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In Newbury mußte ich sehr viel langsamer fahren, sogar einmal halten. Dann flitzte ich die Straße nach Basingstoke entlang, vorbei am amerikanischen Flugplatz bei Greenham

Common, und überschritt dann von Kingsclere ab selten sechzig Meilen in der Stunde.

Kate wohnte etwa vier Meilen von Burgess Hill entfernt.

Ich kam um zwanzig nach eins in Burgess Hill an, fuhr zum Bahnhof und parkte in einer versteckten Ecke. Ich betrat den Bahnhof und kaufte eine Rückfahrkarte nach Brighton. Es war mir zu riskant, in Brighton mit dem Wagen auf Erkundung zu gehen.

Die Fahrt dauerte sechzehn Minuten. Im Zug fragte ich mich vielleicht zum hundertsten Male, welche Bemerkung mir das Zusammentreffen mit dem Pferdetransportwagen eingebracht hatte. Wem hatte ich auf die Zehen getreten, indem ich nicht nur verraten hatte, daß ich von dem Draht wußte, sondern vor allem dadurch, daß ich ankündigte, den Verantwortlichen suchen zu wollen? Darauf gab es eigentlich nur zwei Antworten, und eine davon gefiel mir gar nicht.

Ich erinnerte mich, Clifford Tudor auf dem Weg von Plumpton nach Brighton erklärt zu haben, daß an Bills Tod noch eine Menge zu klären sei. Damit hatte ich ihm praktisch rundheraus erklärt, ich wüßte, daß der Sturz nicht auf einen Unfall zurückzuführen sei und daß ich einiges unternehmen würde.

Und dasselbe hatte ich Kate klargemacht. Auch Kate. Auch Kate. Auch Kate. Das Rattern des Zuges nahm den Refrain auf, höhnend, wie es mir schien.

Nun, ich hatte keine Geheimhaltung von ihr verlangt; es war mir auch nicht nötig erschienen. Sie konnte das, was sie von mir erfahren hatte, an die ganze Bevölkerung weitergegeben haben. Aber allzuviel Zeit war da nicht gewesen. Sie hatte mich in London nach Mitternacht verlassen, und siebzehn Stunden später war ich schon auf den Trick mit dem Pferdetransportwagen hereingefallen.

Der Zug fuhr im Bahnhof Brighton ein. Mit den anderen

Fahrgästen ging ich den Bahnsteig entlang und durch die Sperre, blieb aber zurück, als wir die Schalterhalle durchquerten und das Freie erreichten. Vor dem Bahnhof standen etwa zwölf Taxis, deren Fahrer vor ihren Autos standen und unter den Reisenden nach Kunden spähten. Ich sah mir die Fahrer sorgfältig an, einen nach dem anderen. Sie waren mir völlig fremd. Nicht einen von ihnen hatte ich in Plumpton gesehen.

Ich ließ mich nicht entmutigen, fand eine günstige Ecke, von der aus ich freie Sicht auf die ankommenden Taxis hatte, und wartete dort, resolut dem kalten Luftzug trotzend, den ich ständig im Nacken hatte. Taxis kamen und verschwanden wie emsige Bienen, Reisende bringend und abholend.

Langsam gewann ich Überblick. Es gab vier unterscheidbare Gruppen von Taxis. Bei der einen Gruppe waren die Wagen an den Seiten mit einem breiten grünen Streifen verziert; die Türen trugen die Aufschrift >Green Band<. Eine zweite Gruppe hatte gelbe Wappen an den Türen, mit einer kleinen schwarzen Inschrift. Bei einer dritten Gruppe waren alle Fahrzeuge hellblau lackiert. In die vierte Gruppe ordnete ich jene Taxis ein, die nicht zu den anderen drei Linien gehörten.

Ich wartete beinahe zwei Stunden, bis ich mich kaum noch rühren konnte; die Eisenbahnbeamten warfen mir bereits neugierige Blicke zu. Ich sah auf die Uhr. Der letzte Zug, mit dem ich bei Kate noch pünktlich eintreffen konnte, ging in sechs Minuten. Ich hatte mich bereits aufgerichtet und begann, meinen Nacken zu massieren, bevor ich hineinging und mich in den Zug setzte, als endlich meine Geduld belohnt wurde.

Leere Taxis kamen heran und stellten sich hintereinander auf. Ein Zug aus London war also wieder fällig. Die Chauffeure stiegen aus und sammelten sich in kleinen Gruppen. Drei staubige, schwarze Taxis erschienen und reihten sich hinten an. An den Türen hatten sie verblaßte, gelbe Wappen. Die Fahrer stiegen aus.

Einer von ihnen war der höfliche Chauffeur des Pferdetransportwagens. Ein vernünftiger, anständiger Bürger, so sah er jedenfalls aus. Von mittlerem Alter, unauffällig, ruhig. Die anderen kannte ich nicht.

