Scilla und Polly schnalzten mit der Zunge und machten mitfühlende Bemerkungen, als ich mich aus dem Jaguar stemmte und langsam die Eingangstreppe hinaufstieg. Aber Henry, der mein schwarzgelb verfärbtes Gesicht mit der frischen Narbe interessiert beäugte, begrüßte mich mit den Worten:»Wie geht’s dem gräßlichen Ungeheuer aus dem Weltraum?«
«Hau bloß ab, Knirps«, knurrte ich, und Henry grinste fröhlich.
Um sieben Uhr abends, als die Kinder schon ins Bett gegangen waren, rief Kate an. Scilla und mein Vater beschlossen, ein paar Flaschen Wein aus dem Keller zu holen und ließen mich im Wohnzimmer ungestört mit ihr telefonieren.
«Was ist mit den Brüchen?«fragte sie.
«Heilt alles prima«, sagte ich.»Vielen Dank für Brief und Blumen.«
«Die Blumen waren Onkel Georges Einfall«, meinte sie.»Ich sagte, es sei wie zu einem Begräbnis, wenn er dir Blumen schickte, und das fand er so komisch, daß er beinahe erstickt wäre. Für mich war es gar nicht lustig, als ich von Mrs. Davidson erfuhr, daß es dich bald das Leben gekostet hätte.«
«Das stimmt ja gar nicht«, erklärte ich.»Scilla hat übertrieben. Trotzdem vielen Dank für die Blumen, ob der Einfall nun von dir oder von Onkel George stammt.«
«Ich hätte wohl Lilien schicken sollen, nicht Tulpen«, neckte mich Kate.
«Lilien kannst du beim nächsten Mal schicken«, erwiderte ich.
«Du lieber Himmel, wird es denn ein nächstes Mal geben?«
«Ganz sicher«, sagte ich fröhlich.
«Na schön«, meinte Kate,»dann werde ich einen Dauerauftrag erteilen.«
«Ich liebe dich, Kate«, sagte ich.
«Ich muß sagen, daß es recht angenehm ist, wenn einem das die Leute erzählen«, erwiderte sie.
«Leute? Wer hat es noch gesagt? Und wann?«fragte ich, das Schlimmste befürchtend.
«Nun ja«, erklärte sie nach einer winzigen Pause,»es war Dane.«
«Oh.«
«Sei nicht eifersüchtig«, mahnte sie.»Und Dane ist genauso schlimm wie du. Er macht jedesmal ein finsteres Gesicht, wenn er deinen Namen hört. Ihr seid beide recht kindisch.«
«Jawohl, gnädiges Fräulein«, sagte ich.»Wann sehen wir uns wieder?«
Wir verabredeten uns zum Essen in London, und bevor sie auflegte, sagte ich ihr noch einmal, daß ich sie liebte. Ich wollte eben den Hörer auf die Gabel legen, als ich ein sehr merkwürdiges Geräusch vernahm. Ein Kichern.
Sehr schnell unterdrückt, aber zweifellos ein Kichern.
Ich wußte, daß die Verbindung schon unterbrochen war, aber ich sagte in die Muscheclass="underline" »Bleib einen Augenblick dran, Kate, ich äh — möchte dir etwas vorlesen., aus der Zeitung. Ich bin gleich wieder hier. «Ich legte den Hörer auf den Tisch, verließ das Wohnzimmer, schlich die Treppe hinauf und platzte in Scillas Schlafzimmer.
Da standen die Verbrecher, dicht um den zweiten Telefonapparat geschart. Henry preßte den Hörer ans Ohr, Polly steckte mit dem Kopf bei ihm, und William starrte sie mit offenem Mund an. Sie trugen schon ihre Schlafanzüge.
«Was soll denn das heißen?«fragte ich mit strenger Miene.
«Du liebes Bißchen«, sagte Henry und ließ den Hörer aufs Bett fallen, als sei er ihm plötzlich zu heiß geworden.
«Alan!«stöhnte Polly und wurde rot.
«Wie lange habt ihr schon mitgehört?«fragte ich.
«Offen gestanden, von Anfang an«, erwiderte Polly beschämt.
«Henry hört immer mit«, sagte William stolz.
«Halt den Mund«, fuhr Henry dazwischen.
«Ihr kleinen Bösewichte«, sagte ich.
William schien beleidigt. Er sagte wieder:»Aber Henry hört doch immer mit. Bei allen Leuten. Er paßt auf, das ist doch gut, nicht wahr? Henry paßt immer auf, nicht wahr, Henry?«
«Halt den Mund, William«, fauchte Henry, der nun ebenfalls rot geworden war.
