Als er an mir vorbeiging, warf er mir einen seiner fröhlichen Blicke zu, die ihn trotz seiner Fehler liebenswert machten. Ich drehte mich um und beobachtete ihn. Er setzte sich auf die Waage und legte die Peitsche auf den Tisch. Er sagte etwas, das ich nicht verstand, und sowohl der Wiegemeister als auch der Zielrichter, der sich hier die einzelnen Farben einprägte, um sie genau unterscheiden zu können, lachten, als sie ihn auf ihren Listen abhakten und für das Rennen freigaben.
Man hatte früher einmal gemunkelt, Sandy habe ein paar Pferde >stehenlassen< und sei dafür von Buchmachern gut bezahlt worden. Bewiesen worden war jedoch nichts, und die amtliche Untersuchung hatte kaum eine Stunde gedauert. Jene Leute, die Opfer von Sandys Streichen geworden waren, glaubten, daß er zu allem fähig sei. Alle anderen dagegen erklärten, jemand, der wegen zu rücksichtslosen Reitens in Schwierigkeiten gekommen sei, würde es niemals riskieren, ein Pferd stehenzulassen.
Als ich beobachtete, wie sicher und selbstbewußt er mit den beiden Offiziellen umging, konnte ich verstehen, daß man ihn für unschuldig gehalten hatte, zumal positive Beweise ja nicht vorgelegt worden waren. Unter den Jockeys herrschte allgemein die Meinung, daß Sandy ein paar Pferde >abgewürgt< hatte, aber jedenfalls nicht mehr während der vergangenen Monate.
Man kann ein Pferd >stehenlassen<, indem man zu spät startet, ein paar Längen hinter den anderen weggeht und hübsch hinten bleibt. Dann kann der unehrliche Jockey vom vorletzten Hindernis ab, wo ihn die Zuschauer genau beobachten, ein relativ ehrliches Finish reiten, in dem Bewußtsein, daß er von hier aus keinesfalls mehr zu gewinnen vermag. Es kommt sehr selten vor, weil ein Jockey, der so etwas regelmäßig macht, sehr bald arbeitslos ist.
Während der eineinhalb Rennsaison, die ich nun schon ritt, hatte ich es erst zweimal gesehen. In beiden Fällen war es derselbe Mann gewesen, ein blonder, pausbäckiger Jüngling namens Joe Nantwich. Beim zweiten Male, vor etwa drei Monaten, hatte er nur mit Glück seine Lizenz behalten, denn er war dumm genug gewesen, den Versuch in einem Rennen zu unternehmen, wo David Stampe, der geschwätzige jüngere Sohn des Vorsitzenden der Rennkommission, als Jockey startete.
Joe, und meiner Überzeugung nach auch Sandy, hatten sich beide bereit gefunden, absichtlich Pferde zurückzuhalten, die sonst hätten gewinnen müssen. Sie hatten sich, um ganz offen zu sein, des Betruges schuldig gemacht. Aber war ich eigentlich recht viel besser, dachte ich, als ich meinen Helm aufsetzte und den Sattel zur Waage trug? Ich wollte doch >Forlorn Hope< ganz sanft über die Hürden bringen. Ich hatte nicht die Absicht, ihn auszureiten, nur um ihn unter Umständen unter die ersten drei zu bringen. Er war noch nicht richtig fit, und ein zu hartes Rennen konnte ihm sehr schaden. Wenn sich mir allerdings durch unvorhergesehene Umstände, zum Beispiel durch einen Massensturz, eine Gewinnchance bot, gedachte ich sie schon zu ergreifen. Es ist ein Riesenunterschied zwischen >Stehenlassen< und >Nicht-alles-geben<, aber für die Wetter zeigt sich da kein Unterschied. Sie verlieren ihr Geld.
Ich trug meinen Sattel zu den Boxen hinaus, wo Pete bereits mit >Forlorn Hope< wartete. Er sattelte ihn, und Rupert, der kleine Stallbursche, führte das Pferd auf den Paradeplatz hinaus. Pete und ich schlenderten hinterher und sprachen über die anderen Pferde. Kate war nirgends zu sehen.
