Es war düster unter den hohen Fichten. Man hatte sie dicht nebeneinander wachsen lassen, damit sie in die Höhe strebten, und die Wipfel vereinigten sich weit droben zu einem Dach, durch das kaum Licht drang. Ich stieg ab und führte >Admiral< tief in den Wald hinein. Es war sehr still und dunkel. Nicht einmal Vögel zwitscherten. Wir wanderten weiter. Auf dem Waldboden verklangen sogar die Hufschläge >Admirals<.
Wir stießen auf eine Lichtung. Sie war sehr schmal. Ich knotete die Zügel um einen Baum und ging alleine weiter. Am Rande des Weges blieb ich stehen und sah mich um. Es war hier wesentlich heller, und ich konnte ein paar hundert Meter weit sehen. Niemand zeigte sich.
Ich ging zurück, band >Admiral< los und führte ihn über die Lichtung. Es gab keinen Überfall. Wir marschierten weiter. >Admiral< hatte schon längst zu schwitzen begonnen, und die ganze Decke war feucht. Jetzt, da er abkühlte, war es nicht gut für ihn, daß er sie umbehalten mußte, aber ich hatte ja nichts Trockenes. Ich entschied, daß eine feuchte Decke immer noch besser war als gar keine, und stapfte weiter. Nach einer Weile hörte ich Ver kehrslärm, ein gelegentliches Hupen, und sobald ich die Straße in der Ferne sehen konnte, band ich >Admiral< an einen Baum und ging wieder alleine weiter. Das Ende der Pflanzung wurde durch einen Zaun angezeigt, der nur aus zwei starken Drähten bestand. Ich machte mich ziemlich nahe an den Zaun heran, legte mich auf den Boden und kroch weiter, bis ich die Straße überblicken konnte. Nur von Zeit zu Zeit kamen Autos vorbei.
Gegenüber gab es keine Forstpflanzungen, auch keine Zäune. £s war natürlich gewachsenes Land, mit einer Mischung aus Bäumen, Rhododendronsträuchern und Brombeerbüschen. Wenn ich dort hinüber könnte, würde mich niemand mehr finden.
Ein schwerer Lastwagen fuhr eineinhalb Meter vor meiner Nase entfernt vorbei, eine große Wolke Auspuffgas ausstoßend. Ich steckte das Gesicht in den Nadelboden und hustete. Zwei Limousinen rauschten vorbei, gefolgt von einem Omnibus. Zwei Schulmädchen radelten an mir vorüber, ohne mich zu bemerken, und als ihre schnatternden Stimmen verklungen waren, wollte ich mich hochstemmen und zu >Admiral< zurückkehren. In diesem Augenblick tauchten vorne an der Kurve zwei Marconicars auf. Ich warf mich wieder hin und rührte mich nicht. Sie fuhren langsam an mir vorbei, und obwohl ich nicht aufsah, nahm ich an, daß sie angestrengt in den Wald starrten. Hoffentlich war >Admiral< von hier aus nicht zu erkennen.
Die Marconicars überquerten die Straße und hielten, kaum fünfundzwanzig Meter von mir entfernt. Die Fahrer stiegen aus und knallten die Tür zu. Ich riskierte einen Blick. Sie zündeten sich Zigaretten an, lehnten an ihren Wagen und unterhielten sich.
Sie hatten weder mich noch >Admiral< gesehen. Noch nicht.
Aber sie schienen es nicht eilig zu haben. Ich sah auf die Uhr. Sechs. Eineinhalb Stunden waren vergangen, seit ich mich vom Rennplatz entfernt hatte. Es würde höchstens noch eine Stunde hell bleiben. Sobald es dunkel wurde, mußte ich mit >Admiral< die Nacht im Wald verbringen, weil er kein Hindernis übersprang, das er nicht zu sehen vermochte.
Aus einem der beiden Taxis drang ein klirrendes Geräusch. Der Fahrer steckte die Hand durchs Fenster und holte ein Handmikrophon heraus. Diesmal konnte ich hören, was er sagte.
«Ja, wir sind hier. Nein, er hat sie noch nicht überquert. «Wieder quakte das Funkgerät, und der Chauffeur erwiderte:»Ja, ich bin sicher. Ich melde mich sofort, wenn wir ihn sehen. «Er legte das Mikrophon wieder in den Wagen.
Mir kam eine Idee, wie ich mir diese Menschenjagd zunutze machen konnte.
Langsam rutschte ich in den Wald zurück, ohne den Kopf zu heben. Es war sehr unangenehm, auf dem Bauch dahinzukriechen, aber wenn ich aufstand, würden mich die Fahrer sehen. Als ich mich schließlich ungefährdet erheben konnte, war mein Anzug von oben bis unten beschmutzt. Ich säuberte mich, so gut es ging, und band >Admiral< los.