«Henry paßt also auf, soso?«wiederholte ich und machte ein finsteres Gesicht.
Ich trat auf sie zu, aber aus der Strafpredigt wurde nichts. Ich blieb plötzlich stehen und dachte nach.
«Henry, wie lange hörst du schon anderen Leuten beim Telefonieren zu?«fragte ich mild.
Er sah mich abwägend an. Schließlich sagte er:»Schon lange.«
«Seit Tagen? Wochen? Monaten?«
«Ach, schon ewig«, meinte Polly.
«Hast du jemals deinen Vater belauscht?«
«Ja, oft«, erwiderte Henry.
Ich schwieg eine Weile und betrachtete diesen zähen, aufgeweckten kleinen Jungen. Er war erst acht Jahre alt, aber wenn er die Antwort auf meine Fragen wußte, würde er auch erkennen, worauf alles hinauslief und dieses Wissen sein Leben lang mit sich herumtragen. Aber ich drängte weiter.
«Hast du ihn zufällig einmal mit einem Mann sprechen hören, der ungefähr diese Stimme hatte?«fragte ich. Dann sagte ich rauh und flüsternd:»Spreche ich mit Major Davidson?«
«Ja«, erwiderte Henry ohne zu zögern.
«Wann war das?«Ich war jetzt überzeugt davon, daß er das Telefongespräch belauscht hatte, das Bill als Witz vorgekommen war.
«Das war die Stimme, als ich Daddy zum letztenmal belauschte«, sagte Henry.
«Kannst du dich erinnern, was die Stimme gesagt hat?«
«O ja, es war ein Spaß. Als wir ins Bett gehen wollten, läutete das Telefon, und ich rannte hier herein und hörte wie gewöhnlich zu. Der Mann mit der komischen Stimme sagte: >Werden Sie >Admiral< am Samstag reiten, Major Davidson?<, und Daddy sagte ja. «Ich wartete, während sich Henry konzentrierte. Er fuhr fort:»Dann meinte der Mann mit der komischen Stimme: >Sie dürfen auf >Admiral< nicht gewinnen, Major Davidson. «Daddy lachte nur, und der Mann sagte: >Ich zahle Ihnen fünfhundert Pfund, wenn Sie mir versprechen, daß Sie nicht gewinnen.< Und
Daddy sagte, >gehen Sie zum Teufel<, und ich hätte beinahe gelacht, weil er uns immer verboten hat, so etwas zu sagen. Dann erklärte der andere Mann, er wolle nicht, daß Daddy gewinne und daß >Admiral< stürzen würde, wenn Daddy nicht mitmache. Daddy sagte: >Sie sind nicht ganz bei Trost.< Dann legte er auf, und ich lief in mein Zimmer, damit er mich nicht erwischte.«
«Hast du darüber zu deinem Vater gesprochen?«fragte ich.
«Nein«, erwiderte Henry offen,»das ist ja der Nachteil. Man darf ja nicht zeigen, daß man etwas weiß.«
«Ja, das kann ich verstehen«, sagte ich und unterdrückte ein Lächeln.
Henrys Augen wurden plötzlich größer, als er zu begreifen begann.»Es war kein Spaß, nicht wahr?«fragte er angstvoll.
«Nein.«
«Aber der Mann hat >Admiral< doch nicht stürzen lassen, oder? Er konnte doch nicht. oder?«sagte Henry verzweifelt.
«Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube nicht«, log ich. Aber Henry starrte mich an, als sähe er durch mich hindurch.
«Was ist denn los?«fragte Polly.»Ich verstehe gar nicht, warum sich Henry so aufregt. Nur weil jemand zu Daddy gesagt hat, daß er nicht gewinnen soll, braucht Henry doch nicht so ein Theater zu machen.«
«Kann er sich immer so gut an die Worte anderer Leute erinnern?«erkundigte ich mich bei Polly.»Es ist ja jetzt schon vier Wochen her.«
«Er hat sicher eine Menge vergessen, aber er erfindet nichts hinzu«, meinte Polly. Und sie hatte recht. Henry log sehr selten.
«Ich verstehe nicht, wie er das getan haben könnte«, sagte Henry bebend.
«Komm ins Bett und zerbrich dir nicht den Kopf darüber, Henry«, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie und ließ nicht mehr los, bis wir sein Zimmer erreicht hatten.
Kapitel 13
Als ich mich am nächsten Morgen mühsam anzog, läutete es, und wenige Augenblicke später erschien Joan, um mir zu verkünden, daß mich ein Inspektor Lodge zu sprechen wünsche.