Ich entsann mich. Ich hatte bei Henry, dem Buchmacher, gegen einen Einsatz von Halfpennies auf viele Pferde gesetzt, aber niemals gewonnen.
«Willst du sie für William aufheben?«fragte ich.
«Ich denke schon«, meinte Scilla.
Ich legte sie wieder in den Schreibtisch und machte Schluß. Es war spät am Nachmittag. Wir gingen ins Wohnzimmer, legten Holz in den Kamin und ließen uns in den Lehnsesseln nieder.
Sie sagte:»Alan, ich möchte dir etwas geben, das Bill gehört hat. Bitte laß mich ausreden. Ich habe mich lange gefragt, was dir am liebsten wäre, und ich bin sicher, daß es so richtig ist.«
Sie wärmte sich die Hände am Kaminfeuer.»Du sollst >Admiral< haben«, sagte sie.
«Nein«, erklärte ich entschieden.
«Warum nicht?«fragte sie enttäuscht.
«Liebste Scilla, das ist einfach zu viel«, sagte ich.»Ich dachte, du sprichst von einem Zigarettenetui oder einem ähnlichen Andenken. Du darfst mir >Admiral< nicht geben. Er ist Tausende wert.
Du mußt ihn verkaufen oder auf deinen Namen laufen lassen, wenn du ihn behalten willst. Aber du kannst ihn nicht mir geben. Es wäre weder dir noch den Kindern gegenüber fair, wenn ich ihn bekäme.«
«Er wäre Tausende wert, wenn ich ihn verkaufen würde — aber das brächte ich niemals fertig, du weißt es genau. Ich könnte es nicht ertragen. Er hat Bill so viel bedeutet. Und wenn ich ihn behalte und starten lasse, muß ich die Rechnungen bezahlen, was gar nicht einfach ist, solange wir die Erbschaftssteuer noch nicht beglichen haben. Wenn ich ihn dir gebe, handele ich auch in Bills Sinn, und du kannst für >Admirals< Unterhalt aufkommen. Ich habe mir alles genau überlegt. >Admiral< gehört dir.«
«Dann vermiete ihn mir wenigstens nur«, meinte ich.
«Nein, er ist ein Geschenk. Von Bill an dich, wenn du willst.«
Ich gab nach und bedankte mich, so gut ich konnte.
Am nächsten Morgen fuhr ich ganz früh zu Pete Gregory nach Sussex, um >Forlorn Hope< über die Trainingshürden zu jagen. Es regnete leicht, als ich ankam, und nur, weil ich einen so weiten Weg zurückgelegt hatte, holten wir die Pferde heraus. Es ging nicht sehr befriedigend; >Forlorn Hope< rutschte bereits beim ersten Hindernis aus und hatte dadurch nur noch wenig Begeisterung.
Wir gaben es auf und gingen zu Petes Haus hinunter. Ich erzählte ihm, daß >Admiral< mir gehören solle, und daß ich ihn reiten würde.»Er ist beim Fuchsjagdrennen in Liverpool eingetragen, weißt du das?«
«Donnerwetter!«rief ich. Ich hatte noch nie auf der Grand-National-Bahn geritten.
«Willst du es versuchen?«
«Na, und ob«, sagte ich.
Ich verabschiedete mich von Pete, fuhr zur nächsten Bahnstation, parkte dort meinen Wagen und nahm wieder den Zug.
Ich verließ den Bahnhof in Brighton, warf einen Blick auf die drei Taxis — sie trugen keine gelben Wappen — und schlug die Richtung zur Zentrale der Marconicars ein, deren Adresse ich im Telefonbuch festgestellt hatte.
Die Büroräume befanden sich im Erdgeschoß eines umgebauten Regency-Hauses. Ich betrat die schmale Eingangshalle. Rechts von mir befand sich die Treppe, links waren zwei Türen, während eine dritte mit der Aufschrift >Privat< mir am anderen Ende des Ganges gegenüberlag. Ein Schild an der ersten Tür: >Auskünfte<. Ich trat ein.
Das Zimmer war früher einmal sehr elegant gewesen, und selbst die Büroeinrichtung konnte diesen Eindruck nicht ganz verwischen. Zwei Mädchen saßen vor Schreibmaschinen. Durch die halbgeöffnete Schiebewand konnte ich in ein anderes Büro sehen, wo ein Mädchen vor einem Vermittlungskasten saß. Sie sprach in ein Mikrophon.
«Ja, in drei Minuten kommt ein Taxi zu Ihnen«, sagte sie.»Vielen Dank.«
Die beiden Mädchen im vorderen Büro sahen mich erwartungsvoll an. Sie trugen enge Pullover und zuviel Makeup.
