Dane zog gerade seine Nylonstrümpfe an. In beiden Füßen befanden sich große Löcher, aus denen seine Zehen hervorragten.
«Du hast gut lachen«, knurrte Dane.»Für meine Größe werden eben keine Nylons hergestellt.«
«Laß dir doch von Walter dehnbare besorgen«, riet ich ihm.»Hast du heute viel zu tun?«
«Drei Rennen, einschließlich des Championats«, sagte Dane.
«Pete läßt den halben Stall starten. «Er grinste mich an.»Vielleicht habe ich gerade noch genug Zeit, dir von den Penns zu erzählen, wenn du darauf hinauswillst. Soll ich mit Onkel George anfangen oder mit Tante Deb — oder mit. «Er zog seine Seidenbreeches und die Reitstiefel an. Walter, sein Bursche, gab ihm die Jacke.». oder möchtest du etwas über Kate hören?«meinte Dane.
Der Umkleideraum wurde voll. Dane und ich gingen hinaus in den Wiegeraum, wo man wenigstens noch sein eigenes Wort verstand.
«Onkel George ist eine Wucht. Ich erzähle dir aber nichts von ihm, das wäre wirklich zu schade. Tante Deb ist für dich und mich die ehrenwerte Mrs. Penn, und Tante Deb nur für Kate. Sie hat so eine Art eisigen Charme, mit dem sie dir deutlich verrät, daß sie ausgesprochen unhöflich wäre, wenn nicht ihre Vornehmheit dagegen spräche. Sie war nicht mit mir einverstanden. Ich glaube, sie mißbilligt alles, was mit Rennsport zusammenhängt, einschließlich >Heavens Above< und Onkel Georges Vorstellungen von einem Geburtstagsgeschenk.«
«Los, weiter«, drängte ich.
«Ach ja, Kate. Die einmalige, wunderbare Kate. Eigentlich heißt sie ja nur Kate Ellery. Nichts von Penn. Onkel George fügte Bindestrich und Penn hinzu, als er sie aufnahm. Er sagte, es wäre einfacher für sie, wenn sie denselben Namen trüge wie er — man könne sich viele Fragen ersparen. Das stimmt wohl auch«, sagte Dane nachdenklich, denn er wußte sehr wohl, daß er mich auf die Folter spannte. Er grinste plötzlich.»Sie schickt dir liebe Grüße.«
Die Welt schien etwas heller zu werden.
«Danke«, sagte ich und versuchte, ein albernes Lächeln zu unterdrücken, was mir nicht ganz gelang. Dane sah mich fragend an, aber ich wechselte das Thema. Wir sprachen über den Rennsport, und nach einer Weile fragte ich ihn, ob Bill
Davidsons Name im Zusammenhang mit irgendwelchen seltsamen Vorkommnissen genannt worden sei.
«Nein, ich habe nie etwas gehört«, erklärte er entschieden.
Ich erzählte ihm von dem Draht. Seine Reaktion war typisch für ihn.»Armer Bill«, sagte er zornig.»Armer alter Bill. Das ist doch nicht zufassen!«
«Wenn du also etwas hörst, was auch nur ganz entfernt von Bedeutung sein könnte.«
«Ich gebe es an dich weiter«, versprach er.
In diesem Augenblick prallte Joe Nantwich mit Dane zusammen, als hätte er ihn nicht gesehen. Er trat einen Schritt zurück, ohne sich zu entschuldigen, und marschierte dann in den Umkleideraum. Seine Augen hatten einen glasigen Blick.
«Er ist betrunken«, sagte Dane ungläubig.»Er stinkt wie eine ganze Schnapsfabrik.«
«Er hat so seine Sorgen«, meinte ich.
«Er wird bald noch ein paar mehr haben. Warte nur, bis einer von der Rennkommission in seine Nähe kommt.«
Joe tauchte neben uns auf. Es stimmte: er trug eine gewaltige Fahne vor sich her. Ohne Vorrede wandte er sich direkt an mich.
«Ich habe wieder eine Warnung bekommen. «Er nahm einen Zettel aus der Tasche. Der Text lautete: >bolingbroke. diese WOCHE<.
«Wann hast du den Brief bekommen?«fragte ich.
«Er lag schon hier, als ich ankam, in meinem Fach.«
«Du hast in der Zwischenzeit ganz schön getankt«, sagte ich.
«Ich bin nicht betrunken«, erwiderte Joe indigniert.»Ich habe mir nur schnell in der Bar ein paar Doppelte genehmigt.«
Dane und ich hoben die Brauen. Die Bar gegenüber dem Wiegeraum war vorne offen, und jeder, der dort zu trinken pflegte, konnte von allen Trainern, Rennstallbesitzern und
Kommissionsmitgliedern gesehen werden. Es gab vielleicht für einen Jockey noch einen einfacheren Weg, beruflich Selbstmord zu begehen, als dort vor dem ersten Rennen ein paar Schnäpse zu sich zu nehmen, aber er fiel mir im Augenblick nicht ein. Joe wurde vom Schluckauf geschüttelt.
