«Sie zahlen also«, sagte ich enttäuscht.
«Ich denke gar nicht dran«, meinte der Wirt mit gesträubtem Schnurrbart.»Seit über einem Jahr habe ich mir keinen roten Heller mehr abnehmen lassen. Von dem Tag an, als Prince ins Haus kam, war Schluß. Er hat vier von den Kerlen in einem Monat fertiggemacht, und seitdem trauen sie sich nicht mehr her. Aber es gibt sie natürlich noch. Sue und ich trauen uns kaum fortzugehen; wenn wir es tun, dann immer gemeinsam und mit Prince. Ich habe an allen Türen und Fenstern Alarmglocken anbringen lassen, und die machen einen gräßlichen Lärm, wenn jemand einzusteigen versucht. So kann man aber auf die Dauer nicht leben. Sue ist schon ein Nervenbündel.«
«Das ist ja eine entsetzliche Geschichte«, meinte Kate.»So kann das doch nicht weitergehen?«
«O nein, Miss, wir machen sie schon fertig. Sie haben ja nicht nur bei uns Geld kassiert, wissen Sie. Sie machten buchstäblich die Runde. Zehn oder elf Wirtschaften wie die unsrige. Und eine Menge kleiner Läden, Tabakgeschäfte, Andenkenläden, Sie wissen schon, und sechs oder sieben kleine Cafes. Keines von den großen Lokalen. Sie haben es nur auf kleine Firmen abgesehen, wo der Eigentümer mitarbeitet. Als ich das gemerkt hatte, ging ich zu allen Firmen, die da in Frage kamen, und erkundigte mich bei den Besitzern rundheraus, ob sie an die Gangster etwas zahlten. Ich brauchte Wochen dazu, weil das
Gebiet ziemlich groß ist. Die Zahler hatten natürlich alle furchtbare Angst und wollten nichts sagen, aber ich wußte immer gleich Bescheid, wenn sie Ausflüchte machten. Ich erklärte ihnen, daß wir uns zur Wehr setzen müßten. Aber viele von ihnen haben Kinder. Sie wollen nichts riskieren, und das kann man ihnen nicht übelnehmen.«
«Was haben Sie getan?«fragte Kate begeistert.
«Ich schaffte mir Prince an. Damals war er ein Jahr alt. Ich hatte auch beim Militär mit Hunden zu tun und dressierte Prince auf den Mann.«
«Das kann man wohl sagen«, meinte ich.
«Ich führte ihn aus und zeigte ihn ein paar von den anderen Opfern«, fuhr Thomkins fort.»Ich erklärte ihnen, daß wir die Taxifahrer fortjagen könnten, wenn sie sich auch Hunde anschafften. Manche hatten noch gar nicht begriffen, daß die Taxis eine Rolle spielten. Auf jeden Fall kauften eine ganze Reihe von diesen Leuten Wachhunde, und ich half ihnen, sie auszubilden, aber es ist nicht einfach, weil der Hund nur einem Herrn gehorchen soll, und ich mußte sie dazu bringen, daß sie einem anderen gehorchten, nicht mir. Immerhin, sie machten sich. Selbstverständlich sind sie nicht so gut wie Prince.«
«Selbstverständlich«, sagte Kate.
Der Wirt starrte sie argwöhnisch an, aber sie häufte ungerührt Sandwiches auf einen Teller.
«Weiter«, sagte ich.
«Am Schluß gelang es mir sogar, Leute mit Kindern zu überzeugen. Sie kauften Schäferhunde oder Bulldoggen, und wir entwickelten ein System, wie man alle Kinder mit dem Wagen zur Schule bringen konnte. Ich stellte einen Judo-Experten an, der nichts anderes zu tun hat, als die Kinder und ihre Mütter herumzufahren. Wir legen alle zusammen, um ihn bezahlen zu können. Er ist natürlich teuer, aber das Ganze kostet nicht annähernd so viel wie das, was die Gangster verlangt haben.«
«Großartig«, lobte Kate.
«Wir haben sie abgeschlagen, aber so ganz glatt läuft es noch nicht. Vor vierzehn Tagen schlugen sie im Cockleshell-Cafe, gleich um die Ecke, alles kurz und klein. Wir halfen beim Aufräumen und steuerten für die Anschaffung von neuen Tischen und Stühlen etwas bei. Die Besitzer haben eine Schäferhündin, die läufig geworden war, deswegen wurde sie in ein Schlafzimmer gesperrt. Ich bitte Sie. Am besten sind eben doch Rüden«, erklärte der Wirt ernsthaft.
Kate schnaubte belustigt.
«Haben die Taxifahrer einen von euch jemals persönlich angegriffen, oder wurden immer nur Sachen beschädigt?«fragte ich.
