«Dann laß es lieber, Kate«, sagte Tante Deb.»Ich kann sowieso kaum einschlafen.«
Onkel George schob den halbvollen Teller weg, als sei ihm plötzlich übel geworden.»Der Magen macht nicht mehr so richtig mit«, sagte er zu mir.»Man wird eben alt.«
Tante Deb machte ein sehr besorgtes Gesicht, aber Onkel George erholte sich wieder.»Es war mir ganz entfallen, Kate«, sagte er,»aber während du unterwegs warst, rief Gregory an, um sich mit dir über» Heavens Above< zu unterhalten. Ich fragte ihn, wie es dem Pferd gehe, und er sagte, mit einem Bein sei etwas nicht in Ordnung; es könne jedenfalls am Donnerstag nicht wie vorgesehen in Bristol laufen.«
Kate machte ein enttäuschtes Gesicht.»Lahmt er denn?«fragte sie.
«Ich könnte schwören, daß Gregory etwas von einem >Splint< gesagt hat. Aber er scheint sich doch nichts gebrochen zu haben, nicht wahr?«
«An Pferdebeinen entstehen manchmal kleine Geschwülste, und die nennt man >Splint<«, erklärte ich.»Das Ganze dauert nur zwei oder drei Wochen. Danach wird >Heavens Above< wieder ganz gesund sein.«
«Schade«, sagte Kate.»Ich habe mich so auf den Donnerstag gefreut. Fahren Sie überhaupt nach Bristol, Alan, wenn mein Pferd nicht starten kann?«
«Ja«, sagte ich.»Ich reite auf Palindrome. Kommen Sie doch hin, Kate. Ich würde mich riesig freuen.«
Tante Deb richtete sich auf und sah mich mißbilligend an.»Es ist nicht gut für den Ruf eines jungen Mädchens, wenn man es zu oft in Begleitung von Jockeys sieht«, erklärte sie eisig.
Um elf Uhr, als sich Onkel George hinter verschlossener Tür seinen Trophäen widmete und Tante Deb ihre Schlaftabletten geschluckt hatte, verließen Kate und ich das Haus, um den Wagen in die Garage zu bringen. Wir hatten ihn in unserer Eile einfach stehenlassen.
Ich öffnete Kate die Wagentür, aber sie zögerte.
«Sie werden alt«, sagte sie mit trauriger Stimme,»und ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde.«
«Sie haben noch viele Jahre vor sich«, meinte ich.
«Hoffentlich. Tante Deb sieht manchmal sehr müde aus, und Onkel George war früher viel lebenslustiger. Ich glaube, er
macht sich Sorgen. Wahrscheinlich um Tante Deb. Es scheint etwas mit dem Herzen zu sein., aber sie sagen mir nie etwas. «Sie zitterte.
Ich legte meine Arme um sie und küßte sie. Sie lächelte.
«Du bist lieb, Alan.«
Ich fühlte mich gar nicht lieb. Am liebsten hätte ich sie in den Wagen gezerrt und wäre mit ihr davongebraust.
«Ich liebe dich, Kate«, sagte ich.
«Nein«, flüsterte sie.»Sag es nicht. Bitte, sag es nicht. «Sie fuhr mit den Fingern meine Brauen nach.
«Warum nicht?«
«Weil ich nicht weiß., ich bin nicht sicher. Ich mag es, wenn du mich küßt, und ich bin gerne mit dir zusammen. Aber Liebe ist ein so großes Wort. Es ist zu wichtig. Ich bin., ich bin noch nicht.«
«Die Liebe lernt man leicht«, sagte ich.»Es ist genauso, wie wenn man ein Risiko eingeht. Man konzentriert sich darauf, weigert sich, Angst zu haben, und schon ist man mitten drin und verliert alle Hemmungen.«
«Freilich, und dann sitzt man da«, meinte Kate prosaisch.
«Wir könnten ja vorher heiraten«, sagte ich und lächelte sie an.
«Nein. Lieber Alan. Nein. Noch nicht. «Und flüsternd fügte sie hinzu:»Es tut mir ja so leid.«
Sie setzte sich in den Wagen und fuhr ums Haus herum zur Garage. Ich ging ihr nach, half ihr, die Garagentür zu schließen, und schritt mit ihr zum Haus zurück. An der Schwelle blieb sie stehen, drückte meine Hand und gab mir einen kurzen, schwesterlichen Kuß.
Ich wollte ihn nicht.
Ich fühlte mich gar nicht wie ein Bruder.
Kapitel 10
Am Dienstag begann es zu regnen. Die Kinder gingen mit schwarzen Regenmänteln, Südwestern und Stiefeln zur Schule. Von William sah man nur noch den Mund.
