»Der König von Laigin achtet das Gesetz höher als alles andere, Lady«, erklärte er mit sanfter Bosheit.
»Über das Gesetz will ich auch mit dir reden, nachdem ich nun weiß, weshalb du hier bist«, entgegnete Fidelma lebhaft.
»Was soll ein einfacher Seemann wie ich schon vom Gesetz wissen?« konterte Mugron. »Ich tue, was mir befohlen wird.«
»Du hast zugegeben, daß du hier als Ausführender des Gesetzes auftrittst, nach Anweisungen des Bre-hons deines Königs«, erwiderte Fidelma rasch. »Dafür verstehst du genug vom Gesetz.«
Mugrons Augen weiteten sich, als er sah, daß sie sich nicht einschüchtern ließ, und dann grinste er. »Na gut. Worüber willst du mit mir sprechen?«
»Eine Glaubensschwester wurde neben deinem Schiff aus dem Wasser gezogen. Sie war tot.«
»Einer meiner Männer hat mir den Vorfall gemeldet«, bestätigte Mugron. »Es passierte kurz vor dem Dunkelwerden. Zwei Fischer hatten die Leiche in ihrem Netz. Sie ruderten damit zum Ufer.«
»Ihr haltet anscheinend gut Wache auf diesem Schiff. Hat niemand von deiner Mannschaft etwas Verdächtiges bemerkt? Kein Anzeichen dafür, daß die Leiche von den Felsen an der Landspitze ins Meer geworfen wurde?«
»Wir haben nichts gesehen. Wir haben wenig mit dem Land zu tun, außer wenn wir mit Salbachs Erlaubnis von den Einheimischen frisches Fleisch und Gemüse einhandeln.«
»Und die Schwester war nie an Bord dieses Schiffes?«
Mugrons Gesicht wurde rot vor Ärger.
»Schwester Eisten war nicht hier an Bord«, fauchte er. »Wer das behauptet, ist ein Lügner!«
Seine Reaktion gab Fidelma eine Chance.
»Und woher weißt du, daß sie Eisten hieß? Ich habe es nicht erwähnt.« Ihre Stimme war messerscharf.
Mugron blinzelte.
»Du ...«
Sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung.
»Treib kein Spiel mit mir, Mugron. Woher kennst du ihren Namen? Ich will die Wahrheit wissen.«
Mugron hob mit hilfloser Geste die Arme.
»Na schön, du sollst die ganze Wahrheit erfahren. Aber ich möchte mein Leben und mein Schiff nicht in Gefahr bringen. Behalten wir die Sache einstweilen unter uns.«
»Es gibt keine Gefahr, solange man die Wahrheit sagt«, versicherte ihm Fidelma.
Mugron stand auf, ging zur Kajütentür und rief: »Midnat«. Er setzte sich wieder. Einen Moment später trat ein ältlicher, bärtiger Mann ein und grüßte seemännisch. Er war grauhaarig und sonnenverbrannt.
»Sag der Schwester hier deinen Namen und deine Stellung auf dem Schiff. Dann erzähl ihr, was passierte, als du heute an Land gingst.«
Der Alte drehte sich zu Fidelma um, nickte und entblößte seine zahnlosen Gaumen.
»Ich heiße Midnat, Lady. Ich bin hier der Schiffskoch. Ich ging heute an Land, um frisches Gemüse und Hafer für die Mannschaft zu kaufen.«
»Wann war das?«
»Gerade als in der Abtei zum Mittagessen geläutet wurde.«
»Erzähl Schwester Fidelma, was passierte«, unterbrach ihn Mugron. »Genau so, wie du es mir erzählt hast.«
Der Alte sah ihn überrascht an.
»Von der ...?«
»Na los, Mann«, fuhr ihn Mugron an. »Erzähl ihr alles.«
Der Alte wischte sich über Mund und Kinn.
»Also, ich gehe zu meinem Boot zurück. Ich habe Gemüse gekauft, weißt du. Also, ich gehe zurück ... na, da ruft mich diese Schwester an und fragt mich, ob mein Kapitän zwei Passagiere auf die Reise mitnehmen kann.«
»Sie sprach von zwei Passagieren?« fragte Fidelma. »Was hat sie genau gesagt?«
»Ungefähr so: >He, Seemann, bist du von dem See-schiff?< sagt sie. Ich nicke. >Wieviel verlangt dein Kapitän für die Überfahrt von zwei Personen nach Britannien oder Gallien?< Da merke ich, daß sie mich für einen von dem fränkischen Schiff da drüben hält. Dem großen Handelsschiff. Sie bietet, sagt sie, zwei screpall für die Überfahrt.«
Fidelma starrte ihn einen Moment verblüfft an.
