«Das muß Ihnen doch klar sein, Sir«, meinte der Fahrer.
«Ich habe keine Ahnung.«
«Man hat mich beauftragt, Ihnen etwas auszurichten, Mr. York. «Er wußte also, wer ich war. Er hatte es nicht anhand meiner Brieftasche festgestellt, die nur Geld, Briefmarken und ein Scheckbuch enthielt.»Wie kommen Sie auf die Idee, daß ich York heiße?«versuchte ich zu bluffen. Es nützte nichts.
«Mr. Alan York, Sir, sollte am Samstag, dem 27. Februar, mit einem dunkelblauen Lotus Elite, polizeiliches Kennzeichen KAB 890 ungefähr um fünf Uhr fünfzehn diese Straße befahren. Ich muß mich bei Ihnen bedanken, Sir, daß Sie es mir so leicht gemacht haben. Einen Wagen wie den Ihren sieht man hier selten. Es wäre viel schwieriger gewesen, Sie anzuhalten, wenn Sie einen Ford oder Austin gehabt hätten.«
«Erledigen Sie schon Ihren Auftrag. Ich höre zu«, sagte ich.
«Taten sprechen lauter als Worte«, erklärte der Fahrer mild. Er kam näher und knöpfte meine Jacke auf. Ich bewegte mich nicht. Er nahm mir die Krawatte ab, knöpfte das Hemd auf. Wir sahen einander in die Augen. Ich hoffte nur, daß die meinen so ausdruckslos waren wie seine. Ich ließ meine Arme erschlaffen und fühlte, wie der Zugriff der beiden Männer etwas nachließ.
Der Fahrer trat zurück und sah auf den vierten Mann, der bisher schweigend an einer Trennwand gelehnt hatte.»Er gehört dir, Sonny, erklär ihm, worum es geht.«
Sonny war jung. Er hatte lange Koteletten. Aber ich achtete nicht besonders auf sein Gesicht. Ich starrte auf seine Hände.
Er hatte ein Messer. Der Griff lag in seiner Handfläche, und seine Finger hatten sich sanft darum geschlossen. Nur ein Professional hält ein Messer in dieser Art.
Sonny ließ nichts von der gespielten Unterwürfigkeit des Fahrers spüren. Er hatte Spaß an seiner Arbeit. Er stand breitbeinig vor mir und setzte die Spitze des Messers auf mein Brustbein. Ich spürte sie kaum, so vorsichtig ging er zu Werk.
Verdammt noch mal, dachte ich. Mein Vater würde nicht begeistert sein, wenn ich in den Erpresserbriefen noch um Hilfe bitten mußte. Darüber würde ich nie hinwegkommen. Für mich stand fest, daß man nur vorhatte, mir Angst einzujagen. Ich sank ein wenig in mich zusammen, als wiche ich vor dem Messer zurück. Sonny grinste verächtlich.
Ich stieß mich von dem Pfosten ab, schnellte nach vorn, mein Knie zuckte hoch, traf Sonny in der Leistengegend. Ich hatte mich losgerissen.
Ich sprang zur Tür und stieß sie auf. Im engen Transportwagen hatte ich keine Chance, aber wenn ich das Freie zu erreichen vermochte, würde ich vielleicht mit ihnen fertig werden. Von meinem Vetter, der in Kenia lebte, hatte ich ein paar üble Tricks gelernt.
Aber ich schaffte es nicht.
Ich versuchte, mich mit der Tür hinauszuschwingen, aber sie war anscheinend verrostet. Der Fahrer packte mich an den Knöcheln. Ich schüttelte ihn ab, aber die entscheidende Sekunde war vertan. Die beiden Männer, die mich festgehalten hatten, erwischten mich am Anzug. Durch die offene Tür bemerkte ich den Mann, der das Pferd auf und ab geführt hatte. Er sah neugierig herüber. Ich hatte ihn völlig vergessen.
Wütend schlug ich mit Füßen, Fäusten und Ellbogen um mich, aber sie waren mir überlegen. Ich landete wie vorher an dem gepolsterten Pfosten. Man drehte mir die Arme nach hinten. Diesmal machten sich die beiden Männer mehr Mühe. Sie knallten mich gegen den Pfosten und setzten ihre ganze Kraft ein. Ich spürte den Schmerz in beiden Schultern, er zuckte durch meinen ganzen Körper. Ich biß die Zähne zusammen.
Sonny kauerte in der Ecke, die Arme auf den Leib gepreßt. Er sah befriedigt zu.
«Das hat dem Dreckskerl weh getan, Peaky«, meinte er.»Macht es noch mal.«
Peaky und sein Freund gehorchten.
