«Sie haben mir noch nicht gesagt, was die Polizei in Brighton von den Marconicars hält«, sagte ich.
Lodge zögerte.»Nun, man war ein bißchen empfindlich bei diesem Thema, möchte ich meinen. Man scheint sich verschiedentlich beschwert zu haben, aber Beweismaterial, das für eine Gerichtsverhandlung ausgereicht hätte, war wohl nicht vorhanden. Was ich Ihnen eben erzählt habe, ist das Ergebnis ihrer Nachforschungen im Laufe der vergangenen Jahre. Sehr viel Erfolg scheint man nicht gehabt zu haben.«
«Los, Alan«, meinte mein Vater trocken.»Wir wollen wissen, was da vorgeht.«
Lodge sah ihn überrascht an. Mein Vater lächelte.
«Mein Sohn ist ein zweiter Sherlock Holmes, wußten Sie das nicht?«fragte er.»Nachdem er sich nach England abgesetzt hatte, mußte ich einen Privatdetektiv anstellen, um weiterhin Betrugs- und Schwindelaffären aufdecken zu können. Wie einer meiner leitenden Angestellten sagte, besitzt Alan einen untrüglichen Instinkt, soweit es sich um Gauner handelt.«
«Alans untrüglicher Instinkt funktioniert nicht mehr«, meinte ich düster.
«Mach’s nicht so spannend, Alan«, mahnte mein Vater.»Sprich dich aus.«
«Na schön. «Ich drückte meine Zigarette aus.»Mir ist noch längst nicht alles klar«, erklärte ich,»aber zusammenfassend kann man wohl folgendes sagen: Die Marconicars betreiben seit den letzten vier Jahren Erpressungen in großem Stil, wobei sie vor allem auf kleinere Betriebe wie Cafes und Wirtschaften losgehen. Vor etwa einem Jahr gerieten sie infolge der Hartnäckigkeit eines der Wirte — er betreibt die >Blue Duck< — in erhebliche Schwierigkeiten. Er hetzte Schäferhunde auf die Kerle. «Ich erzählte meinem Vater und einem verblüfften Lodge, was Kate und ich in der Küche der >Blue Duck< erfahren hatten.»Ex-Stabsfeldwebel Thomkins beeinträchtigte die ungesetzlichen Profite der Marconicars so sehr, daß sich das Geschäft praktisch nicht mehr lohnte. Aber während des Winters scheint auch der legitime Betrieb keinen allzu großen Gewinn erzielt zu haben, wenn man den Stenotypistinnen Glauben schenken darf. Zu dieser Jahreszeit gibt es doch wohl zu viele
Taxis in Brighton. Ich habe jedenfalls den Eindruck, daß der Chef der Marconicars — ihr geheimnisvoller Claude Thiveridge — seinen Schwierigkeiten dadurch abhelfen wollte, daß er sich einer anderen Art von Verbrechen zuwandte. Ich nehme an, daß er die im selben Gebäude befindliche Buchmacherfirma kaufte. «Ich vermeinte, den Geruch nach Kohl in der Nase zu haben, als ich mich an das >Old Oake Cafe< erinnerte.»Eine ältere Dame erzählte mir, daß das Buchmacherunternehmen vor etwa sechs Monaten einen neuen Besitzer gefunden habe, daß aber der Name geblieben sei. L. C. Perth, in Neonbuchstaben. Sie regte sich maßlos über die Verschandelung dieses alten Gebäudes auf und hatte gemeinsam mit gleichgesinnten Leuten versucht, die neuen Eigentümer zur Abnahme der Reklameschrift zu bewegen. Allerdings konnten sie nicht erfahren, wer die jetzigen Besitzer waren. Es kann nichts mehr mit Zufall zu tun haben, wenn zwei unsolide Firmen mit unsichtbaren, nicht zu ermittelnden Eigentümern in ein und demselben Gebäude untergebracht sind. Sie müssen einer Person gehören.«
«Das läßt sich doch daraus nicht folgern. Ich verstehe auch gar nicht, worauf du hinauswillst«, meinte mein Vater.
