«Haben Sie sich überhaupt nicht verletzt?«
«Es war nicht schlimm.«
«Lassen Sie einmal sehen«, sagte Lodge. Er stand auf und trat zu mir.
Ich knöpfte mein Hemd wieder auf. Zwischen dem zweiten und dritten Knopf klaffte in der Haut über dem Brustbein eine nicht tiefgehende Schnittwunde. Es hatte nicht einmal sehr stark geblutet.
«Also«, sagte er, nahm seinen Füllfederhalter und nagte am Griffende.»Welche Fragen haben Sie über Major Davidson gestellt und an wen?«
«Das ist eigentlich das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte«, meinte ich.»Ich habe zu anderen Leuten kaum davon gesprochen. Und brauchbare Antworten bekam ich erst recht nicht.«
«Aber Sie müssen irgendwo einen wunden Punkt berührt haben«, sagte Lodge. Er nahm ein Blatt Papier aus einer Schublade.»Zählen Sie mir die Namen aller Personen auf, mit denen Sie über den Draht gesprochen haben.«
«Mit Ihnen«, gab ich sofort zurück.»Und mit Mrs. Davidson. Dazu kommen selbstverständlich alle Leute, die bei der gerichtlichen Untersuchung anwesend waren.«
«Aber mir ist aufgefallen, daß diese Untersuchung kaum Widerhall in den Zeitungen fand. Der Draht wurde jedenfalls in den Meldungen nicht erwähnt«, erklärte er.»Und bei der Untersuchung machten Sie nicht den Eindruck, als wären Sie unbedingt darauf aus, das Rätsel zu lösen. Sie nahmen das Urteil ganz ruhig auf, und es sah keineswegs so aus, als wären Sie damit nicht einverstanden.«
«Ich kann mir denken, was mich da erwartet«, meinte ich.
Lodges Liste sah sehr kurz und unbefriedigend aus.
«Sonst noch jemand?«fragte er.
«Oh., eine Bekannte. Eine Miss Ellery-Penn. Ich habe es ihr gestern abend erzählt.«
«Freundin?«fragte er rundheraus. Er schrieb den Namen auf.
«Ja.«
«Sonst noch jemand?«
«Nein.«
«Warum nicht?«fragte er.
«Ich dachte mir, daß ich Sie und Sir Creswell nicht behindern dürfte. Wenn ich zu viele Fragen gestellt hätte, wären Ihre Ermittlungen vielleicht noch schwieriger geworden. Die Leute sind dann auf der Hut, sie haben ihre Antworten parat — Sie wissen schon. Aber nachdem man hier ja weiter nichts unternehmen will, hätte ich mich darum gar nicht zu kümmern brauchen. «Meine Stimme klang ein wenig bitter.
Lodge sah mich an.»Sie ärgern sich, weil man Sie für jugendlich und hitzköpfig hält«, meinte er.
«Mit vierundzwanzig Jahren ist man schließlich nicht mehr so jung«, brauste ich auf.»Ich glaube mich erinnern zu können, daß England einmal einen Premierminister in diesem Alter gehabt hat. Er war recht erfolgreich.«
«Das gehört nicht zur Sache, und Sie wissen das auch ganz genau«, knurrte er.
Ich grinste.
«Was wollen Sie jetzt tun?«fragte Lodge.
«Nach Hause fahren«, erwiderte ich und warf einen Blick auf die Uhr.
«Nein, ich meinte, wegen Major Davidson.«
«So viele Fragen stellen, wie mir nur einfallen«, erklärte ich sofort.
«Trotz der Warnung?«
«Ihretwegen«, meinte ich.»Die bloße Tatsache, daß man fünf Männer schickt, um mich zu bedrohen, bedeutet doch, daß allerhand faul ist. Bill Davidson war ein guter Freund von mir, wissen Sie. «Ich überlegte einen Augenblick.»Zuerst will ich einmal feststellen, wem die Taxis gehören, die Peaky und Genossen fahren.«
«Ganz inoffiziell möchte ich sagen, viel Glück«, meinte Lodge.»Aber seien Sie vorsichtig.«
«Aber gewiß«, versprach ich und stand auf.
Lodge begleitete mich zur Tür und gab mir die Hand.»Halten Sie mich auf dem laufenden«, sagte er.
«Ja, gerne.«
Er winkte mir zu und ging wieder ins Haus. Ich setzte mich in den Wagen und trat endgültig den Heimweg an. Ich hatte starke Schmerzen in den Schultern, aber solange ich über Bills Sturz nachdachte, vergaß ich sie.
Zwei Tage lang unternahm ich nichts. Es konnte nichts schaden, wenn man den Eindruck gewann, als hätte ich mir die Warnung zu Herzen genommen.
