«Ihr Onkel George scheint ein faszinierender Mann zu sein«, erwiderte ich.
«Aber es ist ein wenig anstrengend, mit ihm zusammenzuleben.«
«Sie wohnen bei ihm?«fragte ich.
«O ja. Meine Eltern ließen sich vor langer Zeit scheiden. Wo sie heute sind, weiß niemand.«
«Das tut mir leid.«
«Nicht nötig, ich kann mich an beide nicht erinnern. Sie hinterließen mich, bildlich gesprochen, im zarten Alter von zwei Jahren auf Onkel Georges Türschwelle.«
«Onkel George hat gute Arbeit geleistet«, sagte ich und starrte sie bewundernd an.
Sie akzeptierte das Kompliment ohne Verlegenheit, gleichsam als selbstverständlichen Tribut.
«Eigentlich war es Tante Deb. Sie ist doch ein bißchen mehr auf Draht als Onkel George. Aber man muß einfach beide gern haben.«
«Sind sie heute hier?«erkundigte ich mich.
«Nein«, erwiderte Miss Ellery-Penn.»Onkel George meinte, er habe mir den Zugang zu einer neuen Welt geöffnet, in der es nur tapfere und charmante junge Männer gebe; ältere Verwandte könnten sich da nur als Hindernis erweisen.«
«Onkel George wird mir von Minute zu Minute sympathischer«, sagte ich.
Miss Ellery-Penn schenkte mir ein strahlendes Lächeln, das jeder Verheißung ermangelte.
«Haben Sie >Heavens Above< gesehen? Ist er nicht wunderbar?«meinte sie.
«Ich habe ihn nicht gesehen. Bis vor fünf Minuten wußte ich noch gar nicht, daß es ihn gibt. Wie kam es eigentlich, daß ihn Onkel George zu Pete Gregory schickte? Hat er sich den Stall auch auf gut Glück ausgesucht?«
Sie lachte.»Nein, das war genau festgelegt. Er meinte, wenn das Pferd zu Mr. Gregory käme, könnte ich einen Major Davidson dazu bewegen, für mich zu reiten. «Sie dachte einen Augenblick nach und runzelte die Stirn.»Er war sehr bedrückt, als er am Montag in der Zeitung las, daß Major Davidson verunglückt war.«
«Hat er ihn gekannt?«fragte ich uninteressiert, ohne den Blick von ihren herrlich geschwungenen Lippen zu lassen.
«Nein, ich bin sicher, daß er ihn nicht persönlich kannte. Wahrscheinlich kannte er seinen Vater. Er scheint nämlich die Väter fast aller Leute zu kennen. Er sagte nur schockiert: >Großer Gott, Davidson ist tot< und frühstückte weiter. Tante Deb und ich mußten ihn viermal um die Marmelade bitten, ehe er uns hörte!«
«Und das war alles?«
«Ja. Warum fragen Sie?«
«Oh, aus keinem besonderen Grund«, meinte ich.»Bill Davidson und ich waren befreundet.«
Sie nickte.»Ich verstehe. «Damit war das Thema für sie erledigt.»Was habe ich denn jetzt in meiner neuen Rolle als Eigentümerin eines Rennpferdes zu tun? Ich möchte nicht schon am ersten Tag als Dummkopf dastehen. Ratschläge und Empfehlungen wären mir sehr willkommen, Mr. York.«
«Alan heiße ich«, sagte ich.
Sie warf mir einen abschätzenden Blick zu. Er bewies deutlich, daß sie trotz ihrer Jugend Erfahrungen darin besaß, unwillkommene Aufmerksamkeiten abzuwehren und sich nicht in Beziehungen einzulassen, auf die sie nicht vorbereitet war.
Aber sie lächelte schließlich und sagte:»Und ich Kate. «Sie verlieh ihren Vornamen wie ein Geschenk; ich nahm es dankbar entgegen.
«Wieviel wissen Sie über den Rennsport?«fragte ich.
«Gar nichts. Ich habe noch nie zuvor meinen Fuß auf den Turf gesetzt«, erwiderte sie mit ein wenig Ironie.
«Reiten Sie selbst?«
«Keineswegs.«
«Vielleicht ist Ihr Onkel George Pferdeliebhaber? Nimmt er an Fuchsjagden teil?«meinte ich.
«Onkel George hat für Pferde überhaupt nichts übrig. Ein Ende schlägt aus, das andere beißt, sagt er immer, und von
Fuchsjagden will er schon überhaupt nichts hören.«
Ich lachte.»Vielleicht wettet er.«
«Onkel George soll schon einmal am Tag des Endspiels um den Fußballpokal gefragt haben, wer das Derby gewonnen hat.«
«Warum dann also >Heavens Above<?«
«Zur Erweiterung meines Horizonts, meinte Onkel George. Meine Erziehung hat sich in den üblichen Schulen und auf einer sehr gut bewachten Europareise abgespielt. Ich sollte einmal etwas anderes atmen als Museumsluft, sagte Onkel George.«
«Und deshalb hat er Ihnen zum 21. Geburtstag ein Rennpferd geschenkt«, erklärte ich sachlich.
