Halle des Fürsten auf sie. Accobran war ebenfalls anwesend. Becc war auf Jagd und würde erst am Abend wieder zurück sein. Accobran kam auf sie zu und teilte ihr leise mit, daß Goll und seine Frau in einem Vorraum Platz genommen hatten, damit sie Bebhail nicht begegneten.
Die Witwe des Gerbers und Tomma hatten sich ein wenig linkisch erhoben, als Fidelma und Eadulf eingetreten waren. Fidelma bedeutete ihnen, sich wieder zu setzen.
»Ich habe nur wenig Zeit«, gab sie vor. »So sagt, was führt euch her? Ich nehme an, daß du mir etwas über Lesrens Tod mitzuteilen hast, Bebhail? Hast du Tomma inzwischen so weit, daß er dir erlaubt, mir die Wahrheit zu erzählen?«
Tomma sprang von seinem Stuhl auf.
»Woher wußtest du ...«, fing er an.
Fidelma hieß ihn mit einer Handbewegung schweigen.
»Es ist nur eine Vermutung. Ich habe nämlich gesehen, daß Bebhail nach dem Begräbnis mit mir sprechen wollte, du sie aber davon abgehalten hast. Ich schätze, daß Bebhail mir jetzt die Wahrheit sagen will, was Lesrens Tod betrifft.«
Tomma sank wieder auf seinen Stuhl. Er ließ den Kopf hängen, als ergebe er sich ganz seinem Schicksal. Fidelma sah Bebhail mit erwartungsvoller Miene an. Deren Augen waren immer noch trocken, sie wirkte äußerst beherrscht.
»Was ich tat, war falsch«, begann Bebhail. Dann schwieg sie wieder. Fidelma wartete geduldig. »Ich habe dieses Leben nicht länger ertragen. Einst habe ich ihn geliebt. Doch diese Liebe schwand schon vor Beccnats Geburt.«
Fidelma betrachtete sie voller Mitgefühl.
»Und was hast du getan?« fragte sie ermutigend.
»Ich habe ihn umgebracht«, sagte Bebhail schlicht.
Eadulf atmete hörbar durch. Accobran sah sie mit großen Augen an. Fidelma blickte erst zu Bebhail, dann schaute sie Tomma an.
»Es war nicht gerade klug, mich anzulügen.«
Hilflos zuckte der Gerbergehilfe mit den Schultern. »Ich hatte keine andere Wahl. Ich konnte dir doch nicht sagen, daß Lesren mir anvertraut hatte, Bebhail habe ihn erstochen.«
»Dann war sein letztes Wort also Bebhail und nicht Biobhal. Wie bist du nur auf Biobhal gekommen?«
»Es war das einzige, was mir einfiel. Als Lesren den Namen Bebhail vor sich hin murmelte, stand Creoda neben mir. Möglicherweise hatte er alles verstanden. Also erklärte ich ihm, ich hätte Biobhal gehört, nur für alle Fälle. Schließlich klang das ähnlich. Und er behauptete nichts Gegenteiliges.«
»Deine falsche Aussage hat mich ziemlich in die Irre geführt, Tomma«, sagte Fidelma ärgerlich. »Du hast da zufällig einen Namen ausgesucht, der von großer Tragweite hätte sein können.« Dann fuhr sie, an Bebhail gewandt, fort: »Was du mir gestanden hast, ist eine sehr ernste Sache, Bebhail. Das größte Verbrechen vor dem Gesetz besteht darin, einen anderen Menschen zu töten. Du hast einen Mord gestanden. Es wäre gut, wenn du mir alles von Anfang an erzähltest.«
Der Witwe blieb unverändert ruhig. »Das ist ganz einfach, Lady. Die Geschichte ist so alt wie die Beziehung zwischen Mann und Weib. Ich war jung und von ihm betört. Lesren war ein attraktiver Mann. Ein Handwerker. Ich wußte, daß er schon einmal verheiratet war, doch er hat mir immer nur Schlechtes über Finmed erzählt. Dann habe ich ihn geheiratet.« Sie machte eine Pause und lächelte kurz. »Seine Worte entsprachen nicht der Wahrheit, wie ich bald herausfand. Ich habe kein glückliches Leben geführt.«
»Das Gesetz kann in so einer Situation für Abhilfe sorgen«, erklärte Fidelma. »Es zieht Trennung und Scheidung in Betracht.«
»Ich bin aus vielerlei Gründen bei Lesren geblieben. Vor allem wohl wegen meiner Tochter, doch vielleicht ist das nur eine Ausflucht. Ich hätte ihn verlassen sollen, als die arme Beccnat ermordet wurde. Gestern fing er wieder an, mich zu mißhandeln. Irgend etwas ist da mit mir passiert. Ich habe nach dem Küchenmesser gegriffen und . « Ihre Worte erstarben, sie weinte hilflos.
»Willst du etwa behaupten, daß es Notwehr war?« fragte Accobran streng. Er wollte offenbar noch mehr sagen, vielleicht sein Verhalten Gabran gegenüber entschuldigen, aber Tomma, der Bebhail schützend einen Arm um die Schulter gelegt hatte, fiel ihm ins Wort: »Siehst du denn nicht, wie schlimm diese Bestie sie behandelt hat? Wenn du Beweise willst, Lady«, fügte er, an Fidelma gewandt, hinzu, »so bitte sie, mit dir in einen Nebenraum zu gehen, damit sie dir zeigt, was Lesren ihr angetan hat.«
»Stimmt das, Bebhail?« fragte Fidelma freundlich.
Bebhail schaute nicht auf, nickte aber.
»Verwandtenmord ist ein schweres Verbrechen«, sagte Fidelma jetzt.
»Harte Strafen treffen denjenigen, der sich dieses Verbrechens schuldig macht«, fügte der Tanist hinzu. »Deine Strafe wird ziemlich hoch ausfallen.«
»Doch«, sagte Fidelma mit einer Stimme, die plötzlich wie ein Peitschenknall dazwischenfuhr, »das Gesetz sagt auch, daß es Umstände geben kann, die einen Mord rechtfertigen.« Fidelma war erbost, daß der Ta-nist, der offensichtlich nur wenig von der Rechtsprechung verstand, sich immer wieder einmischte. »Es ist kein Verbrechen, jemanden in einer Schlacht zu töten, es ist kein Verbrechen, einen Dieb zu töten, der in dein Haus einbricht, dein Hab und Gut stehlen und dir schaden will. Im Cairde-Gesetzestext steht, daß es erlaubt ist, aus Notwehr zu töten. Hättest du dich noch zu Lebzeiten Lesrens an mich gewandt, dann hätte man dich auf der Stelle scheiden können. Dir wäre dabei beträchtlich mehr als nur die Hälfte eures gemeinsamen Besitzes zugefallen. Das Gesetz ist sehr deutlich, was den Schutz der Frauen vor Männern und Ehegatten betrifft. Und Mißhandlung, ob sie nun körperlich oder nur mit Worten erfolgt, wird bestraft. Du hättest diesen Weg wählen sollen. Inzwischen war dein Leid jedoch so groß geworden, daß du dich gewehrt hast. Ich kann nicht so tun, als sei es völlig in Ordnung gewesen, Lesren zu töten, aber es geschah in Notwehr, und das ist ein Punkt, der in deine Verteidigung einfließen wird.«