Dane nahm mir den Zettel aus der Hand und sah ihn sich an.»Was heißt denn das, >Bolingbroke<. Diese Woche? Warum regst du dich denn so auf?«
Joe entriß ihm das Blatt und stopfte es in die Tasche. Zum erstenmal schien ihm aufgegangen zu sein, daß Dane zugehört hatte.
«Das geht dich einen Dreck an«, fauchte er. Er wandte sich wieder an mich und sagte:»Was soll ich bloß tun?«
«Reitest du heute?«fragte ich.
«Ich trete im vierten und im letzten Rennen an. Diese verdammten Amateure haben heute zwei Rennen ganz für sich. Eigentlich eine Frechheit, nicht wahr, daß uns nur vier Rennen bleiben, damit wir unseren Unterhalt verdienen können? Warum begnügen sich diese Angeber nicht mit ihren Querfeldeinrennen?«
Dane lachte. Joe war nicht so betrunken, daß er nicht gemerkt hätte, vor wem er sich hier ausließ. Mit weinerlicher Stimme fügte er hinzu:»Ich habe dich doch nicht persönlich gemeint, Alan.«
«Wenn du trotz deiner Meinung über Amateurjockeys von mir einen Rat annehmen willst«, erwiderte ich,»dann trinkst du jetzt drei Tassen Kaffee und läßt dich solange wie möglich nicht blicken.«
«Ich meine doch, was ich wegen dieses Zettels unternehmen soll?«
«Ich würde mich überhaupt nicht darum kümmern«, meinte ich.»Ich glaube, daß das Ganze nicht ernstgemeint ist.
Vielleicht weiß der Absender, daß du deine Sorgen gern in Whisky ertränkst. Er verläßt sich wohl darauf, daß du dich selber erledigst, ohne daß er mehr zu tun hätte, als Drohbriefe zu schicken.«
«Das kann man mit mir aber nicht machen«, knurrte Joe wütend. Er wankte zur Tür hinaus, anscheinend auf der Suche nach schwarzem Kaffee. Bevor Dane mich fragen konnte, was hier gespielt wurde, schlug ihm Sandy Mason, der Joe angewidert nachsah, kräftig auf die Schulter.
«Was ist denn mit dem blöden Kerl los?«fragte er, wartete die Antwort aber gar nicht ab. Er sagte:»Hör zu, Dane, klär mich doch mal über Gregorys Pferd auf, das ich im ersten Rennen reite. Soviel ich weiß, habe ich es zuvor noch nicht gesehen. Vielleicht gefällt dem Besitzer mein rotes Haar.«
«Mach ich«, sagte Dane. Sie besprachen die Meriten des Pferdes, und ich wollte mich entfernen. Aber Dane berührte mich am Arm.
«Bist du einverstanden, wenn ich anderen Leuten, zum Beispiel Sandy hier, von dem Draht erzähle?«
«Ja, tu das. Vielleicht erfährst du bei irgendeinem etwas, das mir weiterhilft. Aber sei vorsichtig. «Ich überlegte, ob ich ihm von meinem Erlebnis mit dem Transportwagen erzählen sollte, aber das war eine lange Geschichte, deshalb fügte ich nur hinzu:»Vergiß nicht, daß du dabei jemandem auf die Zehen treten kannst, der keine Skrupel hat, Mißliebige auszuschalten.«
Er sah mich überrascht an.»Ja, du hast recht. Ich paß schon auf.«
Wir wandten uns wieder Sandy zu.
«Warum seid ihr denn beide so ernst? Hat jemand das hübsche Mädchen geklaut, auf das ihr so scharf seid?«fragte er.
«Es handelt sich um Bill Davidson«, sagte Dane.
«Was ist denn mit ihm?«
«Der Sturz, bei dem er ums Leben kam, ist durch einen über das Hindernis gespannten Draht verursacht worden. Alan hat es gesehen.«
Sandy machte ein bestürztes Gesicht.»Alan hat es gesehen«, wiederholte er, und als ihm die Bedeutung dieser Worte aufging, flüsterte er:»Aber das ist ja Mord.«
Ich erklärte ihm, aus welchen Gründen ein Mord nicht beabsichtigt gewesen sein konnte.»Da hast du wahrscheinlich recht«, sagte er.»Was willst du unternehmen?«
«Er versucht, herauszubekommen, was hinter der ganzen Sache steckt«, erklärte ihm Dane.»Wir dachten, du könntest ihm vielleicht helfen. Hast du irgend etwas gehört, was eine Erklärung dafür sein könnte? Die Leute sprechen ja über allerhand.«