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Wenn ich mich rundheraus und ohne jede Erklärung weigerte, >Palindrome< starten zu lassen, würde man mir die Rennerlaubnis entziehen.

Falls ich der Rennkommission erklärte, daß jemand versuchen würde, >Palindrome< mit einem Draht zu Fall zu bringen, mußte sicher einer der Offiziellen die Bahn abgehen und die Hindernisse untersuchen, aber er würde nichts finden. Ich war davon überzeugt, daß der Draht wie bei Bill erst in letzter Sekunde angebracht werden sollte.

Wenn ich am Rennen teilnahm, aber >Palindrome< hinter den anderen Pferden gehen ließ, würde der Draht vielleicht nicht angebracht werden. Aber die Jockeys ließen sich infolge der starken Verschmutzung ihrer Rennkleidung kaum voneinander unterscheiden. Ein Mann, der mit dem Draht wartete, würde mich auf alle Fälle an der Spitze erwarten und dementsprechend handeln.

Ich sah mir die anderen Jockeys auf dem Sattelplatz an, die jetzt widerwillig ihre Regenmäntel ablegten und die Pferde bestiegen. Es waren ungefähr zehn Männer, von denen ich allerhand gelernt hatte, von denen ich als Kamerad aufgenommen worden war.

Wenn ich einen davon für mich stürzen ließ, konnte ich nie wieder zu ihnen gehören.

Es nützte nichts. Ich mußte >Palindrome< an der Spitze reiten und das Beste hoffen.

Pete sagte:»Was ist denn los? Du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet.«

«Mir fehlt nichts«, sagte ich und zog den Mantel aus. >Palindrome< stand neben mir, und ich streichelte ihn. Von jetzt ab war meine größte Sorge, daß er die nächsten zehn Minuten unverletzt überstehen würde.

Ich schwang mich in den Sattel, sah auf Pete herab und sagte:»Wenn., wenn >Palindrome< in diesem Rennen stürzt, würdest du dann bitte Inspektor Lodge im Polizeirevier von Maidenhead anrufen und ihm Bescheid sagen?«

«Was zum Teufel.?«

«Versprich es zuerst«, sagte ich.

«Na schön. Aber ich begreif’s nicht. Du kannst es ihm ja selber sagen, wenn du willst, und außerdem wirst du nicht stürzen.«

«Nein, vielleicht nicht«, meinte ich.

«Wir sehen uns dann bei der Siegerparade«, sagte er und

schlug >Palindrome< aufs Hinterteil, als ich an den Start ritt.

Der Regen schlug uns ins Gesicht, als wir uns aufstellten. Das Startband ging hoch, und wir ritten los.

Zwei oder drei Pferde übersprangen das erste Hindernis vor mir, aber dann trieb ich >Palindrome< an die Spitze und gab sie nicht mehr ab.

Mit dem Gedanken an Bills Sturz hielt ich Ausschau nach einem Hürdenaufseher, der hinter einem der Hindernisse auftauchen mußte, sobald sich die Pferde näherten. Er würde den Draht entrollen, ihn hochziehen und befestigen. sobald ich das sah, wollte ich >Palindrome< zu früh abspringen lassen, damit er mit der Brust dagegenprallte, wenn er den höchsten Punkt der Sprungbahn bereits überschritten hatte. Dadurch bestand die Chance, daß er den Draht zerreißen würde und auf den Beinen bleiben konnte; wenn wir wirklich stürzten, dann keinesfalls so gefährlich wie Bill und >Admiral<.

Wir legten die Strecke das erstemal ohne Zwischenfall zurück. Ungefähr eine Meile vor dem Ziel hörte ich Hufgetrappel dicht hinter mir; ich sah mich um. Das Feld hing ziemlich weit zurück, aber zwei Reiter verfolgten mich entschlossen, und sie hatten uns fast erreicht.

Ich trieb >Palindrome< an. Er reagierte sofort, und wir gewannen fünf Längen Vorsprung.

Niemand überquerte die Rennbahn.

Ich sah keinen Draht.

Aber >Palindrome< prallte trotzdem dagegen.

Ohne die Pferde hinter mir wäre der Sturz nicht so schlimm gewesen. Ich fühlte den plötzlichen Stoß in >Palindromes< Beinen, als wir das letzte Hindernis auf der Gegengeraden übersprangen, und ich schoß wie eine Granate aus dem Sattel. Ein paar Meter weiter prallte ich mit der Schulter auf den Boden auf. Bevor ich mich mehrmals überschlagen hatte, setzten die anderen Pferde über das Hindernis. Wenn es ihnen möglich gewesen wäre, hätten sie ein Ausweichmanöver versucht, aber sie mußten um >Palindrome< herumkommen, der eben wieder auf die Beine wollte, und ich versperrte ihnen den Weg.

