«Ziemlich langweilig für Ihre Tante«, meinte ich und sah sie bewundernd an.
«Oh, er fährt mit ihr einmal wöchentlich nach London. Sie geht zum Friseur, und er stöbert einstweilen in der Bibliothek des Britischen Museums. Dann essen sie im Ritz, und am Nachmittag besuchen sie eine Ausstellung oder irgendeine Matineevorstellung.«
Nach dem Essen bat mich Onkel George in sein Arbeitszimmer, damit ich mir das ansehen konnte, was er seine Trophäen «nannte. Es handelte sich um eine Sammlung von Gegenständen, die von verschiedenen primitiven oder barbarischen Völkerschaften stammten und meiner Meinung nach jedem kleineren Museum zur Ehre gereicht hätten.
Zahlreiche Waffen, Schmuckstücke, Töpfereiwaren und rituelle Objekte waren hinter Glas an drei Wänden aufgereiht und genau beschriftet. Unter anderem besaß Onkel George Stücke aus Zentralafrika und den Südseeinseln, aus der Wikingerzeit und von den Maoris Neuseelands.
«Ich studiere ein Volk nach dem anderen«, erklärte er.»Seit ich mich von den Geschäften zurückgezogen habe, gibt mir das zu tun, und ich finde es sehr aufregend. Wußten Sie eigentlich, daß die Männer auf den Fidschi-Inseln Frauen wie Schlachtvieh zu mästen pflegten, um sie nachher zu verzehren?«
Seine Augen funkelten, und ich hatte den Verdacht, daß ihn vor allem die Gewalttätigkeiten dieser primitiven Völker interessierten. Vielleicht brauchte er ein Gegengewicht zu diesen Diners im Ritz.
«Was beschäftigt Sie eigentlich jetzt?«fragte ich.»Kate erwähnte etwas von Indianern.«
Er schien sich zu freuen, daß ich mich für sein Hobby interessierte.
«Ja. Ich beschäftige mich mit den Urbevölkerungen Amerikas, und zuletzt war ich bei den nordamerikanischen Indianern angelangt. Hier, sehen Sie.«
Er führte mich in eine Ecke. Die Sammlung von Federn,
Messern und Pfeilen schien aus einem Wildwestfilm zu stammen, aber ich hatte keinen Zweifel daran, daß diese Dinge echt waren. In der Mitte hing ein dichter Strang schwarzen Haars, und darunter befand sich ein Schild mit der lakonischen Aufschrift >Skalp<.
Ich drehte mich um und überraschte Onkel George, wie er mich mit geheimem Vergnügen betrachtete.
«O ja«, sagte er.»Der Skalp ist echt und erst etwa hundert Jahre alt.«
«Sehr interessant«, meinte ich unverbindlich.
«Ich verwandte ein Jahr auf die nordamerikanischen Indianer, weil es viele verschiedene Stämme gibt«, erklärte er.»Aber jetzt bin ich schon bei Zentralamerika angelangt. Als nächstes kommen die Südamerikaner an die Reihe, die Inkas und so weiter. Ich bin selbstverständlich kein Wissenschaftler, schreibe aber manchmal Artikel für verschiedene Zeitschriften. Im Augenblick verfasse ich eine Serie über Indianer für ein Knabenmagazin. «Seine dicken Wangen zitterten, als er leise vor sich hin lachte. Dann wandte er sich zur Tür.
Ich folgte ihm, blieb aber neben seinem großen, geschnitzten Schreibtisch stehen. Neben zwei Telefonapparaten und einer silbernen Federschale lagen mehrere Aktendeckel mit blaßblauen Etiketten, auf denen >Arapaho<, >Sioux<, >Navajo< und >Mohawk< zu lesen war.
Abgesondert davon lag ein Aktendeckel mit der Aufschrift >Mayas<, und ich wollte ihn aufschlagen, weil ich noch nie von einem solchen Stamm gehört hatte. Onkel George legte die Hand darauf.
«Ich habe erst damit angefangen«, meinte er entschuldigend.»Es lohnt sich noch nicht, hineinzusehen.«
«Ich habe noch nie von diesem Stamm gehört«, sagte ich.
«Das waren Indianer Zentralamerikas«, erklärte er freundlich.
«Sie hatten viele Astronomen und Mathematiker, wissen Sie. Sehr zivilisiert. Ich finde sie faszinierend. Sie entdeckten, daß Gummi elastisch ist, und machten Bälle daraus, lange bevor man Gummi in Europa kannte. «Er machte eine Pause und starrte mich an.»Möchten Sie mir helfen, die bisher gesammelten Unterlagen zusammenzustellen?«erkundigte er sich.
«Na ja. äh., äh. «stotterte ich.
