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Einen Augenblick lang dachte ich, der Redefluß würde versiegen, aber die Wirkung des Alkohols war stärker.

Die Geschichte war traurig genug. Unter Abzug der Flüche und aufs Wesentliche beschränkt, ergab sich folgendes. Joe war gut dafür bezahlt worden, bei verschiedenen Gelegenheiten Pferde stehenzulassen. Zweimal hatte ich es selbst erlebt. Aber als David Stampe seinen Vater, den Leiter der Rennkommission, unterrichtet hatte und Joe beinahe seiner Lizenz verlustig gegangen wäre, war ihm der Schock doch zu groß gewesen. Als man ihm beim nächstenmal auftrug, ein Pferd stehenzulassen, erklärte er sich einverstanden, aber beim Rennen hatte er aus Nervosität nicht früh genug abgebremst. Vor dem Finish erkannte er klar, daß seine Lizenz dahin war, wenn er verlor. Er gewann also. Das war vor zehn Tagen gewesen.

«Ist Sandy der einzige, der dir etwas getan hat?«fragte ich verständnislos.

«Er hat mich übers Geländer gestoßen.«

Ich unterbrach ihn.»Es war aber doch sicher nicht Sandy, der dich bezahlt hat, damit du nicht gewinnst?«

«Nein. Ich glaube nicht. Ich weiß es nicht«, jammerte er.

«Willst du damit sagen, daß du nicht weißt, wer dich bezahlt hat?«

«Ein Mann rief an und sagte mir Bescheid, sobald er ein Pferd gebremst haben wollte, und nachher bekam ich durch die Post ein Päckchen mit Geld zugestellt.«

«Zehnmal im ganzen während der sechs Monate«, erwiderte Joe. Ich starrte ihn an.

«Es war meistens ganz einfach«, verteidigte sich Joe.»Die Gäule hätten sowieso nicht gewonnen.«

«Wieviel bekamst du dafür?«

«Hundert. Zweimal sogar zweihundertfünfzig. «Joe hatte sich immer noch nicht unter Kontrolle, und ich glaubte ihm. Das war eine Menge Geld, und jemand, der solche Beträge ausgab, würde sicher nicht auf Rache verzichten, wenn Joe entgegen seinen Anweisungen gewann. Aber Sandy? Ich konnte es nicht glauben.

«Was hat Sandy zu dir gesagt, nachdem du gewonnen hattest?«fragte ich.

Joe weinte immer noch.»Er sagte, er hätte auf das von mir geschlagene Pferd gesetzt und würde mit mir abrechnen«, erwiderte Joe.

«Du hast dein Geld nicht bekommen, nehme ich an?«

«Nein«, sagte Joe.

«Hast du denn überhaupt keine Ahnung, woher es kam?«

«Ein paar Päckchen waren in London aufgegeben worden. Ich habe mich auch nicht besonders drum gekümmert.«

«Na ja«, sagte ich.»Nachdem Sandy jetzt Rache genommen hat, bist du wohl aus dem Schlimmsten ’raus? Kannst du nicht endlich mit dem Geheule aufhören? Es ist ja jetzt alles vorbei. Worüber regst du dich so auf?«

Joe nahm ein Blatt Papier aus der Tasche und gab es mir.»Jetzt ist sowieso schon alles gleich. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Hilf mir, Alan. Ich habe Angst.«

Man sah es ihm an. Joe wurde langsam nüchtern.

Ich faltete das Papier auseinander und schaltete die

Wagenbeleuchtung ein. Es handelte sich um ganz normales Schreibmaschinenpapier. Der Text war nur vier Worte lang, in Großbuchstaben: >BOLINGBROKE DU WIRST BESTRAFTc.

«>Bolingbroke< ist das Pferd, das du hättest stehenlassen sollen?«

«Ja.«

«Wann hast du das hier bekommen?«

«Ich fand es heute in meiner Tasche, als ich das Jackett anzog, kurz vor dem fünften Rennen.«

«Und dann hast du den Rest des Nachmittags in der Bar verbracht und dich betrunken«, meinte ich.

«Ja., während du Mr. Tudor nach Brighton brachtest, ging ich noch einmal hinein. Ich habe nicht damit gerechnet, daß mir wegen >Bolingbroke< etwas passieren würde. Seit er gewonnen hat, brachte ich aber die Angst nicht mehr los. Und gerade, als ich dachte, daß alles gut verlaufen sei, stieß mich Sandy übers Geländer, und dann fand ich diesen Brief in meiner Tasche. Das ist nicht fair.«

Ich gab ihm das Blatt zurück.

«Was soll ich denn nur tun?«fragte Joe.

Ich konnte es ihm nicht sagen, weil ich es nicht wußte. Er hatte sich in die Patsche gesetzt und guten Grund, unangenehme Folgen zu befürchten.

