Joe hatte ein Messer im Leib. Der dicke, schwarze Griff ragte aus seinem gelbweißkarierten Hemd.
Er hatte die Augen offen, aber sie waren bereits trübe geworden.
«Joe!«flüsterte ich. Er sah mich an und erkannte mich. Ein Muskel in seinem Gesicht bewegte sich; er öffnete den Mund. Mit letzter Kraft versuchte er zu sprechen. Plötzlich schoß ihm Blut aus der Nase, aus dem Mund. Er gab einen erstickten Laut von sich, und tiefes Erstaunen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Dann sank er zusammen, seine Augen rollten nach oben, und Joe war tot.
Ich drückte ihm die Lider zu und kauerte hilflos vor ihm.
Ich wußte, daß es nutzlos war, aber nach ein paar Augenblicken knöpfte ich sein Jackett auf und suchte in seinen Taschen nach dem braunen Papier, das er mir hatte zeigen wollen. Es war verschwunden, wie ich vermutet hatte. Jemand hatte dafür gesorgt, daß er es mir nicht mehr zu zeigen vermochte.
Ich stand auf und ging zu dem schmalen Eingang zurück. Niemand war in der Nähe. Die Stimme des Sprechers erklärte über den Lautsprecher, daß die Pferde sich dem zweiten Graben näherten; das Rennen war also schon zur Hälfte gelaufen, und ich mußte mich beeilen.
Ich rannte zum Büro der Rennleitung und riß die Tür auf. Ein grauhaariger Mann mit Brille, der an seinem Schreibtisch saß, sah überrascht auf. Es war der Sekretär der Rennleitung.
«Mr. Rollo ist nicht hier?«fragte ich unnötigerweise.
«Er beobachtet das Rennen. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
Mit kurzen Worten und in aller Ruhe erklärte ich ihm, daß Joe Nantwich erstochen zwischen dem Totogebäude und der Bar liege, ein Messer in der Lunge. Ich empfahl ihm, eine spanische
Wand zu beschaffen, die man vor der Lücke zwischen den beiden Gebäuden aufstellen konnte, da sonst jemand den Toten sehen würde, sobald die Zuschauer zum Lokal und zu den Auszahlungsschaltern strömten.
Der Mann machte große, ungläubige Augen.
«Es ist kein Witz«, sagte ich verzweifelt.»Das Rennen muß bald zu Ende sein. Verständigen Sie wenigstens die Polizei. Das übrige erledige ich. «Er rührte sich immer noch nicht.»Beeilen Sie sich schon«, schrie ich. Aber er hatte den Hörer noch nicht abgenommen, als ich die Tür schloß. Ich hastete zum Sanitätsraum, in dem zwei Krankenschwestern Tee tranken. Ich wandte mich an die jüngere.
«Stellen Sie die Tasse weg und kommen Sie sofort mit«, sagte ich. Ich nahm eine Tragbahre, die an der Wand lehnte, und als sie langsam die Tasse absetzte, fügte ich hinzu:»Bringen Sie eine Decke mit. Ein Mann ist verletzt. Bitte beeilen Sie sich.«
Die Krankenschwester verzichtete auf Einwendungen, nahm eine Decke und folgte mir.
Die Stimme des Sprechers wurde etwas lauter, als er das Finish kommentierte, und nach einer Pause wurde der Sieger angesagt. Ich erreichte die Öffnung zwischen den beiden Gebäuden, als die Namen der Zweit- und Drittplazierten bekanntgegeben wurden.
Einige Zuschauer kehrten schon zur Bar zurück. Ich warf einen Blick auf Joe. Niemand schien inzwischen hier gewesen zu sein.
Ich stellte die Tragbahre auf, um eine Art Abschirmung zu schaffen. Die Krankenschwester kam angekeucht. Ich nahm ihr die Decke ab und hängte sie über die Tragbahre, damit niemand in den Zwischenraum hineinsehen konnte.
«Passen Sie auf«, sagte ich mit erzwungener Beherrschung.»Zwischen den beiden Gebäuden liegt ein Mann. Er ist tot, nicht verletzt. Man hat ihn mit einem Messer ermordet. Bleiben Sie hier und lassen Sie niemand vorbei, bis ich mit einem Polizisten zurückkomme. Verstehen Sie mich?«
Sie schwieg, drehte die Tragbahre etwas zur Seite, damit sie hineinsehen konnte. Dann richtete sie sich kerzengerade auf und sagte fest:»Ich sorge dafür, daß niemand hineingeht.«
Ich eilte zum Büro der Rennleitung. Mr. Rollo war diesmal selbst anwesend, und nachdem ich ihm erzählt hatte, was geschehen war, rührte sich endlich etwas.