«Äh., ich möchte ein paar Taxis mieten. für eine Hochzeit. Meine Schwester heiratet«, fügte ich hinzu.»Wäre das zu machen?«
«O ja, ich denke schon«, erwiderte das erste Mädchen.»Ich werde den Geschäftsführer fragen. Größere Vorbestellungen bearbeitet er selbst.«
«Ich möchte nur einen Voranschlag. für meine Schwester. Sie hat mich gebeten, bei allen Firmen vorzusprechen und zu ermitteln, wo es am. äh. günstigsten ist. Ich kann keine Buchung vornehmen, bis ich noch einmal mit ihr gesprochen habe.«
«Ich verstehe«, sagte die junge Dame.»Nun, ich werde Sie bei Mr. Fielder anmelden. «Sie ging hinaus, stöckelte den Korridor entlang und verschwand hinter der Tür mit der Aufschrift >Privat<.
Während ich wartete, grinste ich das andere Mädchen an und hörte der jungen Dame am Mikrophon zu.
«Einen Augenblick, Sir. Ich werde mal nachsehen, ob sich ein Taxi in Ihrer Gegend befindet«, sagte sie. Sie drückte auf eine Taste.»Achtung, Wagen in Hove zwei, bitte melden. Achtung, Wagen in Hove zwei, bitte melden.«
Es blieb eine Weile still, dann sagte eine Männerstimme aus dem Lautsprecher.»In Hove zwei ist anscheinend niemand, Marigold. Ich könnte in fünf Minuten dort sein. Ich habe eben einen Fahrgast am Langbury Place abgesetzt.«
«Gut, Jim. «Sie gab ihm die Adresse, drückte wieder auf eine Taste und sagte in die Sprechkapseclass="underline" »In fünf Minuten wird ein Taxi bei Ihnen sein, Sir. Entschuldigen Sie die Verzögerung, aber wir haben keinen Wagen, der Sie früher erreichen könnte. Vielen Dank, Sir.«
Sie war kaum zu Ende, als das Telefon wieder läutete. Sie sagte:»Marconicars, Sie wünschen, bitte?«
Draußen im Korridor hörte man wieder Stöckelschritte, und das Mädchen kam von Mr. Fielder zurück.»Der Geschäftsführer ist jetzt zu sprechen, Sir«, sagte sie.
«Vielen Dank. «Ich ging den Korridor entlang und betrat durch die offene Tür das Bürozimmer.
Der Mann, der sich erhob, um mich zu begrüßen und mir die Hand zu geben, war kräftig, elegant angezogen, etwa Mitte Vierzig. Er trug eine dicke, schwarze Hornbrille, hatte glattes, schwarzes Haar und kalte, blaue Augen. Für einen Büroangestellten in einem Taxiunternehmen schien er mir eine zu massive Persönlichkeit zu sein. Er wirkte irgendwie fehl am Platze.
Einen Augenblick lang hatte ich das unbehagliche Gefühl, daß er wußte, wer ich war und was mich hierher geführt hatte. Aber er sah mich gleichmütig an und sagte nur:»Sie wollen eine Blockbuchung für eine Hochzeit vornehmen?«
«Ja«, erwiderte ich und erfand diverse Einzelheiten. Er machte sich Notizen, addierte ein paar Zahlen, veranschlagte die voraussichtlichen Kosten und gab mir das Blatt.
«Vielen Dank«, sagte ich.»Ich bespreche die Angelegenheit mit meiner Schwester und melde mich dann wieder.«
Als ich das Zimmer verließ und die Tür schloß, sah ich mich noch einmal um. Er saß hinter seinem Schreibtisch und starrte mich durch seine Brille unverwandt an. Sein Gesicht war unbewegt.
Ich kehrte in das Büro zurück und sagte:»Den Voranschlag habe ich erhalten. Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit. «Ich wandte mich zum Gehen, da fiel mir noch etwas ein.»Wissen Sie übrigens, wo ich Mr. Clifford Tudor finden kann?«fragte ich kurz.
Die Mädchen meinten ohne jede Überraschung, sie wüßten es nicht.
«Marigold kann es vielleicht feststellen«, erwiderte eine von ihnen.»Ich frage sie.«
Marigold drückte auf die Taste.»Achtung, an alle Wagen. Hat
heute schon jemand Mr. Tudor gefahren?«
Die Stimme eines Mannes sagte:»Ich habe ihn heute früh zum Bahnhof gebracht, Marigold. Er nahm den Zug nach London.«
«Danke, Mike«, sagte Marigold.
«Sie kennt alle Stimmen der Fahrer«, meinte eines der Mädchen bewundernd.»Keiner braucht die Wagennummer zu nennen.«
«Kennt ihr Mr. Tudor näher?«fragte ich.
«Ich habe ihn noch nie gesehen«, erklärte eine junge Dame, und die anderen schüttelten ebenfalls die Köpfe.
«Er ist einer unserer Stammkunden. Er nimmt einen Wagen, sobald er einen braucht, wir erledigen das für ihn. Der Fahrer teilt Marigold mit, wohin er ihn bringt. Mr. Tudor bekommt dann monatlich eine Rechnung von uns.«