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Der Wiegeraum war leer, und dem Gemurmel der Zuschauer in der Ferne ließ sich entnehmen, daß das erste Rennen bereits lief. Clem begrüßte mich erfreut und schüttelte mir die Hand.

«Ich bin froh, daß Sie wieder da sind, Sir«, sagte er und nahm mir den Helm ab. Mit einem Kugelschreiber notierte er meinen Namen auf ein Stück Klebestreifen, den er dann auf den neuen Helm pappte.»Hoffentlich brauchen Sie nicht schon bald wieder einen.«

«Ich starte morgen wieder, Clem«, sagte ich.»Können Sie meine Sachen bringen? Ich nehme den großen Sattel. Das Gewicht spielt keine Rolle, ich reite >Admiral<.«

«Sie haben sicher drei oder vier Pfund verloren.«

«Um so besser«, meinte ich vergnügt und wandte mich zur Tür.

«Oh, einen Augenblick, Sir«, sagte Clem.»Ich soll Ihnen von Joe Nantwich ausrichten, daß er Ihnen etwas zu sagen hat.«

«So?«sagte ich.

«Er erkundigte sich schon am Samstag in Liverpool nach

Ihnen, aber ich wies ihn darauf hin, daß Sie wahrscheinlich hierher kommen würden, nachdem Mr. Gregory schon vorige Woche erwähnt hatte, daß Sie morgen >Admiral< reiten«, erwiderte Clem.

«Hat Ihnen Joe gesagt, worum es sich handelt?«

«Ja, er möchte Ihnen ein Stück Umschlagpapier zeigen, auf dem etwas geschrieben steht. Sie interessierten sich dafür, sagte er, obwohl ich mir das nicht vorstellen kann — auf dem Papier stand ein Wort, das mir ganz unverständlich war. Er zeigte es mir im Umkleideraum der Rennbahn von Liverpool, faltete das Papier dann zusammen und steckte es in die Brusttasche. Er kicherte die ganze Zeit. Wahrscheinlich hatte er etwas getrunken, aber da unterschied er sich nicht von den anderen Leuten. Es war ja nach dem Grand National. Er sagte, daß er das Geschriebene nicht verstehe, aber es könnte sich um einen Anhaltspunkt handeln. Er ließ sich nicht weiter aus, und ich hatte auch keine Zeit mehr.«

«Ich werde schon von ihm erfahren, worum es geht«, meinte ich.»Hat er das Papier eigentlich noch bei sich?«

«Ja. Er klopfte auf seine Tasche, als er mich vorhin fragte, ob Sie hier seien, und da hörte ich das Papier knistern.«

«Danke, Clem«, sagte ich.

Ich ging hinaus.

Sandy, der gerade vorbeikam, schlug mir auf die Schulter und meinte:»Freut mich, daß du wieder hier bist, wenn du auch aussiehst wie Narbengesicht persönlich. - Hast du Joe schon gesehen? Der Waschlappen schreit nach dir.«

«Ich hab’s gehört«, erwiderte ich.»Ich warte hier auf ihn.«

Ein paar Journalisten erkundigten sich bei mir nach meinen Plänen und machten über >Admiral< einige Notizen. Sir Creswell Stampe begrüßte mich mit hoheitsvollem Kopfnicken.

Meine Freude, wieder in der alten Umgebung zu sein, wurde durch den Anblick Danes etwas getrübt, der über den Rasen schlenderte und ernsthaft auf ein unglaublich hübsches Mädchen an seiner Seite einsprach. Sie wandte ihm das Gesicht zu und lachte fröhlich. Es war Kate.

Als sie mich sahen, beschleunigten sie ihre Schritte und kamen lächelnd auf mich zu. Kate, die sich schon vor ein paar Tagen beim Mittagessen an mein lädiertes Gesicht gewöhnt hatte, begrüßte mich mit einem fröhlichen:»Guten Tag, Alan«, ohne daß ich etwas von Liebe oder Sehnsucht darin gespürt hätte. Sie legte mir die Hand auf den Arm und schlug vor, daß ich mit ihr und Dane zum Wassergraben gehen sollte, damit wir von dort aus das zweite Rennen beobachten konnten. Ich warf einen Blick auf Dane. Er lächelte schwach; seine dunklen Augen ruhten forschend auf mir. In mir hatte sich alles zusammengekrampft, als ich ihn mit Kate zusammen gesehen hatte; jetzt wußte ich also genau, wie er mir gegenüber eingestellt war.

Es war ebenso aus Verlegenheit über das Abflauen unserer Freundschaft als der Wunsch, Claude Thiveridge auf den Fersen zu bleiben, daß ich sagte:»Ich kann nicht gleich mitkommen. Ich muß zuerst Joe Nantwich finden. Vielleicht später., wenn du dann noch willst?«

«Na schön, Alan«, sagte sie.»Vielleicht können wir später miteinander Tee trinken?«Sie ging mit Dane weg und sagte:»Wir sehen uns später«, wobei sie spöttisch lächelte.