Mir blieben noch drei Minuten. Die schwarzen Buchstaben auf den gelben Wappen waren so winzig, daß ich sie nicht zu entziffern vermochte. Ich konnte aber auch nicht näher heran, um dem höflichen Fahrer nicht aufzufallen; ich konnte aber auch nicht mehr warten, bis er weggefahren war. Ich ging zum Fahrkartenschalter, trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, während eine Frau über den Fahrpreis für ihre Tochter verhandelte, und stellte dann eine einfache Frage.

«Wie heißen die Taxis mit den gelben Wappen an den Türen?«Der junge Mann am Schalter sah mich uninteressiert an.

«>Marconicars<, Sir. Das sind Funktaxis.«

«Danke«, sagte ich und hetzte auf den Bahnsteig hinaus.

Kate wohnte in einem herrlichen Queen-Anne-Haus, das sogar Generationen ruinensüchtiger Viktorianer unberührt gelassen hatten. Seine graziöse Symmetrie, die weißbekieste Auffahrt, die schon um diese frühe Zeit gemähten Rasenflächen, all das deutete auf eine gesellschaftliche und finanzielle Sicherheit von derart langer Dauer, daß es daran nichts zu rütteln gab.

Im Innern war das Haus wunderschön eingerichtet, ohne daß ein wenig Abgenütztheit gefehlt hätte, als sähen die Bewohner trotz ihres Reichtums keine Veranlassung, prunkhaft oder extravagant zu erscheinen.

Kate empfing mich an der Tür, hängte sich bei mir ein und führte mich durch die Halle.

«Tante Deb erwartet Sie zum Tee«, sagte sie.»Die Teestunde ist bei Tante Deb eine Art Kult. Gott sei Dank können Sie sich durch Ihre Pünktlichkeit bei ihr einschmeicheln. Sie ist sehr altmodisch, wissen Sie. In mancher Beziehung hat sie die Entwicklung unserer Zeit nicht mitgemacht. «Ihre Stimme klang besorgt und entschuldigend, woraus ich ersah, daß sie ihre Tante sehr gern hatte und schützen wollte. Ich drückte ihren Arm und sagte:»Machen Sie sich keine Sorgen.«

Kate öffnete eine der weißlackierten Türen, und wir betraten das Wohnzimmer. Es war ein angenehmer Raum, holzgetäfelt, mit pflaumenblauem Teppich, schönen Perserbrücken und Vorhängen mit Blumenmuster. Auf einem im rechten Winkel zum offenen Kamin stehenden Sofa saß eine Frau von etwa siebzig Jahren. Neben ihr stand ein niedriger, runder Tisch, darauf ein silbernes Tablett mit Crown-Derby-Tassen und — Tellern und eine Teekanne mit dazugehörigem Milchkännchen aus schwerem Silber. Ein Dackel schlief zu ihren Füßen.

Kate schritt durch das Zimmer und erklärte mit einiger Förmlichkeit:»Tante Deb, darf ich dir Alan York vorstellen?«

Tante Deb reichte mir ihre Hand, mit der Handfläche nach unten. Ich drückte sie, wobei ich daran dachte, daß früher wohl ein Handkuß angebracht gewesen war.

«Es freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Tante Deb, und ich erkannte genau, was Dane mit ihrem eisigen, wohlerzogenen Benehmen gemeint hatte. Aus ihrer Stimme klang keine Wärme; man war nicht wirklich willkommen. Trotz ihrer Jahre, oder vielleicht gerade deswegen, sah sie noch außergewöhnlich gut aus. Schöngezogene Augenbrauen, eine vollkommene Nase, ein feingeschwungener Mund. Das graue Haar war von einem erstklassigen Friseur gelegt. Schlanke Gestalt, hochaufgerichtet; elegant bestrumpfte Beine. Eine Seidenbluse unter der Tweedjacke, handgefertigte Schuhe aus weichem Leder. Sie hatte alles. Alles bis auf das innere Feuer, an dem es Kate so wenig mangelte.

Tante Deb goß mir Tee ein, und Kate reichte mir die Tasse.

Es gab Brötchen mit Gänseleberpastete und Teekuchen; obwohl ich gewöhnlich auf die Teestunde verzichtete, war ich doch durch die Fahrt nach Brighton recht hungrig geworden. Ich aß und trank, und Tante Deb redete.

«Kate erzählte mir, daß Sie ein Jockey sind, Mr. York. «Sie sagte das so, als stünde ich auf einer Stufe mit den Vorbestraften.»Zweifellos finden Sie das sehr amüsant, aber als ich jung war, galt das bei Bekannten nicht als akzeptabler Beruf. Aber Kate ist hier zu Hause, und sie kann hierher bitten, wen sie will, wie sie selbst recht gut weiß.«