Mullins und John, die immer noch heftig zitternd unter ihren jeweiligen Decken lagen, warfen sich einen Blick zu und rollten mit den Augen.
Mit einem frischen Verband für Johns Hand und einer Thermoskanne heißen Tees versorgt, fanden die beiden Männer sich schließlich allein wieder. Johns Frösteln hatte nachgelassen und er genoss die wohlige Wärme unter dem dicken Federbett, das man ihm gebracht hatte, die Füße auf einer heißen Wärmflasche. Er merkte, wie er wegdämmerte, als Mullins´ heisere Stimme an sein Ohr drang.
„Wie verzweifelt muss Marcia gewesen sein, in diese eiskalte Brühe zu steigen. Der Mord an dem Mädchen muss ihr entsetzliche Qualen verursacht haben.“
„Ich … glaube nicht, dass sie es war.“ Mit diesen Worten schlief John ein.
„Aufstehen, Mackenzie! Ich habe gute Nachrichten.“
„Mmmmm.“ Grummelnd öffnete John ein Auge. Als er den Kommandanten vor seinem Bett stehen sah, fielen ihm die Ereignisse der Nacht schlagartig wieder ein. „Was…“ Heftiges Niesen überkam ihn. Mit tränenden Augen richtete er sich schließlich auf und nahm ein Taschentuch, das Mullins ihm reichte.
„Ich habe mit Doc Hunter gesprochen: Marcia lebt!“ John blieb der Mund offen stehen.
„Offensichtlich haben wir sie gerade noch rechtzeitig aus dem Wasser gezogen. Es stand Spitz auf Knopf, sagen die Ärzte.“ Mullins schüttelte staunend den Kopf. „Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, aber durch die extreme Kälte ist nur wenig Blut ausgetreten. Allerdings war sie bereits bewusstlos und wäre kurze Zeit später wegen Unterkühlung gestorben.“
„Pff. Das sollte sogar ein medizinischer Laie wissen, dass man sich die Pulsadern am besten in der warmen Badewanne aufschneidet.“ Schwester Doyle war unbemerkt hereingekommen. Als sie die Blicke der beiden Männer bemerkte, schlug sie sich verlegen die Hand vor den Mund. „Aber selbstverständlich bin ich sehr froh, dass Mrs. Campbell das nicht wusste und noch gerettet werden konnte.“
„Wie wäre es, wenn Sie frischen Tee für Mr. Mackenzie hier besorgen könnten?“ Bei Mullins´ nur mühsam beherrschtem Ton floh die Krankenschwester aus dem Zimmer.
Mullins setzte sich auf den Bettrand. „Gestern Nacht sagten Sie etwas, das mir Rätsel aufgibt: Sie denken, Marcia ist nicht die Mörderin von Julia Feldmann? Obwohl sie es in ihrem Schreiben selbst zugibt?“ John nieste abermals und nickte dann.
„Ich denke, sie hat den Selbstmordversuch aus demselben Grund unternommen, aus dem George seit Tagen stur die Aussage verweigert: Sie will jemanden schützen.“ Mullins sah ihn verständnislos an.
„Wie kommen Sie darauf? Woher wollen Sie wissen, aus welchem Grund George so ausdauernd schweigt?“ John fiel ein, dass der Chief noch gar nichts von seinem Besuch bei Scotland Yard wusste. Also wiederholte er das Gespräch mit George, so genau es ging. Er musste sich auf die Zunge beißen, um Maggies Informationen nicht preiszugeben. Als er geendet hatte, fuhr Mullins sich verwirrt durch die Haare.
„Also scheint bei den Campbells jeder vom anderen zu glauben, dass er schuldig ist. Aber wenn wir davon ausgehen, dass Sie richtig liegen und weder George noch Marcia haben die Studentin getötet: Dann bleibt uns ja nur noch eine Möglichkeit.“ John wiegte den Kopf.
„Lassen Sie uns keine voreiligen Schlüsse ziehen: Aber wir sollten dringend ein Gespräch mit Richard führen. Außerdem müssen wir versuchen, mit Marcia zu reden. Darf sie schon Besuch empfangen?“ Mullins sprang auf.
„Sie stehen jetzt auf und ich rufe Hunter im Krankenhaus an. Ach, und übrigens“, er drehte sich noch einmal um. „Nach Ihren Worten gestern habe ich Marcias Abschiedsbrief erst einmal sicher bei mir verwahrt. Außer Ihnen und mir weiß keiner von seiner Existenz. Ich hielt es vorerst für unnötig, ihn weiterzugeben. Whittington würde sie sicher unter Arrest stellen, sollte er davon erfahren. Das möchte ich ihr nicht zumuten, falls sie wirklich unschuldig ist.“ Damit war er aus der Tür. John schüttelte staunend den Kopf. Der Chief musste großes Vertrauen in ihn setzen, wenn er auf seine Einschätzung hin der Polizei wichtiges Beweismaterial vorenthielt.