«Das wirst du gleich sehen«, erwiderte ich.»Bill kam ums Leben, weil er sein Pferd nicht daran hindern wollte, ein Rennen zu gewinnen. Ich weiß, daß sein Tod nicht unbedingt geplant war, aber jedenfalls wandte man Gewalt an. Ein Mann mit flüsternder Stimme erklärte ihm telefonisch, daß er nicht gewinnen dürfe. Henry, Bills achtjähriger Sohn«- sagte ich zu Lodge —,»hat die Angewohnheit, am Nebenapparat mitzuhören, und er belauschte jedes Wort. Zwei Tage vor Bills Tod bot die Stimme fünfhundert Pfund, wenn Bill sein Pferd stehenlassen würde, und als Bill nur lachte, erklärte ihm die Stimme, daß >Admiral< dann eben stürzen müßte. «Ich schwieg, aber weder Lodge noch mein Vater sagten etwas. Ich leerte mein Glas und fuhr fort:»Ich kenne da einen Jockey namens Joe Nantwich, der während der vergangenen sechs Monate, also seitdem die Firma
L. C. Perth ihren Besitzer wechselte, regelmäßig hundert Pfund, manchmal sogar mehr, angenommen hat und dafür seine Pferde am Siegen hinderte. Joe bekommt seine Anweisungen telefonisch von einem Mann mit Flüsterstimme, den er nie gesehen hat. Ich wurde, wie ihr ja wißt, von den Marconicar-Fahrern überfallen, und ein paar Tage später rief mich der Mann mit der Flüsterstimme an, um mir mitzuteilen, daß ich die Warnung endlich zu beachten hätte. Man braucht kein Sherlock Holmes zu sein, um zu erkennen, daß die betrügerischen Rennen und die Erpressungen von ein und demselben Mann inszeniert wurden. «Ich schwieg.
«Weiter«, sagte mein Vater ungeduldig.
«Die einzige Person, die einem Jockey größere Beträge dafür bezahlen würde, daß er ein Rennen verliert, ist ein betrügerischer Buchmacher. Wenn er weiß, daß ein favorisiertes Pferd garantiert nicht gewinnt, kann er jeden Einsatz auf dieses Pferd ohne Bedenken annehmen.«
«Das müssen Sie mir näher erläutern«, meinte Lodge.
«Normalerweise versuchen die Buchmacher, ihre Konten so auszugleichen, daß sie gewinnen, gleichgültig, welches Pferd zuerst durchs Ziel geht«, erwiderte ich.»Wenn zu viele Leute auf ein bestimmtes Pferd setzen wollen, nehmen sie die Einsätze an, setzen aber auf dasselbe Pferd bei einem anderen Buchmacher. Wenn dieses Pferd dann siegt, kassieren sie ihre Gewinne bei dem zweiten Buchmacher und zahlen sie an ihre Kunden aus. Nehmen wir einmal an, Sie wären ein betrügerischer Buchmacher, und Joe hätte ein favorisiertes Pferd zu reiten. Sie bedeuten Joe also, daß er verlieren muß. Gleichgültig, wieviel dann bei Ihnen auf dieses Pferd gewettet wird, brauchen Sie sich nicht zurückzuversichern, weil Sie ja wissen, daß Sie nichts auszahlen müssen.«
«Ich hätte mir eigentlich gedacht, daß hundert Pfund diesen Gewinn übersteigen«, meinte Lodge,»weil die Buchmacher ja
üblicherweise einen Profit erzielen.«
Ich seufzte.»Natürlich ist noch ein bißchen mehr dran«, sagte ich.»Wenn ein Buchmacher weiß, daß er bei einem bestimmten Pferd nichts auszuzahlen braucht, kann er bessere Quoten offerieren. Natürlich nicht so, daß es auffällt, aber immerhin in dem Maße, daß eine Menge zusätzlicher Kunden gewonnen werden. Ein Punkt mehr als jeder andere würde genügen — sagen wir, elf zu vier, während das nächstbeste Angebot auf fünf zu zwei lautet. Glauben Sie nicht, daß da Geld hereinkäme?«Ich stand auf, ging zur Tür und sagte:»Ich werde euch etwas zeigen.«
Die Treppe kam mir steiler vor als sonst. Ich ging in mein Zimmer, holte den Rennalmanach und die Wettscheine. Das alles trug ich ins Wohnzimmer hinunter. Ich legte die Scheine vor Lodge auf den Tisch, und mein Vater kam herüber, um sie sich anzusehen.
«Das sind ein paar Wettscheine, die Bill seinen Kindern zum Spielen mitgebracht hat«, erläuterte ich.»Drei davon wurden von L. C. Perth ausgegeben, und alle anderen stammen von verschiedenen Buchmachern. Bill ging immer sehr methodisch vor. Auf die Rückseite der Scheine schrieb er das Datum, die Einzelheiten der Wette und den Namen des Pferdes, auf das er gesetzt hatte.«
Lodge drehte die drei Perth-Scheine um.
Ich nahm den ersten Schein und las vor:»>Peripathetic<. 7. November. Zehn Pfund auf elf zu zehn gesetzt. Für sein Geld hätte er also elf Pfund gewinnen müssen. «Ich öffnete den Almanach und blätterte den 7. November auf.
«>Peripathetic< verlor das Zweimeilen-Hindernisrennen in Sandown an diesem Tag um vier Längen. Er wurde von Joe Nantwich geritten. Die Anfangsquote lautete auf elf zu zehn dafür — das heißt, man muß elf Pfund setzen, um zehn zu gewinnen — und war anfangs sogar bei elf zu acht dafür gestanden. L. C. Perth muß also mit elf zu zehn dagegen ein Riesengeschäft gemacht haben.«