«Victor«, rief ich, und als er sich umdrehte, bedeutete ich ihm durch Gesten, >Admiral< zu mir zu führen.
«Ich möchte nur nachsehen, ob seine Beine in Ordnung sind«, erklärte ich den beiden Männern. Sie nickten und warteten neben mir; der größere trat von einem Fuß auf den anderen.
Ich wagte nicht, ein drittes Mal hinzusehen, und außerdem wußte ich, daß ich mich nicht getäuscht hatte.
Der Mann zu meiner Rechten trug die Krawatte, die ich außerhalb Maidenheads im Pferdetransportwagen verloren hatte.
Ich hatte sie zum 21. Geburtstag von einem Textilfabrikanten geschenkt bekommen, der mit meinem Vater einen Abschluß zu tätigen wünschte. Das Muster war unverwechselbar.
Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, daß ein junger Kriminalbeamter auf ehrliche Weise zu meiner Krawatte gekommen war, fragte ich mich. Farmer Lawson hatte sie nicht gefunden, und auch keiner seiner Arbeiter gab zu, sie gesehen zu haben. Es war zuviel des Zufalls, daß sie bei einem Mann auftauchte, der mich in einen Wagen bat, um mit mir davonzufahren.
Hier war der Angriff, auf den ich gewartet hatte, und beinahe wäre ich blindlings in die Falle gelaufen. Es würde nicht einfach sein, jetzt einen Ausweg zu finden. Der >Dienstwagen< stand kaum zwanzig Schritte vor uns; der Fahrer sah in unsere Richtung.
Wenn ich nur im geringsten andeutete, daß mir Zweifel gekommen waren, würden mich die drei in den Wagen stoßen und davonbrausen, so daß nur Victor zurückblieb, auf den kein Verlaß war. Dann blieb mir keine Hoffnung. Von solchen Fahrten kehrte man nicht zurück.
Mein Plan, Wakefield einen mutmaßlichen Mörder vorzuführen, taugte nichts. Mit einem Mann wäre ich noch fertig geworden, aber nicht mit dreien, und überdies saß noch ein vierter im Wagen. Als Victor noch etwa fünfzehn Schritte von mir entfernt war, ließ ich den Riemen meines Feldstechers über die Schulter, den Arm hinunter, in meine Hand gleiten. Plötzlich schwang ich mit ganzer Kraft das Fernglas wie eine Bola um die Beine des Größeren, so daß er das Gleichgewicht verlor und stürzte, warf den Kleineren mit dem einzigen Judogriff, den ich kannte, zu Boden, und rannte auf >Admiral< zu.
Die fünf Sekunden, die sie brauchten, um sich von dem unerwarteten Angriff zu erholen, genügten mir. Als sie mir mit entschlossenen Gesichtern nachsetzten, sprang ich auf >Admirals< Rücken, ergriff die Zügel und wendete auf der Hinterhand.
Der dritte Mann rannte vom Wagen auf mich zu. Ich brachte >Admiral< in leichten Galopp, wich dem herankommenden Chauffeur aus und ritt auf die den Parkplatz begrenzende Hecke zu. >Admiral< übersprang sie mit einem mächtigen Satz und landete auf dem Grasrand der Straße, wenige Meter von dem schwarzen Wagen entfernt. Der vierte Mann öffnete die Tür und stieg aus.
Victor stand da wie eine Salzsäule und riß den Mund auf. Die drei Männer rannten auf das Tor zu. Sie hatten es beinahe erreicht. In der Hand des Mannes, der meine Krawatte trug, blitzte etwas auf. Es war nicht der richtige Augenblick, herauszufinden, ob das Blitzen von einem Messer stammte, wie es für die Ermordung Joes benützt worden war, aber er holte plötzlich aus und warf es nach mir. Ich ließ mich nach vorne auf den Hals meines Pferdes fallen, und das Messer verfehlte mich. Ich hörte, wie es auf der Straße aufschlug.
Ich trieb >Admiral< quer über die Straße, ohne mich um die quietschenden Bremsen eines Lastwagens zu kümmern, und er setzte mit einem Sprung über den Zaun ins angrenzende Feld. Der Boden stieg hier steil an, so daß ich die Straße und den
Parkplatz wie auf einem Modell überblicken konnte, als ich anhielt und mich umsah.
Victor stand immer noch da und kratzte sich am Kopf. Ich fragte mich, wie lange es dauern würde, ehe er Pete Bescheid sagte.
Sobald das letzte Rennen vorbei war, würden sich auf dem Parkplatz die Leute drängen und die Wagen in langer Reihe das Tor passieren. Dann mußte es mir gelingen, ungefährdet zum Rennplatz zurückzukehren.