Wir setzten uns in westliche Richtung in Bewegung, blieben aber weit genug von der Straße weg, damit wir nicht gesehen wurden. Ein paar hundert Meter weiter entdeckte ich wieder einen Marconicar am Straßenrand. Ich kehrte um und sammelte einen Arm voll dürrer Zweige. Auf halbem Wege zwischen den beiden Taxis, wo sie beide außer Sichtweite waren, führte ich >Admiral< zum Drahtzaun, damit er ihn sich ansehen konnte. Im Schatten der Bäume ließ er sich nicht allzu deutlich erkennen. Ich steckte die dürren Zweige zur Markierung in den Boden, sprang dann auf >Admirals< Rücken, richtete ihn zum Zaun und wartete, bis ein schweres Fahrzeug erschien. Wenn alles still war, würde man die Huf schlage auf der Teerdecke deutlich vernehmen, und die Taxifahrer zu beiden Seiten der Kurve durften uns nicht hören. Je länger sie mich im Fichtenwald glaubten, desto besser.
Ein Motorrad fegte vorbei, und ich zwang mich zur Ruhe. Endlich erschien ein großer Lastwagen, der mit leeren Milchflaschen beladen war. Ich hätte mir nichts Besseres wünschen können.
Ich trieb >Admiral< an, er setzte über den Zaun, galoppierte über die Straße, und Augenblicke später waren wir sicher hinter dem Gebüsch auf der anderen Seite gelandet.
Ich hielt hinter dem ersten großen Rhododendronstrauch an, stieg ab und lugte auf die Straße.
Ich hatte keine Sekunde zu früh gehandelt. Einer der Marconicars rollte hinter dem Milchwagen her; der Fahrer starrte angestrengt in den Wald.
Wenn ein Fahrer annahm, daß ich mich noch dort aufhielt, so glaubten das alle. Ich führte >Admiral< ein Stück, bis ich ohne Gefahr aufsteigen konnte, dann trabten wir langsam dahin. Es gab hier zahlreiche Vertiefungen und Erhöhungen, die mit Brombeerbüschen, kleinen Nadelbäumen und den braunen Überresten von großen Farnen bewachsen waren, deshalb überließ ich es dem Pferd, sich selbst einen Weg zu suchen, während ich mir überlegte, was ich unternehmen sollte.
Ich hatte etwa eine Meile zurückgelegt, als wir wieder auf eine Straße stießen. Ich folgte ihr in nördlicher Richtung, ohne jedoch allzu nahe heranzugehen. Ich machte jetzt selbst Jagd. Auf ein einzelnes Taxi.
>Admiral< ging geräuschlos auf dem weichen Boden dahin. Plötzlich hörte ich das nun schon vertraute Quaken eines Funkgerätes und die Stimme eines Fahrers. Ich hielt an, stieg ab und band >Admiral< an einen jungen Baum. Dann kletterte ich hinauf. Vor mir sah ich einen Wegweiser, neben dem ein Marconicar stand, von dem nur das Dach und die obere Hälfte
Ich kroch wieder von dem Baum herunter und tastete in meiner Tasche nach meinem selbstgefertigten Totschläger. Ich fand auch zwei Zuckerstücke, die ich >Admiral< gab.
Ich erreichte die Kreuzung, ohne gesehen zu werden, aber als ich vom Inneren eines alten Rhododendronstrauches hinaussah und das Taxi deutlich erkennen konnte, saß der Fahrer nicht im Wagen. Es war ein junger, bleichgesichtiger Mann in einem hellblauen Anzug, und er stand mitten auf der Kreuzung, starrte in alle vier Richtungen, sah nichts und gähnte.
Das Funkgerät krächzte wieder, aber er kümmerte sich nicht darum. Ich hatte vorgehabt, mich zu seinem Taxi zu schleichen und ihn niederzuschlagen, bevor er mein Auftauchen melden konnte, aber jetzt wartete ich und verfluchte ihn.
Er putzte sich die Nase.
Plötzlich ging er auf mich zu.
Einen Augenblick lang nahm ich an, daß er mich gesehen hatte, aber er blieb vor einem Brombeerstrauch stehen, drehte mir den Rücken zu und verrichtete seine Notdurft. Es schien unfair, einen Mann in einem solchen Augenblick zu überfallen, und ich weiß, daß ich gelächelte habe, als ich mein Versteck verließ; diese Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen.
Ich machte drei schnelle Schritte, holte aus und schlug zu, genau auf den Hinterkopf. Er brach zusammen, ohne einen Laut von sich zu geben.
Ich packte ihn unter den Armen und zerrte ihn zu der Stelle, wo ich >Admiral< zurückgelassen hatte. Hastig riß ich die Borte von der Pferdedecke und prüfte ihre Festigkeit. Sie schien allerhand auszuhalten. Ich fischte mein Messer aus der Hosentasche, schnitt die Borte in vier Stücke und fesselte damit den Fahrer an Händen und Knien. Dann zerrte ich ihn zum Baum und band ihm die Handgelenke zusammen. Mit dem vierten Stück der Borte fesselte ich ihn an den Baumstamm.