Eine Stunde später standen ihnen Doc Hunter und der behandelnde Arzt in einem beengten Sprechzimmer des St. Bartholomew´s Krankenhauses gegenüber.
„Es ist wirklich sehr wichtig, dass wir mit ihr reden. Bitte lassen Sie uns zu ihr. Nur fünf Minuten.“
Hunter beugte sich zu seinem Kollegen und raunte ihm zu, „Das sind die Herren, die die Patientin aus der Themse gerettet haben.“ Daraufhin wurde der Blick des Stationsarztes etwas freundlicher.
„Na gut, ich werde gleich noch mal nach ihr sehen. Wenn ich es verantworten kann, dann können Sie kurz hinein.“
Hunter rieb sich müde über die Augen. „Marcia hatte unglaubliches Glück, dass Sie sie entdeckt haben. Wenig später wäre es vorbei gewesen. Ich nehme an, der Druck ist ihr einfach zu groß geworden, mit Georges Verhaftung und Richards Wahlkampagne, die sie sich so zu Herzen nimmt.“
Mullins und John vermieden es, einander anzusehen und brummten etwas Unverbindliches. Hunter gähnte herzhaft.
„Ich muss mich aufs Ohr hauen. Eine der Schwestern soll mir ein Taxi besorgen.“ Er verließ das Sprechzimmer, kam aber gleich wieder zurück. „Whittington ist im Anmarsch“, zischte er. „Eine Vernehmung steht Marcia in ihrem Zustand nicht durch. Ich werde versuchen, ihn abzuwimmeln.“ Damit verschwand er wieder. Mullins und John grinsten sich an, als sie hörten, wie Hunter den Superintendenten in aufgeblasenem Ton mit einer Woge von unverständlichen Fachbegriffen überschüttete.
Whittington jedoch ließ sich von der medizinischen Terminologie nicht beeindrucken und verlangte, Marcia auf der Stelle zu sehen. Dabei wurde er zunehmend laut. Da riss Hunter der Geduldsfaden.
„Superintendent, bei aller gebotenen Achtung: Dieser Skandal wegen Misshandlung von Verdächtigen bei der Metropolitan Police im vergangenen Jahr ist den Leuten noch in bester Erinnerung. Wenn Sie nun darauf bestehen, die Patientin, die vor wenigen Stunden knapp dem Tode entronnen und noch keineswegs stabil ist, mit Ihren impertinenten Fragen zu behelligen, werde ich dies an Ihre Vorgesetzten und an die Medien weitergeben. Und wie Sie sehen, verfüge ich über eine ganze Reihe von Zeugen für Ihr Verhalten. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Verabschieden Sie sich jetzt. Sofort.“
Nach einer endlosen Minute des Schweigens war zu hören, wie sich Schritte entfernten. Draußen murmelten mehrere Leute durcheinander. John lugte vorsichtig hinaus. Whittington hatte den Rückzug angetreten, einige Schwestern und Pfleger sahen ihm missbilligend nach. Doc Hunter brummte, „Dieser Popanz. Meint, er muss sich mit mir anlegen.“
„Gut gemacht, Doc. Erstmal sind wir ihn los.“
„Oh Patrick, warum musstet ihr mich herausziehen?“ Marcias Stimme war ein raues Flüstern. Chief Mullins fehlten die Worte.
„Wie kannst du so etwas nur fragen? Ich…“ Hilfesuchend sah er John an, der sich im Hintergrund hielt.
„George wird dich brauchen, wenn er aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Scotland Yard wird früher oder später herausfinden, dass er unschuldig ist.“, sagte dieser sanft. Marcias stumpfer Blick wurde mit einem Mal klar.
„Was sagst du da, John? George … hat nichts mit dem Mord zu tun?“ John schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein. Er hat die ganze Zeit geschwiegen, weil er Angst hatte, du oder Richard wären darin verwickelt. Er wollte euch schützen, genauso wie du versucht hast, durch deine Tat deine Familie zu schützen. Ihr seid schon ein tolles Team, wie ihr euch füreinander aufopfern wolltet.“
Marcias Gesicht spiegelte den unbändigen Wunsch wider, Johns Worten Glauben zu schenken. „Aber woher weißt du, dass er unschuldig ist, wenn er doch mit niemandem spricht?“