«Ich bin gleich unten«, erwiderte ich und zerrte mein Hemd über den dicken Schulterverband. Die meisten Knöpfe brachte ich zu, verzichtete dafür aber auf eine Krawatte.
Der Klebro-Verband um meine Rippen kam mir sehr eng vor, es juckte mich überall, mein Kopf schmerzte, am ganzen Körper hatte ich noch blaue Flecken, zudem hatte ich schlecht geschlafen.
Ich nahm meine Socken, versuchte sie mit einer Hand anzuziehen, aber ich konnte mich einfach nicht tief genug bücken.
Der Anblick meines recht mitgenommenen, unrasierten Gesichts im Spiegel wirkte wenig erhebend.
Ich rasierte mich, so gut es eben ging, fuhr mit dem Kamm durchs Haar, stieg barfuß in die Hausschuhe, fuhr mit einem Arm in mein Jackett, hängte es über die andere Schulter und stakte nach unten.
Lodge machte ein sehr merkwürdiges Gesicht, als er mich sah.
«Wenn Sie lachen, >servier< ich Ihnen eine. Nächste Woche«, sagte ich.
«Ich lache nicht«, erwiderte Lodge, mit Mühe ein ernstes Gesicht bewahrend.
«Ich finde das gar nicht komisch«, erklärte ich mit Nachdruck.
«Verstehe.«
Ich funkelte ihn an.
Mein Vater, der hinter seiner Sonntagszeitung hervorlugte, meinte:»Ich glaube, du brauchst einen Kognak.«
«Es ist erst halb elf«, erwiderte ich verärgert.
«Bei Notfällen darf man auf die Uhrzeit keine Rücksicht nehmen«, sagte mein Vater und erhob sich. Er öffnete den Eckschrank, füllte einen Schwenker zu einem Drittel mit Kognak und überreichte ihn mir. Ich beschwerte mich, daß das zu stark sei, zu früh komme, und im übrigen bestünde kein Bedürfnis.
«Trink aus und halt den Mund«, sagte mein Vater.
Wütend nahm ich einen großen Schluck. Der Alkohol wärmte meinen leeren Magen.
«Hast du überhaupt schon gefrühstückt?«fragte mein Vater.
«Nein«, gab ich zurück.
Ich leerte das Glas. Der Alkohol wirkte schnell. Meine schlechte Stimmung verflog, und ein paar Minuten später fühlte ich mich wieder halbwegs auf dem Damm. Lodge und Vater beobachteten mich interessiert, als experimentierten sie mit einem Versuchstier.
«Na ja«, gab ich widerwillig zu,»jetzt fühle ich mich besser. «Ich nahm eine Zigarette aus dem silbernen Kästchen auf dem Tisch und zündete sie an. Ich bemerkte, daß die Sonne schien.
«Gut. «Mein Vater ließ sich wieder in den Lehnsessel sinken.
Er und Lodge waren anscheinend schon miteinander ins Gespräch gekommen, und der Inspektor hatte ihm unter anderem von meinem Abenteuer mit dem Pferdetransportwagen bei Maidenhead berichtet, was in den Briefen an meinen Vater bisher nicht enthalten gewesen war. Ich betrachtete das als Verrat schlimmster Sorte und machte auch keinen Hehl daraus; ich erzählte ihnen, wie Kate und ich den Transportwagen gefunden hatten.
Ich goß noch etwas Kognak in mein Glas und setzte mich auf die Fensterbank. Scilla war im Garten und schnitt Blumen. Ich winkte ihr zu.
Lodge nahm ein paar Unterlagen aus seiner Aktentasche. Er setzte sich an den Tisch und breitete sie aus.
«Mr. Gregory rief mich am Morgen nach Ihrem Sturz an und erzählte mir davon.«
«Warum hat er denn das getan?«fragte ich.
«Sie baten ihn darum«, sagte Lodge. Er zögerte zunächst und fuhr dann fort:»Ich habe von Ihrem Vater erfahren, daß Ihr Erinnerungsvermögen beeinträchtigt ist.«
«Ja. Das meiste ist mir jetzt wieder klar, aber ich kann mich nicht entsinnen, den Wiegeraum verlassen zu haben, noch weiß ich etwas vom Rennen oder vom Sturz. «Ich wußte nur noch, daß Sandy in den Regen hinausgegangen war.»Warum bat ich Pete, Sie von meinem Sturz zu verständigen?«
«Anscheinend dachten Sie, daß Ihnen etwas passieren würde. Inoffiziell habe ich mich deshalb um die Angelegenheit gekümmert. Ich besuchte Gregorys Stallungen und sah mir >Palindrome< an. Er hatte vorne eine schmale Wunde, und Sie dürfen einmal raten, woran er sich verletzt hat.«
«O nein«, sagte ich, weil ich es nicht glauben konnte.
