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«Ich bleibe«, sagte ich.»Mach dir keine Sorgen. Ich bleibe, solange es dir recht ist. Aber du mußt mir versprechen, daß du mir sofort Bescheid sagst, wenn du mich nicht mehr hier haben willst.«

Sie trocknete sich die Augen und lächelte.»Du meinst, sobald ich mir Sorgen um meinen Ruf mache? Ich verspreche es dir.«

Ich hatte einen schweren Tag hinter mir und war rechtschaffen müde. Wir gingen bald zu Bett; Scilla versprach, ihre Schlaftabletten zu nehmen.

Aber um zwei Uhr früh öffnete sie die Tür zu meinem Zimmer. Ich war sofort wach. Sie kam herüber, knipste meine Nachttischlampe an und setzte sich zu mir aufs Bett.

Sie sah so jung und schutzlos aus. Sie trug ein blaßblaues, knielanges Chiffonnachthemd, das der Phantasie nur noch wenig Spielraum ließ.

Ich stützte mich auf den Ellbogen und fuhr mit den Fingern durchs Haar.

«Hast du die Tabletten genommen?«Aber diese Frage konnte ich mir selbst beantworten. Sie war halb betäubt, und bei ruhiger Überlegung wäre sie wohl kaum halb bekleidet in mein Zimmer gekommen.

«Ja, ich habe sie genommen. Ich bin ein bißchen betäubt, aber immer noch wach. «Ihre Stimme klang lallend.»Magst du dich ein bißchen mit mir unterhalten? Vielleicht kann ich dann eher schlafen. Wenn ich allein bin, liege ich nur da und denke über Bill nach. Erzähl mir lieber noch etwas von Plumpton. Du hast gesagt, du hättest noch ein Pferd geritten. Erzähl mir davon, bitte.«

Ich setzte mich also auf, legte ihr meine Decke um die Schulter und erzählte ihr von Kates Geburtstagsgeschenk und von Onkel George. Nach einer Weile bemerkte ich, daß sie mir gar nicht zuhörte. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

«Du hältst mich wohl für dumm, weil ich dauernd heule«, meinte sie,»aber ich kann einfach nicht anders. «Sie sank erschöpft um, packte meine Hand und schloß die Augen. Ich küßte sie auf die Stirn. Ihr Körper wurde von Schluchzen geschüttelt. Ich legte mich zurück und schob den Arm unter ihren Kopf. Sie klammerte sich an mich und begann hilflos zu schluchzen.

Und dann wirkten langsam die Schlaftabletten. Sie atmete gleichmäßig. Es war ziemlich kalt im Zimmer, und sie lag halb auf meiner Decke. Ich zog sie unter ihr hervor und deckte uns beide zu. Dann knipste ich das Licht aus und hielt Scilla im Arm, bis sie eingeschlafen war. Ich lächelte, als ich daran dachte, was Inspektor Lodge für ein Gesicht machen würde, wenn er uns jetzt sehen könnte.

Gegen Morgen stand ich auf, hob sie hoch und trug sie in ihr Bett zurück. Wenn sie bei mir aufgewacht wäre, hätte sie sich nur geschämt.

Ein paar Stunden später, nach einem hastigen Frühstück, fuhr ich sie nach Maidenhead zur gerichtlichen Untersuchung. Sie schlief fast den ganzen Weg und sprach nicht von der vorangegangenen Nacht. Wahrscheinlich erinnerte sie sich gar nicht daran.

Lodge mußte auf uns gewartet haben, denn er empfing uns schon am Eingang. Ich stellte ihm Scilla vor, und seine Brauen stiegen ein wenig in die Höhe, als er sah, wie hübsch sie war.

«Ich möchte mich für die wenig freundlichen Vermutungen entschuldigen«, begann er überraschend,»die über Sie und Mr. York angestellt worden sind. «Er wandte sich an mich.»Wir sind jetzt davon überzeugt, daß Sie an Major Davidsons Tod unbeteiligt waren.«

«Sehr freundlich«, meinte ich leichthin, aber ich war doch froh, das zu hören.

«Sie können zum Untersuchungsrichter über den Draht natürlich sagen, was Sie wollen«, fuhr er fort,»aber ich möchte Sie gleich darauf hinweisen, daß er nicht sehr begeistert sein wird. Alles Ausgefallene liegt ihm nicht, und es fehlt Ihnen an Beweisen. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, wenn Sie mit seinem Urteil nicht übereinstimmen — es wird garantiert >Tod durch Unfall< herauskommen —, weil gerichtliche Untersuchungen immer wieder aufgenommen werden können, falls es sich als notwendig erweisen sollte.«

Ich ließ mich daher nicht aus der Ruhe bringen, als der Untersuchungsrichter, ein etwa fünfzigjähriger Mann mit gewaltigem Schnurrbart, meinem Bericht über Bills Sturz aufmerksam lauschte, die Geschichte mit dem Draht jedoch sehr skeptisch aufnahm. Lodge sagte aus, daß er mich zur Rennbahn begleitet habe, um nach dem erwähnten Draht zu suchen, aber es sei nichts gefunden worden.

