«Ja, aber meistens über ihre Freundinnen, über Wetteinsätze und so weiter. Allerdings nicht Major Davidson. Wir waren nicht gerade enge Freunde, weil er glaubte, ich hätte ein Pferd stehenlassen, das einem seiner Bekannten gehörte. Na ja«, meinte Sandy mit ansteckendem Grinsen,»vielleicht habe ich das auch wirklich getan. Jedenfalls kam es zwischen ihm und mir vor ein paar Monaten zu einer kleinen Auseinandersetzung.«
«Du kannst aber wenigstens nachforschen, ob deine Buchmacherfreunde irgendwelche Gerüchte aufgeschnappt haben«, schlug Dane vor.»Denen entgeht so leicht nichts.«
«Okay«, sagte Sandy.»Ich geb’s weiter, dann werden wir schon sehen, was dabei herauskommt. Komm jetzt, wir haben nicht mehr viel Zeit bis zum ersten Rennen, und ich möchte wissen, was dieser Gaul für Tücken hat. «Als Dane zögerte, meinte er:»Na los, du brauchst nichts zu verheimlichen. Gregory bittet mich nur, für ihn zu reiten, wenn er ein Biest hat, auf das sich kein vernünftiger Mensch setzt.«
«Es ist eine Stute, die immer in den unteren Teil der Hindernisse hineinrennt, als wären sie nicht vorhanden. Meistens landet sie im Graben.«
«Danke«, sagte Sandy, dem das nichts auszumachen schien.»Ich zieh ihr mit der Peitsche ein paar über, dann wird sie schon Vernunft annehmen. Bis später. «Er verschwand im Umkleideraum.
Dane sah ihm nach.»Es gibt wirklich kein Pferd, vor dem dieser Bursche Angst hat«, sagte er voll Bewunderung.
«Nerven hat er keine«, gab ich zu.»Warum läßt denn Pete ausgerechnet hier ein solches Tier laufen?«
«Der Besitzer versteift sich eben darauf, in Cheltenham vertreten zu sein. Du weißt ja, wie es ist. Es gehört einfach dazu.«
Wir gingen ins Freie. Dane wurde sofort von ein paar Sportjournalisten in Beschlag genommen, die ihn über die Aussichten seines Pferdes im Gold Cup befragten, um den es zwei Tage später gehen sollte. Kurze Zeit später begann die Rennveranstaltung.
Sandy brachte die Stute über den ersten Graben, landete aber im zweiten. Fluchend und mit breitem Grinsen kam er zurück.
Dane, wie ein Besessener reitend, gewann das Hindernischampionat um eine Nasenlänge. Pete, der sein Pferd streichelte und gemeinsam mit dem Besitzer die Glückwünsche der sich um den Sattelplatz drängenden Menschen entgegennahm, freute sich so, daß er kaum ein Wort hervorbrachte.
Er war so hingerissen, daß er bei meinem Start sogar vergaß, einen seiner üblichen Witze zu machen. Und als ich, der ich, seinem Ratschlag bedingungslos folgend, den Iren während des ganzen Rennens beschattete, bis zum letzten Hindernis eine knappe Länge hinter ihm lag und fünfzig Meter vor dem Ziel im Spurt an ihm vorbeiging, war Pete der Glücklichste aller Menschen.
Ich hätte ihn umarmen können, so begeistert war ich. Obgleich ich in Rhodesien mehrere und seit meiner Ankunft in
England etwa dreißig Rennen gewonnen hatte, war das mein erster Sieg in Cheltenham. Ich fühlte mich so hochgestimmt, als hätte ich bereits den Champagner getrunken, der wie üblich am Championatstag kistenweise im Umkleideraum stand. Ich schwebte zur Waage, um mich überprüfen zu lassen, zog mich um und war immer noch nicht auf festem Boden gelandet, als ich wieder das Freie erreichte. Ich war so glücklich, daß ich wie ein Kind hätte Purzelbäume schlagen mögen.
Der Gedanke an Bill war weit zurückgedrängt worden, und ich ging nur zum Parkplatz für die Pferdetransportwagen, weil ich es mir von Anfang an vorgenommen hatte.
Er war überfüllt. An jedem Rennen nahmen ungefähr zwanzig Pferde teil, und nahezu alle verfügbaren Transportwagen mußten in Dienst genommen worden sein. Ich schlenderte die Reihen entlang, zufrieden vor mich hin summend, und sah mit geteilter Aufmerksamkeit auf die Nummernschilder.
Und da war es.
APX 708.
Mit einem Schlag war meine gute Stimmung dahin.
Es gab keinen Zweifel, daß es sich um denselben Wagen handelte. Üblicher Jennings-Aufbau aus Holz. Ziemlich alt, abblätternde Lackierung. Weder an den Türen noch an den Wänden des Aufbaus befand sich der Name des Besitzers oder des Trainers.