In diesem Augenblick hielt wieder ein schwarzer Wagen hinter dem Wolseley, dann noch einer, und immer wieder einer, bis eine Reihe von acht oder mehr Fahrzeugen an der Straße stand.
Es waren Marconicars.
Kapitel 15
Alle Fahrer stiegen aus ihren Taxis und gingen zum Wolseley. Sie standen um den Wagen herum, und ich saß auf >Admiral< und beobachtete sie. Sie schienen es nicht eilig zu haben, aber ich hatte keinen Zweifel, was geschehen würde, wenn sie mich faßten.
Meine Lage war günstig. Sie konnten mit den Taxis nicht die Wiese hinauffahren, weil es unten kein Gatter gab, noch vermochten sie mich zu Fuß zu erreichen. Ich war immer noch davon überzeugt, bei Beendigung des Rennens meinen Gegnern ausweichen und zum Rennplatz zurückkehren zu können.
Zwei Dinge geschahen, die das Bild rasch veränderten.
Die Männer deuteten an mir vorbei. Ich sah nach rechts und erkannte einen Wagen, der auf der anderen Seite der Hecke die Anhöhe hinunterfuhr. Dort gab es also eine Straße. Als ich mich noch weiter herumdrehte, sah ich zum erstenmal ein großes Gebäude mit Anbauten und Gärten.
Drei Taxis lösten sich aus der Reihe und befuhren die Straße zu meiner Rechten, wo sie sich in bestimmten Abständen aufstellten. Ich hatte jetzt Taxifahrer vor mir und zur Rechten, außerdem das große Haus hinter mir, aber ich machte mir noch immer keine Sorgen.
Dann tauchte wieder ein Marconicar auf und hielt vor dem Wolseley. Ein stämmiger Mann stieg aus. Er marschierte über die Straße, blieb an der Hecke stehen und deutete mit ausgestrecktem Arm zu mir herauf. Ich fragte mich noch nach dem Grund, als eine Kugel in ungefährer Höhe meiner Füße vorbeipfiff. Der Schuß war nicht zu hören.
Als ich >Admiral< wendete, um über die Wiese
davonzugaloppieren, schlug eine Kugel im Boden vor mir ein. Entweder ließ eine Waffe mit Schalldämpfer auf diese Entfernung kein genaueres Zielen zu, oder. ich begann zu schwitzen. der Schütze zielte absichtlich tief, nicht auf mich, sondern auf >Admiral<.
Die Wiese war nur acht oder zehn Morgen groß, bot also keine Sicherheit. Ich verschwendete wertvolle Augenblicke, als ich das Pferd zum Stehen brachte und mir die Hecke auf der anderen Seite des Feldes ansah. Sie war in halber Höhe mit Stacheldraht durchzogen. Über meine Schulter konnte ich den Mann mit der Pistole die Straße entlanglaufen sehen, die parallel zu meiner Fluchtrichtung verlief.
Ich nahm >Admiral< ein bißchen zurück, ritt dann auf die Hecke zu und trieb ihn zum Sprung an. Er überwand sie glatt, ohne auch nur einen Zweig zu berühren. Wir landeten auf einer anderen Wiese, die einer Kuhherde als Weide diente, aber wieder zu klein und zur Straße hin offen war.
Außerdem hatte man die Hecke hier reich mit Stacheldraht garniert. Alle Weiden besitzen jedoch ein Gatter, und ich fand es in der gegenüberliegenden Ecke, öffnete es, lenkte >Admiral< auf die nächste Wiese.
Sie war nur mit Draht eingezäunt, und ich beschloß, den Abstand zwischen mir und meinen Verfolgern so schnell wie möglich zu vergrößern, weil es für meinen Geschmack hier zu viel Stacheldraht gab. Wenn ich es zuließ, daß mir die Taxifahrer langsam von Grundstück zu Grundstück folgten, konnte ich mich plötzlich in einer Klemme befinden, wo selbst >Admirals< Sprungkraft nicht mehr ausreichte.
Ich war froh, daß die Sonne schien, weil ich so wenigstens zu entscheiden vermochte, in welcher Richtung ich mich bewegte. Da ich sowieso schon nach Osten ritt und ein bestimmtes Ziel immer Antrieb gibt, beschloß ich, >Admiral< in seinen Stall in Petes Gestüt zu bringen.
Dazu mußte ich etwa zwölf Meilen zurücklegen, und ich versuchte mich zu erinnern, wie die Landschaft hier aussah. Ich wußte, daß es in nicht allzu großer Entfernung Waldungen gab. Dann ging es wieder über Wiesen bergab, bevor man den kleinen Ort erreichte, wo Pete seine Pferde ausbildete. Über die Straßen in diesem Gebiet war ich nur sehr wenig unterrichtet, und man würde mich von einem Marconicar jederzeit entdecken können.