Ich sah, wie seine Hand auf dem Knie ruhte, die Finger gespreizt und angespannt. Und ganz plötzlich wußte ich, wo ich ihn schon einmal gesehen hatte. Seine Hand, tiefgebräunt, mit bläulichem Schimmer unter den Fingernägeln, brachte mich darauf.
Er hatte in Sandown an der Bar gestanden, mit dem Rücken zu mir, die Hand auf der Theke neben seinem Glas. Er hatte sich mit Bill unterhalten, und ich hatte hinter ihm gewartet, weil ich ihr Gespräch nicht stören wollte. Tudor hatte dann sein Glas geleert und war gegangen. Ich sah zu ihm hinüber.
«Das mit Bill Davidson ist wirklich tragisch«, sagte ich.
Die braune Hand zuckte. Er wandte den Kopf zur Seite und sah mich an.»Ja, das kann man wohl sagen. Ich hatte damit gerechnet, daß er in Cheltenham eines meiner Pferde reiten würde.«
«Ein großer Sportsmann«, sagte ich.
«Allerdings.«
«Ich war unmittelbar hinter ihm, als er stürzte«, erzählte ich ihm, und impulsiv fügte ich hinzu:»Da gibt es noch allerhand zu klären.«
Er rutschte in seinem Sitz etwas tiefer. Ich wußte, daß er mich immer noch beobachtete.»Das läßt sich denken«, meinte er. Er zögerte, fügte dann aber nichts mehr hinzu. Nach einer Weile sah er auf die Uhr.»Wenn Sie die Güte hätten, mich zum Pavillon-Plaza-Hotel zu bringen. Ich werde dort zu einer geschäftlichen Besprechung erwartet.«
«Ist das in der Nähe des Pavillons?«erkundigte ich mich.
«So ungefähr. Ich dirigiere Sie, wenn wir Brighton erreicht haben. «Sein Ton degradierte mich zum Chauffeur.
Wir blieben die nächsten Meilen stumm. Mein Fahrgast war anscheinend tief in Gedanken versunken. Als wir Brighton erreichten, wies er mir den Weg zum Hotel.
«Danke«, sagte er ohne Wärme, als er etwas schwerfällig aus meinem niedrigen Wagen stieg. Er hatte eine Art an sich, nicht unbeträchtliche Gefälligkeiten als selbstverständlich anzusehen, auch wenn er Fremde darum bemühen mußte. Er machte zwei Schritte, drehte sich dann um und sagte:»Wie heißen Sie?«
«Alan York«, erwiderte ich.»Guten Tag.«
Ich fuhr davon, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich konnte genau so brüsk sein wie er. Ein Blick in den Rückspiegel belehrte mich, daß er immer noch auf dem Gehsteig stand und mir nachsah.
Ich fuhr zur Rennbahn zurück. Joe wartete auf mich; er saß auf der Böschung am Rand der Straße. Es fiel ihm schwer, die Wagentür zu öffnen, und brummend rutschte er in den Sitz. Er geriet zu weit auf meine Seite, und ich entdeckte, daß Joe Nantwich betrunken war.
Die Dämmerung brach herein. Ich knipste die Scheinwerfer an. Es gab Angenehmeres, als die kurvenreichen Straßen nach Dorking zu befahren, während Joe mir seinen Alkoholdunst ins Gesicht blies. Ich seufzte und gab Gas.
Joe war wieder einmal gekränkt. Seiner Meinung nach waren immer die anderen schuld, wenn ihm irgend etwas schiefging.
Kaum zwanzig Jahre alt, hatte er an allem etwas auszusetzen. Es ließ sich schwer entscheiden, was unangenehmer war, sein Beleidigtsein oder seine Prahlereien; daß ihn die anderen Jockeys tolerant behandelten, zeugte für ihre Gutmütigkeit. Zu seinen Gunsten sprach eigentlich nur, daß er ein guter Jockey war, aber auch diese Fähigkeit hatte er durch das Stehenlassen von Pferden im schlechten Sinne angewandt, und jetzt betrank er sich auch noch mitten am Tag.
«Ich hätte dieses Rennen gewonnen«, winselte er.
«Du bist ein Narr, Joe«, sagte ich.
«Nein, ganz ehrlich, Alan. Ich hätte das Rennen gewonnen. Die anderen waren ja schon erledigt, ich hatte sie in der Tasche. «Er fuhr mit den Händen durch die Luft.
«Du bist ein Narr, beim Rennen so viel zu trinken«, sagte ich.
«Was?«
«Trinken«, wiederholte ich.»Du hast zuviel getrunken.«
«Nein, nein, nein, nein.«
«Kein Besitzer läßt dich mehr auf sein Pferd, wenn du betrunken gesehen wirst«, meinte ich.