Es ist an einem Renntag immer schwierig, eine Stelle zu finden, wo man allein sein kann. Nachdem ich einen Polizisten zu Joe geführt hatte, brauchte ich ein paar Minuten.
Ich überquerte die Rennbahn und stakte durchs Gras zur Mitte der Anlage.
Die Frage, die sich mir stellte, war ganz einfach. Sollte ich weitermachen oder nicht? Ich bin kein Held. Ich wollte nicht auch noch mein Leben verlieren. Und jene Idee, die mir angesichts des toten Joe gekommen war, barg ein sehr großes Risiko in sich.
Die Pferde für das dritte Rennen gingen an den Start. Geistesabwesend sah ich hinüber. Das Rennen wurde gelaufen; die Pferde kehrten zum Sattelplatz zurück, und ich stand immer noch am selben Fleck. Schließlich trat ich auch den Rückweg an. Die Jockeys bestiegen bereits ihre Pferde für das vierte Rennen, und als ich den Wiegeraum erreichte, packte mich einer der Offiziellen beim Arm und sagte, daß mich die Polizei überall gesucht habe. Ich solle sofort ins Büro der Rennleitung kommen, um meine Aussage zu machen.
Ich ging hin und öffnete die Tür.
Mr. Rollo, klein und hager, lehnte mit gerunzelter Stirn am Fenster. Sein grauhaariger Sekretär saß immer noch fassungslos am Schreibtisch.
Der Polizeiinspektor, der sich unter dem Namen Wakefield vorstellte, hatte Mr. Rollos Tisch mit Beschlag belegt; er wurde von drei Wachtmeistern unterstützt. Einer davon war mit Notizblock und Bleistift ausgerüstet. Der Rennbahnarzt saß auf einem Stuhl an der Wand, neben ihm stand ein Mann, den ich nicht kannte.
Wakefield war schlecht auf mich zu sprechen, weil ich es gewagt hatte, in dieser Situation über eine halbe Stunde unauffindbar zu bleiben.
«Wenn Sie endlich soweit sind, Mr. York«, sagte er sarkastisch,»dann können wir vielleicht einmal Ihre Aussage aufnehmen.«
Ich sah mich langsam um und erwiderte dann:»Ich ziehe es vor, mit Ihnen allein darüber zu sprechen.«
Der grauhaarige, breitschultrige Inspektor brauste auf und stritt mit mir. Schließlich gingen aber alle und ließen mich mit Wakefield und einem Wachtmeister allein, der meine Aussage mitstenografieren sollte. Ich erzählte Wakefield genau, was vorgefallen war. Die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit.
Dann kehrte ich in den Wiegeraum zurück, und zu allen Leuten, die sich um mich drängten und einen Augenzeugenbericht verlangten, sagte ich, daß ich Joe lebend gefunden hatte. Ja, erklärte ich jedesmal, er hat noch etwas zu mir gesagt, bevor er starb. Was sei das gewesen? fragte man. Nun, es habe sich nur um ein paar Worte gehandelt, und ich zöge es vor, im Augenblick nicht darüber zu sprechen. Ich fügte hinzu, daß ich die Polizei noch nicht davon unterrichtet hätte, es aber nachholen würde, wenn ich es für wichtig genug hielte. Und ich machte ein nachdenkliches Gesicht, als hätte ich den Schlüssel zu der ganzen Affäre in der Hand.
Ich ging mit Kate zum Teetrinken, und Pete gesellte sich zu uns. Auch ihnen erzählte ich dieselbe Geschichte, ein wenig beschämt, aber ich wollte um jeden Preis vermeiden, daß sie der
Wahrheit entsprechend anderen Leuten mitteilten, Joe sei gestorben, ohne noch ein Wort zu sagen.
Kurz vor dem sechsten Rennen verließ ich die Bahn. Als ich mich am Tor noch einmal umsah, standen Wakefield und Clifford Tudor vor dem Büro der Rennleitung und schüttelten sich die Hände. Tudor, der mit Joe so kurz vor seinem Tode noch zusammengewesen war, hatte anscheinend >die Polizei bei ihren Nachforschungen unterstützte Zur Zufriedenheit, wie es schien.
Ich stieg in meinen Lotus und fuhr in westlicher Richtung davon. Ich ließ die Tachonadel auf über hundert Meilen klettern. Da konnte kein Wagen der Marconicars mit, dachte ich befriedigt. Um aber ganz sicherzugehen, daß ich nicht verfolgt wurde, hielt ich auf einer Anhöhe und beobachtete die Straße hinter mir mit dem Fernglas. Nichts rührte sich.
Ungefähr dreißig Meilen von der Rennbahn entfernt parkte ich vor einem Rasthaus und nahm mir für die Nacht ein Zimmer. Ich bestand auch darauf, daß der Wagen in eine verschlossene Garage gebracht wurde. Ich wollte kein Risiko eingehen.