Scilla und ich verbrachten den Tag damit, Bills Garderobe und persönliche Dinge auszusortieren.
Das meiste wurde für Henry und William aufgehoben. Scilla legte nicht nur Manschettenknöpfe und zwei goldene Uhren dazu, sondern auch Smokingjacketts, einen Cutaway und einen grauen Zylinder. Ich neckte sie deswegen.
«Das ist gar nicht albern«, sagte sie.»In zehn Jahren braucht Henry das alles, wenn nicht schon früher. Er wird dann sehr froh darum sein.«
«Wir können genausogut alles in die Schränke zurückhängen und warten, bis Henry und William erwachsen sind.«
«Das ist gar keine schlechte Idee«, erwiderte Scilla und legte die beste Reithose Bills beiseite.
Als wir mit der Garderobe fertig waren, gingen wir ins Arbeitszimmer hinunter und kümmerten uns um Bills Papiere. Sein ganzer Schreibtisch war voll davon. Er hatte nicht einmal alte Rechnungen und Briefe weggeworfen, und in der untersten Schublade fanden wir ein Bündel Briefe, die ihm Scilla vor der Heirat geschrieben hatte. Sie setzte sich ans Fenster und las sie, während ich das übrige aussortierte.
Bill war sehr methodisch vorgegangen. Er hatte die Rechnungen chronologisch geordnet, die Briefe wurden in Schachteln und Aktenordnern aufbewahrt. In den einzelnen Fächern fand ich einen Stoß alter, gebrauchter Umschläge, die auf der Rückseite Notizen trugen. Ich sah sie durch und wollte
sie dann zu dem Stoß legen, der für den Papierkorb bestimmt war.
Plötzlich erstarrte ich. Auf einem Umschlag stand in Bills Handschrift der Name Clifford Tudor, darunter eine Telefonnummer und eine Adresse in Brighton.
«Kennst du einen Mann namens Clifford Tudor?«fragte ich Scilla.
«Nie von ihm gehört«, erwiderte sie, ohne aufzusehen.
Wenn Tudor Bill gebeten hatte, für ihn zu reiten, wie er mir auf der Fahrt von Plumpton nach Brighton erzählte, war es ganz natürlich, daß Bill sich Namen und Adresse notiert hatte. Ich drehte das Couvert um. Es stammte von einem Kaufmann aus dem Ort, und der Poststempel war vom Januar. Bill hatte also erst vor kurzem Tudors Adresse erfahren.
Ich steckte den Umschlag in die Tasche und sortierte weiter. Ich fand alte Fotografien, ein paar Blätter, auf denen die Kinder herumgekritzelt hatten, Adreßbücher, Gepäckscheine, eine Glückwunschkarte, Schulzeugnisse und mehrere Notizbücher.
«Das mußt du durchsehen, Scilla«, sagte ich.
«Mach lieber du das«, meinte sie und sah lächelnd von ihren Briefen auf.»Du kannst mir sagen, was es ist, und ich sehe es mir später an.«
Bill hatte keine Geheimnisse. In den Notizbüchern hatte er seine Ausgaben niedergeschrieben. Ich fand das neueste Büchlein und blätterte es durch.
Unterrichtsgebühren, Heu für Pferde, ein neuer Gartenschlauch, eine Reparatur am Scheinwerfer des Jaguars in Bristol, ein Geschenk für Scilla, eine Wette auf >Admiral<, eine Spende. Und das war alles. Danach kamen leere Seiten, die nie mehr beschrieben werden würden.
Ich sah mir noch einmal die letzten Eintragungen an. Eine Wette auf >Admiral<. Zehn Pfund auf Sieg, hatte Bill geschrieben. Und das Datum war der Tag seines Todes. Was man auch zu Bill über >Admirals< Sturz gesagt haben mochte, er hatte es als Witz aufgefaßt und trotzdem auf Sieg gesetzt. Ich hätte zu gerne gewußt, was das für ein >Witz< gewesen war. Er hatte ihn Pete erzählt, aber der war nicht aufmerksam genug gewesen.
Ich stapelte die Notizbücher aufeinander und machte mich ans letzte Fach. Dort fand ich unter anderem fünfzehn oder zwanzig Wettscheine, wie sie von den Buchmachern bei Rennen ausgegeben werden. Der enttäuschte Wetter wirft sie gewöhnlich weg.
«Warum hat Bill diese Wettscheine aufgehoben?«fragte ich Scilla.
«Henry hat sie eine Weile gesammelt, kannst du dich nicht entsinnen?«erwiderte sie.»Nachdem sein Interesse erlahmt war, brachte Bill immer noch Scheine mit nach Hause. Wahrscheinlich, um gewappnet zu sein, falls William den Buchmacher spielen wollte.«