Nach dem Essen ging ich auf mein Zimmer und schrieb meinem Vater einen Brief. Ich berichtete ihm von Joes Tod und schilderte, wie ich ihn benützen wollte, um Mr. Thiveridge aus seinem Versteck zu locken. Ich bat meinen Vater, mir das nicht übelzunehmen.
Ich tat den Brief in einen Umschlag, ging früh zu Bett und lag vor dem Einschlafen noch lange wach.
Auf dem Weg zurück zur Rennbahn am nächsten Morgen hielt ich an einem Postamt und gab den Brief per Luftpost auf. Außerdem kaufte ich mir für vier Shillinge Pennies und ließ sie mir in einer Rolle zusammenpacken. Ich nahm ein frisches Paar Socken aus meinem Koffer und steckte die schwere Rolle in einen davon, um ihn dann fest zuzuknoten. Ich schwang meinen kleinen Totschläger prüfend hin und her. Man mußte einen
Mann damit niederschlagen können, dachte ich. Ich steckte ihn in die Hosentasche und fuhr weiter. Am Rennplatz angekommen, fragte ich einen Wachtmeister, wo ich Inspektor Wakefield finden könne, wenn ich ihn brauchte. Der Wachtmeister erklärte, daß Wakefield im Revier sei und nicht vorhabe, an diesem Nachmittag die Rennbahn aufzusuchen, obwohl er schon in der Frühe hiergewesen sei. Ich bedankte mich, betrat den Wiegeraum und fragte ein paar Leute mit lauter Stimme, ob sie Inspektor Wakefield gesehen hätten, weil ich ihn wegen der letzten Worte Joes sprechen müßte.
Mit meinen Nerven stand es nicht zum besten. Ich rechnete damit, daß man mich an eine abgelegene Stelle bugsieren würde, aber ich hoffte, mit Hilfe meines selbstgefertigten Totschlägers den Angreifer unschädlich machen und Inspektor Wakefield übergeben zu können. Wakefield war alles andere als zimperlich, und mit ein bißchen Glück würde sich ein Hinweis darauf ergeben, wer Mr. Thiveridge eigentlich war.
Ich zog mich um, wog mich, plauderte mit den anderen Jockeys und wartete.
Nichts geschah. Niemand bat mich in eine Ecke, um private Angelegenheiten zu bereden, niemand zeigte besonderes Interesse daran, was Joe vor seinem Tode zu mir gesagt haben könnte. Natürlich war der Mord immer noch Hauptgesprächsthema, aber im Laufe des Tages gewann doch das Interesse an den lebendigen Pferden für die Leute im Wiegeraum die Oberhand.
>Admiral< war für das fünfte Rennen gemeldet. Nach dem vierten Rennen hatten sich meine Nerven beruhigt; meine gespannte Erwartung war ruhiger Überlegung gewichen. Ich hielt mich jetzt schon drei Stunden hier auf, und noch nichts war gegen mich unternommen worden.
Nicht zum erstenmal dachte ich, daß in Thiveridges Organisation zwischen Ursache und Wirkung immer eine längere Pause lag. Joes Tod war erst zwei Tage, nachdem er das braune Papier in Liverpool hergezeigt hatte, eingetreten. Ich hatte in Cheltenham von dem Draht erzählt und war erst zwei Tage später gewarnt worden. Man hatte meinen Sturz in Bristol zwei Tage nach meinem Besuch im Büro der Marconicars arrangiert.
Ich begann zu argwöhnen, daß das Funktionieren der Organisation immer noch auf den täglichen Anruf Thiveridges bei Fielder abgestellt war und daß Fielder keine Möglichkeit hatte, dieses Verfahren zu beschleunigen. Deprimiert kam ich zu der Auffassung, daß meine sorgfältig einstudierten Lügen jene Ohren gar nicht erreicht hatten, für die sie bestimmt waren. Ich ging zum Sattelplatz, wo >Admiral< und Pete auf mich warteten.
«Er ist in Bestform, obwohl er seit Maidenhead nicht mehr startete«, sagte Pete.»Du kannst das Rennen nicht verlieren, also mach am Anfang langsam und gewöhne dich an ihn. Du wirst feststellen, daß er eine Menge in Reserve hat. Bill nahm ihn immer gleich zu Anfang an die Spitze, aber das ist nicht nötig. Er schafft es auch vom letzten Hindernis ab.«
«Verstehe«, sagte ich. Pete half mir in den Sattel.»>Admiral< ist wieder Favorit«, sagte er.»Wenn du das Rennen verschenkst, bringt dich das Publikum um. «Er grinste.
«Ich werd’s schon schaffen«, meinte ich.