Die galoppierenden Hufe trafen meinen Körper. Eines der Pferde erwischte mich am Kopf, und mein Sturzhelm wurde so schwer beschädigt, daß er herunterfiel. In den nächsten furchtbaren Sekunden vermochte ich weder zu denken noch mich zu bewegen, aber ich spürte alles.

Als es vorbei war, lag ich auf dem nassen Boden, regungslos und betäubt; ich konnte weder aufstehen noch mich rühren. Ich lag auf dem Rücken, mit den Beinen in Richtung Hindernis. Der Regen prasselte auf mein Gesicht, tropfte durch mein Haar, und ich schien die Augen kaum offenhalten zu können. Durch einen engen Schlitz unter den regennassen Wimpern konnte ich am Hindernis einen Mann sehen.

Er kam nicht herüber, um mir zu helfen. Er rollte hastig den Draht auf. Als er den Innenpfosten erreichte, steckte er die Hand in die Tasche seines Regenmantels, holte ein Werkzeug heraus und schnitt den Draht ab. Diesmal hatte er seine Schere nicht vergessen. Er hängte sich die Drahtrolle über den Arm und sah zu mir herüber.

Ich kannte ihn.

Es war der Fahrer des Pferdetransportwagens.

Alle Farben schienen zu verblassen. Die Welt wurde grau, wie auf einem unterbelichteten Film. Das grüne Gras war grau, das Gesicht des Fahrers war grau.

Dann sah ich, daß noch ein Mann vom Hindernis her auf mich zukam. Auch ihn kannte ich, und er war kein Taxichauffeur. Ich war so froh, Hilfe gegen den Fahrer zu finden, daß ich vor Erleichterung hätte weinen können. Ich versuchte ihm zu sagen, daß er sich den Draht ansehen sollte, damit diesmal ein Zeuge vorhanden war. Aber ich konnte nicht sprechen.

Er kam herüber, stand neben mir und bückte sich. Ich versuchte zu lächeln und ihn zu begrüßen, aber kein Muskel rührte sich. Er richtete sich auf.

Über die Schulter sagte er zum Fahrer:»Er ist bewußtlos. «Er wandte sich wieder mir zu.

«Neugieriger Hund«, sagte er und stieß mich in die Seite. Ich hörte, wie meine Rippen krachten, und der Schmerz zuckte heiß durch meinen ganzen Körper.»Vielleicht kümmerst du dich von jetzt an um deine eigenen Angelegenheiten. «Er stieß wieder zu. Meine graue Welt wurde dunkler. Ich war fast bewußtlos, aber selbst in diesem schrecklichen Augenblick arbeitete ein Teil meines Gehirns weiter, und ich wußte, warum der Mann mit dem Draht nicht die Rennbahn überquert hatte. Es war gar nicht nötig gewesen. Er und sein Komplize hatten auf beiden Seiten des Hindernisses gestanden und den Draht hochgehoben. Ich sah, wie der Fuß ein drittesmal zurückgezogen wurde. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich meinen Augen näherte, immer mehr wachsend, so daß ich schließlich nichts anderes mehr sah.

Er traf mich im Gesicht, und ich verlor schlagartig das Bewußtsein.

Kapitel 12

Zuerst hörte ich wieder, ganz plötzlich, als hätte jemand einen Schalter betätigt.

Eine Frauenstimme sagte:»Er ist noch immer bewußtlos.«

Ich wollte ihr sagen, daß das nicht stimmte, aber es ging nicht.

Die Geräusche blieben: Rascheln, Rauschen, Klappern, fernes Gemurmel, das Gurgeln in den Wasserleitungen. Ich lauschte, aber ohne besonderes Interesse.

Nach einer Weile begriff ich, daß ich auf dem Rücken lag. Meine Glieder waren schwer wie Blei, alles schmerzte, und auf den Lidern schienen Tonnengewichte zu ruhen.

Ich fragte mich, wo ich wohl war. Dann fragte ich mich, wer ich sei. Ich konnte mich an nichts erinnern. Alles war zu anstrengend, und ich schlief wieder ein.

Als ich wieder erwachte, hatte man die Gewichte von meinen Augen genommen. Ich öffnete sie und fand mich in einem halbdunklen Zimmer. In einer Ecke erkannte ich ein Waschbecken. Daneben stand ein Tisch; dann gab es noch einen Sessel mit Holzlehnen, zu meiner Rechten ein Fenster, vor mir eine Tür.