«Ein prima Kerl«, stimmte er zu.
Plötzlich flog mir von irgendwoher ein Einfall zu. Es konnte schließlich in Brighton nicht allzu viele Banden geben, und ich hatte mich schon mehrmals gefragt, warum ein Taxiunternehmen Schläger besoldete, die regelrechte Schlachten ausfochten. Aus diesem Grund sagte ich, mit bedauernswertem Mangel an Vorsicht:»Marconicars.«
Das Lächeln des Wirts verschwand plötzlich, und er sah mich haßerfüllt an. Er packte den schweren Stock und holte damit aus. Der Hund hatte mit einem Satz die Kiste verlassen, duckte sich zum Sprung, die Ohren flach angelegt. Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Kate kam mir zu Hilfe. Sie trat neben mich und sagte ohne jede Spur von Angst:»Schlagen Sie um Himmels willen nicht so fest zu; weil uns Tante Deb in einer guten halben Stunde zum Lammbraten erwartet, und sie legt sehr großen Wert auf Pünktlichkeit.«
Der Wirt, etwas aus der Fassung gebracht, zögerte einen Augenblick, so daß ich sagen konnte:»Ich gehöre nicht zu den Marconicars. Ich bin gegen sie. Legen Sie den Stock lieber wieder weg und sagen Sie Prince, daß er sich beruhigen darf.«
Der Wirt ließ den Stock sinken, beorderte aber Prince nicht in die Kiste.
«Wohin sind wir denn da geraten?«sagte Kate zu mir.
«Erpressung, nicht wahr?«wandte ich mich an den Wirt.»Das mit den Taxis war nur eine Vermutung. Ich hatte mir ausgerechnet, warum Sie einen so scharfen Wachhund brauchen, und seit Tagen denke ich über Taxichauffeure nach. Da ergab sich einfach ein Zusammenhang.«
«Ein paar von Marconicar-Fahrern haben ihn vor einer Woche überfallen«, sagte Kate zur Frau des Gastwirtes.»Man kann also nicht verlangen, daß er bei diesem Thema ganz normal bleibt.«
Der Wirt sah uns beide forschend an. Dann ging er zu seinem Hund und kraulte ihn hinter den Ohren. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und lehnte sich an seinen Herrn. Der Wirt schickte ihn in die Kiste.
«Prince ist ein guter Hund«, sagte er mit einem Unterton von Ironie.»Also, jemand muß an den Schanktisch. Sue, kümmerst du dich um die Gäste, während ich mit diesen jungen Leuten rede?«
«Die Brote sind doch noch nicht fertig«, wandte Sue ein.
«Die mache ich«, erwiderte Kate fröhlich.»Pro Sandwich ein Blutstropfen. «Sie nahm ein Messer und begann, die BrotScheiben mit Butter zu bestreichen. Der Wirt und seine Frau schienen eher mit den Taxifahrern als mit Kate fertig zu werden; die Wirtin zögerte ein paar Sekunden und ging dann in die Gaststube.
«Nun, Sir«, sagte der Wirt.
Ich erklärte ihm in groben Umrissen die Umstände von Bills Tod und mein Zusammentreffen mit den Taxichauffeuren im Pferdetransportwagen.»Wenn ich feststellen kann, wer hinter den Marconicars steht, habe ich wahrscheinlich den Mann gefunden, der Major Davidsons Sturz arrangierte.«
«Ja, das ist mir klar«, meinte der Wirt.»Ich hoffe nur, daß Sie mehr Glück haben als ich. Sie können ebensogut mit dem Kopf gegen eine Mauer rennen, als herauszufinden versuchen, wem die Marconicars gehören. Aber ich will Ihnen natürlich alles erzählen, was ich weiß. Je mehr Leute sich gegen sie wenden, desto früher sind sie erledigt.«
Er beugte sich vor und nahm zwei belegte Brote von der Anrichte, reichte mir eines davon und biß ins andere.
«Sie müssen noch Platz für den Lammbraten lassen«, sagte Kate zu mir. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr.»Ach du lieber Himmel, wir kommen viel zu spät zum Essen, und Tante Deb wird sich ärgern. «Aber sie fuhr gelassen fort, die Brote mit Butter zu bestreichen.
«Ich habe die >Blue Duck< vor achtzehn Monaten gekauft«, erklärte der Wirt.»Als ich Zivilist wurde.«
«Hauptfeldwebel?«murmelte ich.