Sonny lachte.
Noch ein bißchen mehr Druck, und ich mußte mit ein paar gerissenen Sehnen und einer ausgerenkten Schulter rechnen. Aber ich konnte nichts dagegen unternehmen.
Der Fahrer schloß die Tür und hob das Messer vom Boden auf. Er sah nicht mehr ganz so friedlich aus wie zuvor. Er blutete aus der Nase. Aber es war erstaunlich, wie sehr er sich in der Hand hatte.
«Hör auf. Hör auf, Peaky«, befahl er.»Der Chef hat gesagt, daß wir ihm nicht weh tun dürfen. Darauf legt er besonderen Wert. Der Chef soll doch nicht von dir hören, daß du nicht zuverlässig warst, oder?«Seine Stimme klang drohend.
Der Druck auf meine Arme ließ etwas nach. Sonny machte ein mürrisches Gesicht.
«Wissen Sie, Mr. York«, sagte der Fahrer mißbilligend und wischte sich die Nase mit einem blauen Taschentuch,»das war ganz unnötig. Wir wollen Ihnen nur etwas ausrichten.«
«Ich hör nicht gerne zu, wenn man mich mit einem Messer bedroht«, erwiderte ich.
Der Fahrer seufzte.»Ja, Sir, das war vielleicht ein Fehler. Aber Sie sollten nur sehen, daß die Warnung ernstgemeint ist, verstehen Sie? Wenn Sie sich nicht drum bekümmern, sieht es sehr schlecht für Sie aus. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich.«
«Was für eine Warnung?«fragte ich.
«Sie sollen aufhören, Fragen über Major Davidson zu stellen«, meinte er.
«Was?«Ich starrte ihn entgeistert an.»Ich habe keine Fragen über Major Davidson gestellt«, erklärte ich.
«Da bin ich nicht zuständig«, sagte der Fahrer,»aber das habe ich Ihnen auszurichten, und ich würde Ihnen raten, sich das zu Herzen zu nehmen, Sir. Der Chef hat es nicht gern, wenn sich andere Leute in seine Angelegenheiten mischen.«
«Wer ist denn der Chef?«
«Sie wissen doch ganz genau, daß man so etwas nicht fragen darf, Sir. Sonny, sag Bert, daß wir fertig sind. Er soll das Pferd hereinbringen.«
Sonny raffte sich stöhnend auf und ging zur Tür, die Hand immer noch auf die Leistengegend gepreßt. Er brüllte etwas zum Fenster hinaus.
«Bleiben Sie ruhig stehen, Mr. York, dann geschieht Ihnen nichts«, sagte der Fahrer unverändert höflich. Ich folgte seinem Rat und rührte mich nicht. Er öffnete die Tür und kletterte hinaus. Ein paar Minuten vergingen, während Sonny und ich giftige Blicke austauschten. Niemand sagte etwas.
Dann wurde eine Rampe hinabgelassen. Der fünfte Mann, Bert, führte das Pferd ins Innere und machte es an der Wand fest. Der Fahrer stemmte die Rampe wieder hoch und hakte sie ein.
Ich drehte den Kopf so weit nach hinten wie ich konnte und sah mir Peaky an. Er entsprach meinen Erwartungen, aber ich kam der Lösung des Rätsels dadurch um nichts näher.
Der Fahrer stieg ins Führerhaus, schloß die Tür und ließ den Motor an.
Bert sagte:»Bringt ihn zur Tür. «Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Bert öffnete die Tür. Peaky und sein Freund ließen mich los, und Bert gab mir einen Stoß. Ich stürzte hinaus, während der Transportwagen seine Geschwindigkeit beschleunigte und davonfuhr. Es war ganz gut, daß ich einige Erfahrung im Sturz von Pferden hatte. Instinktiv landete ich auf der Schulter und rollte am Boden dahin.
Ich setzte mich auf und sah dem davonbrausenden Transportfahrzeug nach. Das Nummernschild war mit einer Staubschicht überzogen und kaum leserlich, aber die ersten drei Buchstaben des Kennzeichens vermochte ich zu entziffern. Sie lauteten: >apx<.
Der Lotus stand noch in der Ausweichstelle. Ich raffte mich auf, säuberte mich, so gut es ging, und stieg ein. Ich hatte vor, dem Transportwagen zu folgen, um festzustellen, wohin er unterwegs war. Aber der Fahrer hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Motor sprang nicht an. Ich öffnete die Kühlerhaube. Man hatte die Zündkerzen herausgeschraubt. Sie lagen säuberlich nebeneinander auf der Batterie. Ich brauchte zehn Minuten zum Einsetzen, weil meine Hände zitterten.