»Die Schwester bot solche wertvollen Silbermünzen?«
Midnat nickte nachdrücklich.
»Ich sage: >Würd ich gerne nehmen, Schwester, aber ich bin bloß der Koch von dem Kriegsschiff da aus Laigin. Wenn du aus diesem Land raus willst, mußt du dich an einen Seemann von dem fränkischen Handelsschiff wenden, das auf der anderen Seite der Bucht ankert.< Kaum hab ich das gesagt, tritt sie zurück, hat die Hand vor dem Mund und so große Augen, als wär ich der Teufel in Person. Dann dreht sie sich um und rennt weg.«
Der Mann schwieg und wartete, den Blick auf Fi-delmas Gesicht gerichtet.
»Ist das alles?« Fidelma war enttäuscht.
»Es war genug«, meinte Midnat.
»Sie verschwand, und du hast sie nicht wieder gesehen?«
»Sie lief weg, das Ufer lang. Ich kehrte auf mein Schiff zurück. Vor einer Weile dann, grade als es dunkel wird, hör ich Lärm. Ich geh an Deck und will sehen, was los ist. Nicht weit weg holen zwei Fischer eine Leiche aus dem Wasser. Es ist dieselbe Schwester, die mir Geld für die Überfahrt geboten hat.«
Fidelma warf ihm einen durchdringenden Blick zu.
»Es war Dämmerung, fast schon dunkel. Wie konntest du sicher sein, daß es dieselbe Schwester war?«
»Es war noch hell genug«, meinte der alte Koch, »und die Leiche der Schwester trug immer noch das merkwürdige Kreuz am Hals. Es war deutlich genug zu sehen, daß ich wußte, daß ich so eins noch nie gesehen hatte außer bei der Schwester, die nach der Überfahrt nach Britannien oder Gallien gefragt hatte.«
Das stimmt schon, dachte Fidelma. Eistens römisches Kreuz war hinreichend auffällig in dieser Gegend. Aber sie wollte sichergehen.
»Merkwürdig? Inwiefern?«
»Es war ein Kreuz ohne einen Kreis.«
»Du meinst ein römisches Kreuz?« fragte Fidelma nach.
»Weiß ich nicht. Wenn du’s so nennst«, antwortete der andere gleichgültig. »Jedenfalls war es groß und verziert und mit ein paar Edelsteinen besetzt, die das Lösegeld für einen König wert sind.«
Es überraschte nicht, daß der alte Seemann die Halbedelsteine für Juwelen von großem Wert hielt. Die Beschreibung war zwar dürftig, reichte aber aus, um Fidelma davon zu überzeugen, daß der Mann die Wahrheit sagte.
»Das wäre alles, Midnat«, stellte Mugron fest.
Der alte Koch grüßte zum Abschied und verließ die Kajüte.
»Nun?« fragte Mugron. »Bist du damit zufrieden?«
»Nein«, erwiderte Fidelma ruhig. »Denn das alles erklärt noch nicht, woher du den Namen der unglücklichen Frau weißt.«
Mugron machte eine wegwerfende Geste.
»Na, das ist kein großes Geheimnis. Ich sagte dir schon, daß wir die Erlaubnis von Salbach haben, hier zu ankern und das Pfändungsverfahren gegen Brocc von Ailithir zu betreiben. Als wir vor gut einer Woche hierherkamen, gingen wir auf Anweisung des Brehons unseres Königs gleich zu Salbachs Burg in Cuan Doir, um die Erlaubnis dazu einzuholen.«
»Und dann?« fragte Fidelma, die nicht verstand, worauf Mugron hinauswollte.
»In Cuan Doir wurde ich Schwester Eisten vorgestellt. Als Midnat zu mir kam und die Schwester mit dem merkwürdigen Kruzifix beschrieb und sagte, das sei dieselbe Schwester, die eine Überfahrt suchte, fielen mir das Kruzifix und der Name wieder ein.«
»Du bist also sicher, daß Schwester Eisten vor einer Woche auf Salbachs Burg war?« fragte Fidelma. Das war alles ziemlich verwirrend.
»Allerdings. Cuan Doir liegt an der nächsten Bucht, nicht weit von hier. Warum überrascht es dich so, daß sie dort war?«
Fidelma ließ sich auf keine Erklärung ein.
»Eins möchte ich noch von dir, Mugron«, sagte sie. »Ich möchte, daß du mich zur Abtei begleitest und feststellst, ob die Leiche von Schwester Eisten dieselbe
Person ist wie die Schwester, die du in Salbachs Burg gesehen hast. Ich möchte ganz sicher sein.«