«Ich erkundigte mich nach den Hindernisaufsehern«, meinte er.»Einer von ihnen war neu und der andere unbekannt. Er nannte sich Thomas Butler und gab eine Adresse an, die nicht existiert. Er erklärte sich freiwillig bereit, am fernsten Hindernis Dienst zu tun, wo Sie stürzten. Wegen des starken Regens und der beachtlichen Entfernung von den Tribünen nahm man sein Angebot gerne an. Dieselbe Geschichte wie in Maidenhead. Nur kassierte Butler diesmal seine Vergütung. Dann ließ ich mir von der Rennleitung die Erlaubnis geben, das Hindernis zu besichtigen, und an beiden Pfosten, in einer Höhe von etwa ein Meter fünfundneunzig, fand ich eine Rinne.«
Es blieb einige Zeit still.
«So, so, so«, sagte ich verblüfft.»Es sieht so aus, als hätte ich mehr Glück gehabt als Bill.«
«Es wäre mir angenehm, wenn Sie sich wenigstens zum Teil erinnern könnten. Wie kamen Sie auf den Verdacht, daß Sie stürzen würden?«fragte Lodge.
«Ich weiß es nicht.«
«Es muß sich abgespielt haben, als Sie am Sattelplatz waren. «Er beugte sich vor und sah mich erwartungsvoll an. Aber ich erinnerte mich an nichts, und es fiel mir sogar schwer, mich zu konzentrieren.
Ich sah hinaus in den friedlichen Garten. Scilla hatte einen Riesenstrauß Forsythien im Arm.
«Ich kann mich einfach nicht erinnern«, sagte ich.»Vielleicht fällt mir alles wieder ein, wenn mir mein Kopf nicht mehr weh tut.«
Lodge seufzte und lehnte sich zurück.»Sie werden sich wenigstens entsinnen können, daß Sie mich von Brighton aus anriefen, damit ich für Sie etwas herausfinden sollte?«
«Ja, allerdings«, sagte ich.»Sind Sie weitergekommen?«
«Es geht. Niemand scheint zu wissen, wem die Marconicars eigentlich gehören. Gleich nach dem Krieg übernahm sie ein Geschäftsmann namens Clifford Tudor.«
«Was?«fragte ich erstaunt.
«Clifford Tudor, respektabler Bürger Brigthons, britischer Staatsangehöriger. Kennen Sie ihn denn?«
«Ja«, erwiderte ich.»Er besitzt mehrere Rennpferde.«
Lodge nahm ein Blatt zur Hand.»Clifford Tudor, als Khroupista Thasos in Trikkala, Griechenland, geboren. 1939, als er fünfundzwanzig Jahre alt war, naturalisiert. Er begann als Koch, übernahm aber noch im selben Jahr auf Grund seiner Geschäftstüchtigkeit ein Restaurant. Nach dem Krieg verkaufte
er es mit großem Gewinn, verzog nach Brighton und kaufte für einen Pappenstiel ein altes Taxiunternehmen, das infolge der Kriegsbeschränkungen kaum Profite abgeworfen hatte. Vor vier Jahren verkaufte er, wieder mit Gewinn, die Taxis und steckte sein Geld ins Pavillon Plaza-Hotel. Er ist nicht verheiratet. Das Taxiunternehmen wurde Tudor von Strohmännern abgekauft, und von diesem Augenblick an läßt sich kaum noch etwas aufklären. Es hat so viele Eigentumsübertragungen von Firma zu Firma gegeben, daß niemand festzustellen vermag, wer jetzt der wirkliche Eigentümer ist. Alle geschäftlichen Angelegenheiten werden von einem Mr. Fielder erledigt. Er erklärte, daß er sich mit einer Person, die er den > Vorsitzendem nennt, telefonisch bespricht, aber dieser >Vorsitzende< rufe ihn jeden Morgen an. Der Vorsitzende heiße Claude Thiveridge, aber er kenne weder seine Adresse noch seine Telefonnummer.«
«Da ist doch etwas faul«, meinte mein Vater.
«Und ob«, sagte Lodge.»In ganz Kent, Surrey oder Sussex gibt es keinen Claude Thiveridge in den Wahllisten oder anderen amtlichen Zusammenstellungen, auch nicht beim Fernsprechdienst. Die Leute im Telefonamt sind der Meinung, daß mit dem Büro der Firma keineswegs an jedem Vormittag ein Ferngespräch geführt wird, aber dieser frühe Anruf gehört seit vier Jahren zur Tagesordnung. Da sich daraus ergibt, daß es sich um ein Ortsgespräch handeln muß, dürfte feststehen, daß Claude Thiveridge nicht der wirkliche Name dieses Herrn ist. «Lodge rieb sich das Genick und sah mich an.»Sie wissen viel mehr, als Sie bisher zugegeben haben, auch wenn man den Gedächtnisverlust einmal außer acht läßt«, monierte er.»Wollen Sie nicht so freundlich sein und endlich einmal auspacken?«