Joe schien sich einigermaßen erholt zu haben. Ich knipste die Innenbeleuchtung aus, ließ den Motor an und fuhr los. Wie erwartet, schlief Joe nach kurzer Zeit ein. Er schnarchte laut.

Als wir uns Dorking näherten, weckte ich ihn.

«Joe, wer ist eigentlich dieser Mr. Tudor, den ich nach Brighton gefahren habe? Er kennt dich.«

«Ihm gehört >Bolingbroke<«, erwiderte Joe.»Ich reite oft für ihn.«

Ich war überrascht.»Hat er sich gefreut, als Bolingbroke gewann?«

«Ich nehme es an. Er war nicht dabei. Nachher schickte er mir allerdings zehn Prozent und ein Dankschreiben. Na ja, das Übliche.«

«Er beteiligt sich noch nicht lange am Rennsport, nicht wahr?«

«Er tauchte ungefähr um dieselbe Zeit auf wie du«, erklärte Joe mit einer Spur seiner früheren Arroganz.»Ihr beide seid mitten im Winter braungebrannt angekommen.«

Ich war mit dem Flugzeug aus dem afrikanischen Sommer ins kalte Oktoberwetter geraten; nach achtzehn Monaten war meine Haut so blaß wie die eines Engländers. Tudor dagegen hatte sich nicht verändert.

«Weißt du, warum dieser Mr. Clifford Tudor in Brighton wohnt?«fragte Joe.»Damit er eine Ausrede hat, wenn er das ganze Jahr braungebrannt herumläuft. Wahrscheinlich stimmt mit seiner Ahnenreihe etwas nicht.«

Daraufhin lud ich Joe ohne Gewissensbisse an der Bushaltestelle ab. Er schien sein Gleichgewicht wiedergewonnen zu haben.

Ich fuhr nach Hause. Zuerst dachte ich über Sandy Mason nach und fragte mich, wie er wohl dahintergekommen war, daß Joe >Bolingbroke< zurückhalten sollte.

Aber während der letzten Fahrstunde dachte ich nur an Kate.

Kapitel 6

Scilla schlief auf dem Sofa, eine Decke über den Beinen, ein halbgeleertes Glas auf dem niederen Tisch neben sich. Ich nahm das Glas und roch daran. Kognak.

Sie öffnete die Augen.»Alan! Ich bin ja so froh, daß du wieder da bist. Wie spät ist es?«

«Halb zehn.«

«Du hast sicher Hunger«, meinte sie und schlug die Decke zurück.»Warum hast du mich denn nicht geweckt? Das Essen ist schon seit ein paar Stunden fertig.«

«Ich bin eben erst gekommen, und Joan steht schon am Herd, also brauchst du dich gar nicht anzustrengen.«

Wir setzten uns zu Tisch. Ich nahm meinen üblichen Platz ein. Bills Stuhl, Scilla gegenüber, war leer. Ich nahm mir vor, ihn bei nächster Gelegenheit an die Wand zu rücken.

Als wir bei den Steaks angelangt waren, sagte Scilla:»Zwei Polizisten waren heute hier.«

«Tatsächlich? Wegen der gerichtlichen Untersuchung morgen?«

«Nein, es ging um Bill. «Sie schob ihren Teller weg.»Sie wollten wissen, ob er in Schwierigkeiten gewesen wäre. Über eine halbe Stunde lang stellten sie mir Fragen. Einer meinte, wenn ich meinen Mann sehr gern gehabt und mich gut mit ihm vertragen hätte, müßte ich doch wissen, was in seinem Leben nicht gestimmt habe. Sie waren sehr unfreundlich.«

«Das kann ich mir vorstellen«, erwiderte ich.»Sie wollten sicher wissen, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen und warum ich immer noch hier im Hause wohne?«

Überrascht und erleichtert sah sie auf.»Ja, das stimmt. Ich wußte nicht, wie ich es dir sagen soll. Es ist für mich so selbstverständlich, daß du hier bist, aber irgendwie konnte ich es ihnen nicht begreiflich machen.«

«Ich ziehe morgen aus, Scilla«, sagte ich.»Ich möchte nicht, daß noch mehr getuschelt wird. Wenn die Polizei auf den Gedanken kommt, daß du Bill mit mir betrogen haben könntest, gilt dasselbe für alle Nachbarn und die ganze Gegend. Ich bin sehr gedankenlos gewesen, es tut mir leid.«

«Um meinetwillen wirst du morgen nicht ausziehen, Alan«, meinte Scilla resolut.»Ich brauche dich hier. Wenn ich mich mit dir nicht unterhalten kann, vor allem abends, sitze ich nur die ganze Zeit herum und heule. Den Tag über geht es ja, weil die Kinder da sind und im Haus viel zu tun ist. Aber die Abende. «Ihre Augen begannen zu schwimmen.»Es ist mir egal, was die Leute sagen«, flüsterte sie.»Ich brauche dich. Bitte geh nicht fort.«