Ich spielte mit den Kindern Poker und verlor, weil ich nicht bei der Sache war.
«Du paßt ja gar nicht auf, Alan«, sagte Henry mit gespieltem Bedauern, als er mir zehn Spielmarken abnahm.
«Wahrscheinlich ist er verliebt«, sagte Polly mit abschätzendem Blick. Richtig, das kam ja auch noch dazu.
«Pff«, machte Henry und teilte die Karten aus.
«Was ist denn verliebt?«fragte William, der zu Henrys Ärger mit seinen Spielmarken Flohhüpfen spielte.
«Scheußlich«, meinte Henry.»Küsserei und so Zeug.«
«Mammi ist in mich verliebt«, verkündete William.
«Sei nicht albern«, dozierte Polly hochmütig, mit der Erfahrung ihrer ganzen elf Jahre.»Verliebt heißt Hochzeiten, Bräute, Konfetti und so.«
«Sieh bloß zu, daß sich das schnell wieder gibt«, erklärte Henry verächtlich,»sonst hast du keine Chips mehr übrig, Alan.«
William nahm seine Karten auf. Er machte riesengroße Augen und öffnete den Mund, das bedeutete, daß er mindestens zwei Asse hatte. Mit anderen Karten erhöhte er nie. Ich sah, daß ihm Henry einen kurzen Blick zuwarf und sich dann wieder auf seine Karten konzentrierte. Er legte drei Stück ab, ließ sich drei neue geben und gab auf, als er an die Reihe kam. Ich drehte sie um. Zwei Könige und zwei Zehner. Henry war Realist. Er wußte, wann er aufhören mußte. Und William, der aufgeregt umherhopste, gewann mit drei Assen und zwei Fünfen nur vier Spielmarken.
Nicht zum erstenmal wunderte ich mich über die seltsame Verteilung des Erbgutes. Bill war ein freundlicher, ehrlicher Mann mit vielen guten Charakterzügen gewesen. Aber weder ihm noch Scilla konnte man überdurchschnittliche Intelligenz zusprechen. Trotzdem hatten sie ihrem älteren Sohn einen scharfen, außergewöhnlich durchdringenden Verstand mitgegeben.
Und wie hätte ich ahnen sollen, als ich für Polly die Karten mischte und William half, seinen Turm aus Spielmarken wieder zu errichten, daß Henry in seinem Gehirn den Schlüssel zum Rätsel um den Tod seines Vaters verwahrte!
Er wußte es ja selbst nicht.
Kapitel 7
Das Pferdesport-Festival von Cheltenham begann am Dienstag, dem zweiten März.
Drei Tage erstklassigen Rennsports; die besten Hindernispferde der Welt drängten sich in den Rennbahnstallungen. Mit dem Flugzeug und per Schiff kamen sie aus Irland: Außenseiter aus den Mooren, von deren sicherem Gang man sich Wunderdinge erzählte, und berühmte Tiere, die auf der grünen Insel Preise und Pokale in rauhen Mengen gewonnen hatten. Pferdetransportwagen aus Schottland, aus Kent, aus Devon kamen in Gloucestershire an. Sie brachten Grand-National-Sieger, Champion-Sprungpferde, die Aristokraten unter den Hindernisspezialisten.
Jeder Amateurjockey, der ein Pferd erbetteln, ausleihen oder kaufen konnte, fand sich ein, da in diesen drei Tagen allein vier große Rennen nur für sie reserviert waren. Es war eine Ehre, in Cheltenham zu reiten, ein unvergeßliches Erlebnis, in Cheltenham zu siegen.
Aber ein Amateurjockey, Alan York, war gar nicht begeistert, als er auf dem Parkplatz vor der Rennbahn ankam. Ich konnte es mir selbst nicht erklären, aber zum zweitenmal rührte mich das Gemurmel der Zuschauer, die erwartungsvollen Gesichter, der Sonnenschein an diesem kühlen Märzmorgen, ja selbst die Aussicht, drei gute Pferde reiten zu können, nicht an.
Vor dem Haupteingang entdeckte ich den Zeitungsverkäufer, mit dem ich in Plumpton gesprochen hatte. Er war ein kleiner, stämmiger Cockney mit gewaltigem Schnurrbart und freundlichem Wesen. Er sah mich kommen und hielt mir eine Zeitung entgegen.
«Guten Morgen, Mr. York«, sagte er.»Kann man heute auf Ihr Pferd setzen?«
«Ein paar Schillinge schon«, erwiderte ich,»aber man muß auf den Iren aufpassen.«
«Sie schaffen es schon.«