Auch der Jockey, der sich bei Bills Sturz unmittelbar hinter mir befand, wurde aufgerufen. Er war ein Amateur aus

Yorkshire und hatte einen weiten Weg zurücklegen müssen. Mit einem entschuldigenden Seitenblick auf mich erklärte er, am Hindernis nichts Verdächtiges bemerkt zu haben. Seiner Ansicht nach sei an dem Sturz — abgesehen von dem tragischen Schicksal Bills — nichts Außergewöhnliches gewesen. Gewiß, man könne ihn unerwartet nennen, aber nicht geheimnisvoll. Er strahlte gesunden Menschenverstand aus.

Habe Mr. York am Tag des Rennens irgendeiner Person von dem Draht erzählt? erkundigte sich der Untersuchungsrichter zweifelnd. Mr. York hatte nicht.

Der Untersuchungsrichter stellte zusammenfassend fest, daß Major Davidson an Verletzungen gestorben sei, die er beim Sturz seines Pferdes bei einem Hindernisrennen erlitten habe. Er selbst, meinte der Richter, sei nicht davon überzeugt, daß es sich bei dem Sturz um mehr als einen Unfall gehandelt habe.

In den Zeitungen wurden nur kurze Notizen über die Untersuchung gebracht. Der Draht fand überhaupt keine Erwähnung. Ich machte mir weiter keine Gedanken darüber, aber Scilla war erleichtert. Wie sie sagte, könne sie Fragen von neugierigen Bekannten nicht ertragen, geschweige denn von Reportern.

Bills Begräbnis fand am Freitag früh in aller Stille statt. Nur seine Familie und enge Freunde nahmen teil. Als ich half, den Sarg hinauszutragen, und später, als ich Abschied von Bill nahm, wußte ich, daß ich nicht nachgeben würde, bis sein Tod gerächt wäre. Ich wußte nicht, wie ich das anstellen würde, und ich spürte auch keine besondere Eile. Aber früher oder später werde ich es schaffen, versprach ich ihm.

Scillas Schwester war zur Beerdigung gekommen und wollte zwei, drei Tage bei ihr bleiben. Ich verzichtete wegen eines Starts am folgenden Tag aufs Mittagessen und fuhr nach London, um im Büro liegengebliebene Arbeit zu erledigen.

Da ich mich auf die guten Leute verlassen konnte, brauchte ich dort nicht öfter als dreimal wöchentlich zu erscheinen. Am Sonntag schrieb ich dann immer meinem Vater. Ich hatte das Gefühl, daß er sich die Berichte über meine Rennerlebnisse schenkte, um die geschäftlichen Nachrichten aufmerksamer studieren zu können.

Diese sonntäglichen Berichte gehören seit zehn Jahren zu meinem Leben. Die Schularbeiten sind nicht so wichtig, pflegte mein Vater zu sagen, es käme nur darauf an, daß ich das große Unternehmen, dem ich eines Tages vorzustehen hatte, in allen Einzelheiten kennenlernte.

Am Freitagabend wartete ich ungeduldig auf Kate. Ohne den dicken Mantel und die festen Stiefel, die für Plumpton nötig gewesen waren, wirkte sie noch bezaubernder. Sie trug ein rotes Kleid, und ihr dunkles Haar fiel glatt auf die Schultern. Der Abend war ein schönes Erlebnis; er verlief, für mich jedenfalls, völlig befriedigend. Wir gingen zum Essen, wir tanzten, wir unterhielten uns.

Während wir zu einer verträumten Melodie über das Tanzparkett schwebten, brachte Kate das einzige ernste Thema des Abends ins Gespräch.

«Ich habe in der Morgenzeitung etwas über die gerichtliche Untersuchung anläßlich des Todes Ihres Freundes gesehen«, sagte sie.

Ich atmete den Duft ihres Haares ein.»Tod durch Unfall«, murmelte ich.»Ich glaube es nicht.«

«Wie?«Kate sah auf.

«Ich werde es Ihnen einmal erzählen, wenn ich über alles Bescheid weiß«, sagte ich.

«Erzählen Sie es mir lieber gleich«, meinte Kate interessiert.»Wenn es kein Unfall war, was dann?«