Ich sah ihnen nach, vergaß, nach Joe Ausschau zu halten, und suchte noch einmal in den Wiege- und Umkleideräumen nach ihm. Er war nicht da.

Als ich wieder ins Freie trat, tauchte Pete auf und begrüßte mich überschwenglich.»Sie haben dich wieder ganz schön zusammengeflickt«, meinte er humorvoll.»Du kannst dich wahrscheinlich immer noch nicht richtig erinnern?«

«Nein«, erwiderte ich bedauernd.»Manchmal habe ich das Gefühl., aber es reicht nicht ganz.«

«Vielleicht ist das ganz gut«, meinte er beruhigend und wollte in den Wiegeraum gehen.

«Pete«, sagte ich,»hast du Joe irgendwo gesehen? Ich glaube, er hat nach mir gefragt.«

«Ja«, erwiderte er,»schon in Liverpool. Er wollte dir dringend etwas zeigen. Eine Adresse, glaube ich, die auf Packpapier geschrieben war.«

«Hast du sie gesehen?«fragte ich.

«Ja, aber er geht mir auf die Nerven, und ich habe nicht besonders aufgepaßt. Chichester hieß der Ort, glaube ich.«

«Weißt du, wo Joe jetzt ist?«fragte ich.»Ich warte schon eine ganze Weile auf ihn, aber er läßt sich nicht blicken.«

«Ja, ich habe ihn vor etwa zehn Minuten in der Bar gesehen«, sagte Pete verächtlich.

«Jetzt schon!«rief ich.

«Dieser Trunkenbold«, meinte er leidenschaftslos.»Ich würde ihm keines meiner Pferde anvertrauen, auch wenn er der einzige Jockey wäre, den es noch gibt.«

«Welche Bar war es?«fragte ich.

«Was? Ach so, die Bar hinter dem Tattersall, neben dem Toto. Er und noch ein Mann gingen mit dem massigen Kerl hinein, für den er reitet; heißt er nicht Tudor?«

Ich starrte ihn an.»Aber Tudor war doch in Cheltenham mit Joe fertig., es gab sogar einen Mordskrach.«

Pete zuckte die Achseln.»Tudor ging mit Joe in das Lokal, und der andere Bursche war nur ein paar Schritte dahinter. Vielleicht nur Zufall.«

«Vielen Dank jedenfalls«, sagte ich.

Man brauchte nur etwa hundert Meter zurückzulegen und um die Ecke zu biegen, um das Lokal zu erreichen, das Joe aufgesucht hatte. Es war eine lange Holzbaracke, die

unmittelbar an dem hohen Zaun stand, der die Rennbahnanlage von der Straße trennte. Ich drängte mich durch die Schar von Biertrinkern, aber Joe war nicht mehr da. Auch Clifford Tudor nicht.

Ich ging wieder hinaus. Das zweite Rennen mußte bald beginnen, und am Toto nebenan warteten ungeduldig die Leute. Männer hasteten über den Rasen auf die Tribünen zu. Im Totogebäude läuteten Glocken, und die Wartenden drängten nach vorn, um ihr Geld loszuwerden, bevor die Schalter geschlossen wurden.

Ich blieb unschlüssig stehen. Joe zeigte sich nirgends, und ich beschloß, ihn auf den Tribünen zu suchen. Ich warf noch kurz einen Blick in das Lokal, aber dort hielten sich nur drei Kellnerinnen auf.

Nur, weil ich so langsam ging, fand ich Joe.

Infolge der Straßenbiegung dahinter standen das Totogebäude und das Lokal nicht in gerader Linie nebeneinander. Die Lücke zwischen den Gebäuden war vorne schmal, sie betrug höchstens 40 Zentimeter, aber der Zwischenraum weitete sich, bis die Entfernung zwischen den Gebäudewänden am Zaun selbst eineinhalb Meter betrug.

Ich warf einen Blick hinein, als ich daran vorbeiging. Und da war Joe. Ich wußte das allerdings erst, als ich neben ihm stand.

Zuerst sah ich nur einen Mann in der Ecke liegen. Da ich dachte, er könnte krank, bewußtlos oder ganz einfach betrunken sein, ging ich hin.

Er lag im Schatten, aber irgend etwas an seiner Gestalt und seiner schlaffen Haltung ließ mich ihn plötzlich erkennen.

Er war am Leben, aber es hing an einem seidenen Faden. Hellrotes, schaumiges Blut rann ihm aus der Nase und dem Mundwinkel. Sein rundes, junges Gesicht wirkte immer noch beleidigt, als könne er gar nicht verstehen, was da mit ihm geschehen war.