«Ja«, sagte sie. Dann sah sie mich scharf an. Ich grinste.
Diesmal hatte ich sie überrumpelt.
«Als Eigentümerin haben Sie nichts Besonderes zu tun«, sagte ich.»Sie müssen nur vor dem vierten Rennen hinübergehen, um zuzusehen, wie Ihr Pferd gesattelt wird. Dann begeben Sie sich mit Pete auf den Paradeplatz, wo Sie herumstehen und intelligente Bemerkungen übers Wetter fallen lassen, bis ich erscheine, aufsitze und an den Start gehe.«
«Und was mache ich, wenn >Heavens Above< gewinnt?«
«Rechnen Sie denn damit?«fragte ich. Ich war mir nicht im klaren darüber, wieviel sie von ihrem Pferd wußte.
«Mr. Gregory meint, er könne nicht gewinnen.«
Ich war erleichtert.
«Nach dem Rennen werden wir besser über >Heavens Above< Bescheid wissen. Aber wenn er unter den ersten drei ist, wird er da unten, gegenüber dem Wiegeraum, abgesattelt. Im anderen Fall finden Sie uns hier auf dem Rasenplatz.«
Das erste Rennen mußte bald beginnen. Ich geleitete Miss Ellery-Penn zur Tribüne und verfuhr gemäß Onkel Georges Plan, indem ich sie mehreren mutigen und charmanten jungen
Männern vorstellte. Unglücklicherweise begriff ich sofort, daß ich im Rennen um Miss Ellery-Penns Gunst nur unter ferner liefen< eingestuft sein würde, sobald ich von meinem Ritt zurückkam.
Nachdem wir das erste Rennen beobachtet hatten, entfernte ich mich, während sich Kate noch überlegte, welcher ihrer neuen Bekannten die Ehre haben sollte, sie zum Kaffeetrinken zu führen. Als ich mich umsah, strebte sie mit einer großen Gruppe von Bewunderern dem Erfrischungsraum zu. Zum erstenmal in meinem Leben bedauerte ich, in einem Rennen antreten zu müssen.
Kapitel 4
Im Umkleideraum hielt Sandy Mason wieder einmal eine Brandrede, die Hände in die Hüften gestemmt. Er war ein stämmiger Mann um die Dreißig, ziemlich klein, rothaarig, kräftig; unter seinen blaßroten Wimpern zeigten sich erstaunlich schöne, dunkelbraune Augen.
Er war Jockey von Beruf und gehörte als solcher nicht zu den zwölf Besten, aber vor allem dank seines Kampfgeistes hatte er recht viel Erfolg gehabt. Nichts konnte ihm Angst einjagen. Er trieb seine manchmal unwilligen Pferde in die schmälsten Öffnungen hinein, gelegentlich sogar in Öffnungen, die nicht existierten, bis er sie durch Gewalt einfach erzwang. Seine Aggressivität bei Rennen hatte ihn mehrmals in Konflikt mit den Rennkommissionen gebracht, aber dank seiner unverwüstlichen guten Laune war er bei den anderen Jockeys nicht unbeliebt.
«Wer von euch Gaunern hat mir denn meine Balancierstange geklaut?«röhrte er mit einer Stimme, die trotz der allgemeinen Unterhaltung bis in jeden Winkel drang. Auf diese Frage nach dem Verbleib seiner Peitsche erhielt er aber keine Antwort.
«Warum steht ihr nicht mal auf und seht nach, ob ihr sie bebrütet?«sagte er zu drei oder vier Jockeys, die auf einer Bank saßen und ihre Stiefel anzogen.
Sie hoben erwartungsvoll die Köpfe und lauschten dem Rest der Schimpfkanonade. Sandy wiederholte sich nicht einmal, bis schließlich einer der Pferdeburschen die gesuchte Peitsche brachte.
«Wo hast du sie denn gefunden?«fragte Sandy.»Wer hat sie gehabt? Dem werde ich mal Bescheid stoßen.«
«Sie lag auf dem Boden unter der Bank, an Ihrem eigenen Platz.«
Sandy machten seine Fehler nie verlegen. Er lachte dröhnend und nahm die Peitsche.»Diesmal will ich euch noch verzeihen«, meinte er. Er trat mit dem Sattel in den Wiegeraum hinaus und ließ seine Peitsche durch die Luft sausen, wie um sich zu vergewissern, ob sie noch biegsam genug sei. Er benützte sie im Verlauf eines Rennens sehr häufig.