«Sie meinen, abgesehen davon, daß man mich mit meiner eigenen Flasche niedergeschlagen hat?«Der Wirt krempelte einen Hemdärmel hinauf und zeigte uns eine Narbe am Unterarm.»Ungefähr zwölf Zentimeter lang. Drei Kerle überfielen mich eines Abends, als ich einen Brief einwerfen wollte. Kurz vorher hatte Prince einen in die Flucht geschlagen, und dummerweise nahm ich ihn nicht mit. Bis zum Briefkasten war es ja nicht weit, verstehen Sie? Aber ich hatte einen Fehler gemacht. Sie richteten mich ganz schön zu, aber ich konnte sie mir wenigstens genau ansehen. Sie sagten, man würde mir noch einmal dieselbe Abreibung verpassen, wenn ich zur Polizei ginge. Aber ich rief sofort im Revier an und erzählte alles. Ein blonder junger Schläger hatte mich mit dem Messer am Arm erwischt, und auf meine Aussage hin bekam er sechs Monate«, meinte er befriedigt.»Danach ging ich nie mehr ohne Prince weg.«
«Und wie steht es bei den anderen?«
«Drei oder vier wurden verprügelt, wobei es auch zu Stichwunden kam. Nachdem ich ihnen Hunde besorgt hatte, überredete ich einige, die Polizei zu verständigen. Sie hatten die
Nase wirklich voll, trauten sich aber immer noch nicht, vor Gericht auszusagen. Soviel ich weiß, hat die Bande noch keinen umgebracht. Das wäre ja auch sinnlos, nicht wahr? Ein Toter kann nicht mehr zahlen.«
«Ja, das stimmt wohl«, meinte ich nachdenklich.»Sie könnten sich aber überlegen, daß ein Toter alle anderen zur Raison bringen würde.«
«Sie brauchen nicht zu denken, daß ich mir das nicht ständig durch den Kopf gehen lasse«, sagte er ernst.»Zwischen sechs Monaten Gefängnis für einen Überfall und lebenslänglichem Zuchthaus oder einem Todesurteil besteht aber ein Riesenunterschied; das hat sie wohl abgehalten. Immerhin leben wir hier nicht in Chikago, wenn man sich auch manchmal wundert.«
«Wenn sie von ihren ursprünglichen Opfern kein Geld mehr bekommen können, werden die Gangster wohl Leute zu >schützen< versuchen, die von Ihrem System und Ihren Hunden nichts wissen.«
Der Wirt unterbrach mich:»Darauf sind wir auch eingerichtet. Wir geben jede Woche eine Anzeige in der Zeitung auf, wonach sich alle melden sollen, die bedroht worden sind. Es funktioniert prima.«
Kate und ich sahen ihn bewundernd an.
«Sie hätten General werden müssen«, meinte ich.
«Ein bißchen was habe ich im Kriege schon geleistet«, erklärte er bescheiden.»Nun, wie wär’s jetzt mit einem Schluck?«
Aber Kate und ich bedankten uns und gingen, weil es schon acht Uhr war. Ich versprach Thomkins, ihn auf dem laufenden zu halten, und wir trennten uns in bestem Einvernehmen. Aber ich verzichtete darauf, Prince zu streicheln.
Tante Deb saß im Wohnzimmer und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Kate entschuldigte sich sehr nett für unser Zuspätkommen, und Tante Deb taute auf. Kate und sie hingen offensichtlich sehr aneinander.
Während des Abendessens erzählte Kate vor allem Onkel George von unseren Abenteuern. Sie berichtete amüsant von dem wandernden Transportwagen, machte einen unhöflichen Witz über die Sandwiches im Pavillon Plaza, was ihr einen strengen Blick von Tante Deb eintrug.
«Und dann gingen wir in eine nette kleine Wirtschaft mit dem Namen >Blue Duck<«, fuhr Kate fort.»Ich habe mir die Hand verletzt, aber es war nicht schlimm, und wir gingen in die Küche, um das Blut abzuwaschen, und deswegen sind wir zu spät gekommen.
Sie hatten den schärfsten Schäferhund, der mir je begegnet ist. Er knurrte Alan ein paarmal an, bis er sich nicht mehr vom Fleck traute.«
«Sie mögen Hunde nicht, Mr. York?«fragte Tante Deb.
«Es kommt darauf an«, meinte ich.
«Der Hund war auch zum Fürchten. Aber er ist sehr nützlich. Wenn ich euch beiden erzählen würde, was wir von dem Besitzer der Wirtschaft über die Gemeinheiten in Brighton erfahren haben, könntet ihr heute nacht kein Auge zutun.«