>Admiral< war so herrlich zu reiten, wie er aussah. Er sprang stets genau im richtigen Augenblick ab; man brauchte ihm keine Hilfen zu geben. Es war ein reines Vergnügen, ihn zu reiten. Petes Rat befolgend, blieb ich die ganze Zeit auf gleicher Höhe mit den anderen, aber am letzten Hindernis trieb ich >Admiral< an. Er flog über das Hindernis, schoß davon, ließ die anderen Pferde stehen und gewann spielend.
Als ich abstieg und die Sattelgurte löste, sah ich, daß >Admiral< kaum schneller atmete als vor dem Rennen. Ich tätschelte ihn, bemerkte, daß er kaum schwitzte, und fragte Pete:»Was schafft er denn um Himmels willen, wenn er sich einmal richtig anstrengt?«
«Das National, ohne Frage«, meinte Pete, wiegte sich auf den Absätzen und ließ die Gratulationen der Umstehenden über sich ergehen.
Ich grinste, nahm den Sattel unter den Arm und verschwand im Wiegeraum, um mich nach dem Wiegen umzuziehen.
Pete rief mir nach, ich sollte mich beeilen, also zog ich mich schnell um und ging mit ihm zur Bar. An der Lücke zwischen den beiden Gebäuden blieben wir stehen und sahen hinein. Man hatte davor einen schulterhohen Holzzaun errichtet.
«Eine furchtbare Geschichte«, sagte Pete, als wir das Lokal betraten.»Was hat er dir eigentlich vor seinem Tod noch erzählt?«
«Wir sprechen ein andermal darüber«, sagte ich.»Jetzt interessiert mich vielmehr, wo >Admiral< in der nächsten Zeit startet. «Und über unseren Drinks wurde nur von Pferden gesprochen.
Als wir zum Wiegeraum zurückkehrten, erwarteten uns zwei Männer in Regenmänteln. Man sah ihnen schon von weitem an, daß sie Kriminalbeamte waren. Einer von ihnen zog einen Ausweis aus der Tasche und zeigte ihn mir kurz.
«Mr. York?«
«Ja.«
«Beste Grüße von Inspektor Wakefield, und Sie möchten doch zum Polizeirevier mitkommen, weil er Sie noch einiges zu fragen hat.«
«Gut«, sagte ich und bat Pete, sich mit Clem wegen meiner Sachen in Verbindung zu setzen.
«Natürlich«, sagte er.
Ich ging mit den beiden Männern zum Ausgang.
«Ich hole meinen Wagen vom Parkplatz und folge Ihnen dann
«An der Straße wartet ein Dienstwagen auf uns, Sir«, meinte der Größere.»Inspektor Wakefield hat uns aufgetragen, Sie mitzubringen, und wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir, möchte ich es schon lieber so machen, wie er es haben will.«
Ich grinste. Das konnte ich verstehen.»Na schön«, meinte ich.
Draußen vor dem Tor war ein großer schwarzer Wolseley geparkt, ein uniformierter Fahrer stand daneben, ein Mann mit Mütze saß auf dem rechten Vordersitz.
Zu meiner Rechten, vor den Reihen geparkter Pferdetransportwagen, wurden einige Pferde aus >Admiral s< Rennen hin und her geführt, damit sich die Steifheit aus ihren Beinen verlor, ehe man sie zur Heimreise verlud. >Admiral< war unter ihnen; Victor, sein Stallbursche, marschierte stolz neben ihm her.
Ich erzählte dem Mann zu meiner Rechten, dem kleineren, daß dort mein Pferd sei, als ich einen solchen Schock erlitt, daß mir der Atem wegblieb. Um mich nicht zu verraten, ließ ich mein Fernglas fallen und bückte mich langsam, um es wieder aufzuheben, während meine Begleiter auf mich warteten. Ich hängte mir das Glas über die Schulter, richtete mich auf und sah in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Vierzig Meter trennten uns von der letzten Parkreihe. Niemand war in der Nähe. Ich sah auf die Uhr. Das letzte Rennen mußte eben beginnen.
Ich drehte mich langsam herum, ließ meinen Blick an dem Mann zu meiner Rechten vorbei hinüber zu >Admiral< gleiten, der sich jetzt von mir entfernte. Wie stets nach dem Rennen war er in eine Decke gepackt, damit er sich nicht zu schnell abkühlte, und er trug noch immer sein Zaumzeug.
Der große Nachteil bei Victor war, daß er nicht gerade zu den Schnelldenkern zählte. Er besaß ein instinktives Gespür für Pferde und eine unglaubliche Geschicklichkeit im Umgang mit
ihnen, aber in anderen Dingen konnte man sich nicht auf ihn verlassen.