Das Führerhaus war leer. Ich ging nach hinten, öffnete die Tür und stieg ein. Das Innere war leer, bis auf einen Eimer, eine Heuraufe und eine Decke. Auf dem Boden war Stroh aufgeschüttet.
Die Pferdedecke konnte mir einen Hinweis darauf geben, woher der Wagen stammte, dachte ich. Die meisten Trainer und manche Eigentümer lassen ihre Anfangsbuchstaben in den Ecken einnähen.
Ich hob die Decke auf. Sie war dunkelbraun. Ich fand die Anfangsbuchstaben und stand da wie eine Marmorstatue. Deutlich zu sehen, in gelbem Garn, waren die Buchstaben A.Y.
Die Decke gehörte mir.
Pete, den ich nach einer Weile aufgabelte, machte nicht den Eindruck, als würde er Fragen beantworten, die längeres Nachdenken verlangten. Er lehnte im Wiegeraum an einer Wand, in einer Hand ein Glas Sekt, in der anderen eine Zigarre, umgeben von einer Anzahl seiner Freunde. An den rosigglänzenden Gesichtern konnte ich ablesen, daß man schon geraume Zeit feierte.
Dane drückte mir ein Glas in die Hand.
«Wo bist du denn gewesen? Hast dich gut gehalten auf Palindrome. Hoch die Tassen! Der Besitzer zahlt.«
Ich leerte mein Glas und sagte:»Gut gemacht, alter Knabe. Trinken wir auf den Gold Cup.«
«Soviel Glück habe ich auch wieder nicht«, meinte Dane.»Ich hole eine neue Flasche«, sagte er und tauchte im Gewühl unter.
Ich sah mich um. Joe Nantwich stand in einer Ecke, und Mr. Tudor redete wütend auf ihn ein.
Dane kam mit einer frischgeöffneten Flasche zurück und füllte unsere Gläser. Er folgte meinem Blick.
«Ich weiß nicht, ob Joe nüchtern war, aber das letzte Rennen hat er ganz schön verkorkst, nicht wahr?«
«Ich habe es nicht gesehen.«
«Da hast du aber etwas versäumt. Er dachte gar nicht daran, sich anzustrengen. Auf der Gegengeraden wäre sein Pferd beinahe eingeschlafen, dabei galt es als zweiter Favorit. Was du jetzt siehst, ist Joes Entlassung.«
«Diesem Mann gehört >Bolingbroke<«, sagte ich.
«Ja, das stimmt. Es ist derselbe Stall. Joe ist doch ein ausgemachter Trottel. Rennstallbesitzer mit fünf oder sechs guten Pferden findet man auch nicht mehr jeden Tag.«
Clifford Tudor wandte sich von Joe ab, und wir hörten noch seine letzten Worte.»… Sie glauben, daß Sie mich zum Narren halten können. Die Rennkommission soll Sie ruhig sperren.«
Er stapfte an uns vorbei, nickte mir zu und ging hinaus.
Joe suchte Halt an der Wand. Er war blaß und schwitzte. Er sah krank aus. Er machte ein paar Schritte auf uns zu und fing an zu reden, ohne daran zu denken, daß ihn Mitglieder der Rennleitung und der Obersten Pferdesportkommission hören konnten.
«Ich bin heute früh angerufen worden. Das war wieder dieselbe Stimme. Der Mann sagte: >Gewinnen Sie das sechste Rennen nicht<, und legte auf, bevor ich etwas sagen konnte. Und dann der Zettel mit >Bolingbroke, nächste Woche<… Ich begreifs nicht. Und ich hab das Rennen nicht gewonnen, und jetzt sagt dieser verdammte Kerl, daß er einen anderen Jockey nehmen wird. Und die Rennleitung will eine Untersuchung durchführen., und außerdem ist mir schlecht.«
«Wie wär’s mit einem Schluck Sekt?«fragte Dane.
«Hau doch ab«, fauchte Joe und entschwand in Richtung Umkleideraum.
«Was zum Teufel ist eigentlich los?«fragte Dane.
«Ich weiß es nicht«, sagte ich. Joes Sorgen interessierten mich mehr und mehr. Der Anruf paßte nicht mit den Drohbriefen zusammen, dachte ich.»Ich möchte wissen, ob Joe immer die Wahrheit sagt«, meinte ich.
«Höchst unwahrscheinlich«, erwiderte Dane.
Ein Offizieller kam daher und erinnerte uns daran, daß man es selbst nach dem Hürdenchampionat nicht gern sehe, wenn im Wiegeraum getrunken werde, und wir könnten doch auch in den