Onkel Georges Wangen erzitterten wieder.»Das habe ich mir schon gedacht«, sagte er.»Sie würden lieber mit Kate eine Spazierfahrt machen.«
Um drei Uhr gingen Kate und ich also zur großen Garage hinter dem Haus.
«Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen vor einer Woche erzählt habe, wie Bill Davidson ums Leben kam?«fragte ich, als ich Kate beim Öffnen des Garagentors half.
«Wie könnte ich das vergessen?«
«Haben Sie es zufällig am nächsten Morgen jemand weitererzählt? Ich meine, es gab ja keinen Grund, warum Sie es nicht tun sollten., aber ich möchte es trotzdem gerne wissen.«
Sie runzelte die Stirn.»Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, aber ich glaube nicht. Allerdings erzählte ich Tante Deb und Onkel George beim Frühstück davon. Sonst kommt wohl niemand in Frage. Ich dachte nicht, daß es ein Geheimnis sei.«
«Es ist auch keins«, meinte ich.»Was hat Onkel George getan, bevor er sich von seinen Geschäften zurückzog?«
«Zurückzog?«meinte sie.»Ach, das ist nur ein Spaß von ihm. Er trat schon mit dreißig Jahren in den Ruhestand, als er von seinem Vater ein großes Vermögen geerbt hatte. Lange Zeit hindurch unternahmen Tante Deb und er alle drei Jahre eine Weltreise, wobei sie diese gräßlichen Sachen sammelten, die er Ihnen im Arbeitszimmer gezeigt hat. Was halten Sie davon?«
Ich machte ein ablehnendes Gesicht. Sie lachte.»Genau das denke ich auch, aber ich zeige es ihm nie. Er hängt so dran.«
Bei der Garage handelte es sich um eine umgebaute Scheune. Die vier Autos in einer Reihe hatten genug Platz. Der Daimler, ein neues cremefarbenes Kabriolett, mein Lotus und eine alte schwarze Limousine.
«Den alten Wagen nehmen wir zum Einkaufen im Dorf«, sagte Kate.»Dieses herrliche Kabriolett gehört mir. Onkel George schenkte es mir vor einem Jahr, als ich von der Schweiz zurückkam. Ist das nicht ein phantastischer Wagen?«
«Können wir mit ihm fahren, statt mit dem meinen?«fragte ich.»Es wäre mir sehr lieb, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
Sie war erfreut, schlug das Verdeck zurück und band sich ein blauseidenes Kopftuch um. Dann fuhren wir hinaus in die Sonne, die Auffahrt hinunter und die Straße entlang zum Dorf.
«Wo wollen wir hin?«fragte sie.
«Ich möchte nach Steyning«, erwiderte ich.
«Das ist aber eine merkwürdige Wahl«, sagte sie.»Warum nicht zum Meer?«
«Ich möchte einen Farmer in Washington bei Steyning aufsuchen, um ihn nach seinem Pferdetransporter zu fragen«, gab ich zurück. Und ich erzählte ihr, wie ein paar Männer in einem solchen Wagen mich recht nachdrücklich aufgefordert hatten, keine Fragen mehr über Bills Tod zu stellen.
«Das Transportfahrzeug gehört diesem Farmer in Washington«, schloß ich.»Ich möchte ihn fragen, wer es sich am letzten Samstag ausgeliehen hat.«
«Du lieber Himmel«, sagte Kate.»Das ist aber aufregend. «Und sie fuhr ein wenig schneller.
Es waren zehn Meilen nach Washington. Wir erreichten den Ort und hielten an; ich fragte ein paar Kinder, die auf dem Nachhauseweg von der Sonntagsschule waren, wo Farmer
Lawson wohnte.
«Da oben«, sagte ein großes Mädchen und deutete hinauf.
>Da oben< erwies sich als eine gutgeführte Farm mit einem schönen, alten Bauernhof und einer neu errichteten Scheune. Kate fuhr in den Hof und hielt, und wir gingen durch eine kleine Gartentür zum Haus.
Wir läuteten, und nach einiger Zeit wurde die Tür geöffnet. Ein jüngerer, gutaussehender Mann mit einer Zeitung in der Hand sah uns fragend an.
«Könnte ich bitte Mr. Lawson sprechen?«sagte ich.
«Ich bin Lawson«, erwiderte er, gähnend.
«Ist das Ihre Farm?«fragte ich.
«Ja. Was kann ich für Sie tun?«Er gähnte wieder.
Ich sagte, wie ich gehört hätte, vermiete er einen Pferdetransportwagen. Er rieb sich die Nase und sah uns eine Weile an, dann sagte er:»Er ist schon sehr alt, und es kommt darauf an, wann Sie ihn brauchen.«