«Stabsfeldwebel beim Regiment«, erwiderte er mit berechtigtem Stolz.»Thomkins heiße ich, ich kaufte >The Blue Duck< mit meinen Ersparnissen, und die Wirtschaft war wirklich sehr billig. Zu billig. Ich hätte merken müssen, daß da etwas nicht stimmt. Wir waren noch keine drei Wochen hier und hatten schon recht ordentlich verdient, als eines Abends so ein Kerl daherkam und frei heraus erklärte, daß es uns sehr übel erginge, wenn wir nicht wie der letzte Besitzer zahlen würden. Dann nahm er sechs Biergläser vom Schanktisch und zerschlug sie. Er sagte, er müsse fünfzig Pfund pro Woche verlangen. Ich bitte Sie, fünfzig Pfund! Kein Wunder, daß der letzte Besitzer weg wollte. Ich erfuhr später, daß er seit Monaten versucht hatte, die Wirtschaft loszuwerden, aber alle Ansässigen ließen die Finger davon und überließen sie lieber einem Trottel wie mir, der gerade aus der Armee kam und keinen Dunst von den wirklichen Vorgängen hatte. «Thomkins kaute an seinem Sandwich und dachte nach.»Nun, ich empfahl ihm, sofort zu verschwinden. In der nächsten Nacht kam er mit fünf anderen zurück, und die Kerle schlugen mir alles zu Kleinholz. Ich wurde mit einer von meinen eigenen Flaschen k. o. geschlagen, meine Frau sperrten sie in die Speisekammer. Dann zertrümmerten sie alle Flaschen, alle Gläser, alle Stühle. Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Boden, und sie hatten sich im Kreis um mich versammelt. Sie sagten, das sei nur ein kleiner Vorgeschmack. Wenn ich die Fünfzig pro Woche nicht ablieferte, würden sie wiederkommen und alle Flaschen im Keller zerschlagen. Später käme dann meine Frau dran. «Sein Gesicht verzerrte sich, als er das noch einmal durchlebte.
«Und was geschah dann?«fragte ich.
«Ich dachte gar nicht daran, mich diesen Banditen auszuliefern. Zunächst bezahlte ich ein paar Monate, um Zeit zu gewinnen, aber fünfzig Pfund müssen erst einmal verdient sein. Das Geschäft geht gut, aber mir wäre nicht viel mehr geblieben als meine Pension.«
«Haben Sie die Polizei verständigt?«fragte ich.
«Nein«, erwiderte Thomkins verlegen.»Damals nicht. Ich wußte nicht, woher die Männer gekommen waren, verstehen
Sie, und sie hatten mir weiß Gott was angedroht, für den Fall, daß ich zur Polizei gehen würde. Auf jeden Fall ist es keine gute Taktik, ohne Verstärkung einen Feind anzugreifen, von dem man eben besiegt worden ist. Um diese Zeit begann ich an einen Hund zu denken, und später bin ich auch zur Polizei gegangen«, schloß er.
«Die Polizei kann doch das Marconicar-Unternehmen einstellen, wenn es zur Begehung von Verbrechen benützt wird«, meinte ich.
«Sicher, das würde man annehmen«, erwiderte er.»Aber so ist es nicht. Das ist ein echtes Taxiunternehmen, wissen Sie. Sogar ein sehr großes. Die meisten Fahrer sind anständige Leute und wissen überhaupt nicht, was dort vorgeht. Ich habe einmal ein paar von ihnen erklärt, daß man sie als Fassade für Erpressungen benützt, und sie glauben mir nicht. Die Gangster sehen ja aus wie die anderen. Sie kommen mit einem Taxi um die Polizeistunde daher, betreten das Lokal und verlangen ganz ruhig das Geld. Wahrscheinlich finden sie sogar noch einen Fahrgast, den sie in aller Offenheit zum regulären Preis nach Hause bringen.«
«Könnten Sie denn nicht einen Polizisten in Zivil in der Gaststube warten lassen, damit er den Taxifahrer verhaftet, wenn er das Geld kassieren will?«mischte sich Kate ein.
«Das würde gar nichts nützen, Miss«, erwiderte der Wirt.»Es liegt nicht nur daran, daß sie immer zu verschiedenen Zeiten auftauchen und ein Polizist vielleicht mehrere Wochen warten müßte, bis er einen fangen würde, sondern es gibt auch gar keine Veranlassung für eine Verhaftung. Die Kerle haben nämlich einen Schuldschein über fünfzig Pfund mit meiner Unterschrift, und wenn es zu Schwierigkeiten mit der Polizei käme, brauchten sie ihn nur vorzuzeigen, und man könnte ihnen nichts tun. Die Polizei unternimmt schon etwas, wenn sie mit handfesten Beweisen vor Gericht antreten kann, aber sobald ein Wort gegen das andere steht, ist sie praktisch machtlos.«
«Bedauerlich, daß Sie den Schuldschein unterschrieben haben«, seufzte ich.
«Das habe ich doch gar nicht getan«, meinte er entrüstet,»aber die Unterschrift scheint die meine zu sein. Ich versuchte einmal, den Schuldschein an mich zu reißen, aber der Kerl meinte, es sei ganz egal, sie würden einfach einen neuen machen. Anscheinend haben sie meine Unterschrift von irgendeinem Brief kopiert. Das ist ja einfach genug.«