«Ich kann jedes Rennen gewinnen, betrunken oder nicht«, erwiderte Joe.
«Ob dir das die Leute glauben?«
«Sie wissen, daß ich gut bin.«
«Das stimmt auch, aber wenn du so weitermachst, wird bald Schluß sein.«
«Ich kann trinken und reiten, ich kann reiten und trinken. Wann und wie ich will. «Er rülpste.
Ich ließ es dabei bewenden. Joe hätte vor zehn Jahren eine feste Hand gebraucht.
Er begann wieder zu jammern.»Dieser verdammte Mason!«
Ich schwieg. Er fing wieder von vorne an.
«Dieser verdammte Sandy, er hat mich heruntergestoßen. Er hat mich angerempelt und über das verdammte Geländer gekippt.
Ich hätte das Rennen spielend gewonnen. Er wußte genau Bescheid und kippte mich über das verdammte Geländer.«
«Sei doch nicht so albern, Joe.«
«Du kannst nicht behaupten, daß ich das Rennen nicht gewonnen hätte«, erklärte Joe eigensinnig.
«Und ich kann auch nicht sagen, daß du es gewonnen hättest«, meinte ich.»Du bist ja schon eine Meile vor dem Ziel gestürzt.«
«Ich bin nicht gestürzt. Ich erzähle dir doch eben, was war, oder nicht? Dieser dreckige Mason hat mich vom Pferd gestoßen!«
«Wie denn?«fragte ich, ohne ihn anzusehen.
«Er drückte mich gegen das Geländer. Ich schrie ihm zu, daß er mir mehr Platz lassen sollte. Weißt du, was er dann getan hat? Weißt du’s? Er hat gelacht. Er hat einfach gelacht. Dann stieß er mich hinunter. Er drückte mir das Knie in die Seite, stemmte mich hoch, und schon fiel ich übers Geländer. «Er schluchzte.
Ich sah ihn an. Zwei Tränen rollten ihm über die runden Wangen.
«Sandy würde so etwas nie tun«, meinte ich gelassen.
«Und ob er so etwas tut. Er hat mir gesagt, daß er mit mir abrechnen würde. Es täte mir noch leid, meinte er. Aber ich konnte nichts dafür, Alan, ganz bestimmt nicht. «Wieder begannen die Tränen zu fließen.
Ich war ratlos. Woher sollte ich wissen, was er meinte. Immerhin begann es so auszusehen, als hätte Sandy seine Gründe gehabt, wenn er wirklich für den Sturz verantwortlich gewesen war.
«Du bist immer anständig zu mir gewesen, Alan«, fuhr Joe fort,»du bist nicht wie die anderen, du bist mein Freund. «Er stützte sich auf meinen Arm, kam näher und schnaufte mir ins Gesicht. Durch den plötzlichen Druck auf meinen Arm wurde das Steuer etwas herumgerissen, und der Wagen geriet aus der Spur.
Ich schüttelte ihn ab.»Setz dich um Gottes willen richtig hin, Joe, sonst landen wir noch im Graben«, sagte ich.
Aber er hörte nicht. Wieder zog er an meinem Arm. Vor uns tauchte eine Ausweichstelle auf. Ich bremste, bog ein und hielt.
«Wenn du nicht vernünftig bist, kannst du hier aussteigen und zu Fuß gehen«, fauchte ich ihn an.
«Du weißt ja nicht, wie das ist, wenn man in der Patsche steckt«, schluchzte er. Je schneller er sich die Sache vom Herzen redete, desto eher würde er wohl einschlafen, dachte ich.
«Was für eine Patsche denn?«fragte ich uninteressiert.
«Alan, dir sage ich es, weil du mein Freund bist. «Er legte mir die Hand aufs Knie. Ich schob sie weg.
«Ich hätte ein Pferd stehenlassen sollen und hab’s nicht getan«, winselte Joe.»Sandy verlor eine Menge Geld, er schwor, sich an mir zu rächen, lief tagelang hinter mir her und drohte mit allem möglichen. Ich wußte, daß er etwas Gemeines unternehmen würde, und das hat er auch getan. «Er holte Atem.
«Gott sei Dank bin ich auf eine weiche Stelle gefallen, sonst hätte ich mir noch den Hals gebrochen. Und dieser verfluchte Sandy lachte! Aber der soll sich nur vorsehen, den mach ich noch fertig.«
«Welches Pferd hast du nicht stehenlassen?«fragte ich.»Woher wußte Sandy eigentlich, daß du ein Pferd abwürgen solltest?«