Als es soweit war, stieg ich auf und ritt auf die Bahn. Die vertraute Erregung stieg wieder in mir hoch. Weder Bills Tod noch Scillas Trauer, nicht einmal der Gedanke an Kate und ihre
Bewunderer, vermochten das Glücksgefühl zu beeinträchtigen, das ich immer spürte, wenn ich an den Start ritt. Das Tempo des Rennens, die schnellen Entscheidungen, die Risiken — ich brauchte das einfach alles als Gegengewicht zu den Sicherheiten der Zivilisation. Man kann sich auch zu sicher fühlen. Vor allem jemand wie ich, dessen Vater nach der vierten Million aufgehört hatte, sein Vermögen zu zählen.
Und mein Vater, der mich verstand, weil er an seine eigene Jugend dachte, hatte mir ohne jede Bedingung einen schnellen Wagen und drei gute Pferde gegeben. Ich war in einem fünftausend Meilen von zu Hause entfernten Land mein eigener Herr.
Der Starter rief die Namen auf, während wir im Kreis herumritten und überprüften, ob die Sattelgurte fest genug angezogen waren. Joe Nantwich schob sich neben mich.
«Fährst du nach dem Rennen zu den Davidsons zurück, Alan?«fragte er. Er sprach immer mit einer Vertraulichkeit, die mir unangenehm war, wenn ich das auch nicht zu zeigen versuchte.
«Ja«, erwiderte ich. Dann fiel mir Kate ein.»Aber es kann ein bißchen spät werden.«
«Nimmst du mich bis Epsom mit?«
«Das ist nicht meine Richtung«, erwiderte ich höflich.
«Aber du kommst doch durch Dorking. Dort kann ich einen Bus erwischen, wenn du nicht nach Epsom fahren willst. Ich bin mit jemand hergekommen, der nach Kent weiter will, und jetzt muß ich sehen, wie ich heimfinde. «Er ließ nicht locket, und obwohl ich der Meinung war, daß er auch jemand finden würde, der ihn direkt nach Epsom mitnehmen könnte, wenn er sich nur bemühte, gab ich schließlich nach.
Wir nahmen Aufstellung für den Start. Ich befand mich in der Mitte zwischen Joe und Sandy, und nach den Blicken zu schließen, die sie sich zuwarfen, hatten sie wenig füreinander übrig.
Sandy grinste verächtlich; Joes rundes Kindergesicht bekam einen weinerlichen Ausdruck. Ich stellte mir vor, daß Sandy Joes aufgeblasenes Selbstbewußtsein durch einen seiner Streiche gedämpft hatte, zum Beispiel, indem er die Stiefel des anderen mit Marmelade auffüllte.
Dann ging es los, und ich konzentrierte mich ganz darauf, >Forlorn Hope< so sauber, schnell und sicher wie möglich über den Kurs zu bringen. Er war noch sehr unerfahren und neigte dazu, vor den Hindernissen auszubrechen, aber er besaß sehr viel Sprungkraft. Zunächst lief er so gut, daß ich über die Hälfte des Rennens hinweg an dritter Stelle lag, wobei ich aber stets etwas nach außen drängte, damit er die Hindernisse deutlich sehen konnte. Die letzten vierhundert Meter hügelan waren jedoch zuviel für ihn, und wir landeten auf dem sechsten Platz. Ich wär’s zufrieden, und Scilla brauchte sich nicht zu sorgen.
Sandy Mason kam vor mir ins Ziel. Dann galoppierte Joe Nantwichs Pferd mit hängenden Zügeln vorbei, und als ich mich umsah, konnte ich in der Ferne Joe erkennen, der zur Tribüne zurückstapfte. Ohne Zweifel würde er mir auf dem Weg nach Dorking das Unglück in allen Einzelheiten schildern.
Ich sattelte ab, kehrte in den Wiegeraum zurück, zog den neuen Dress mit Kates Farben an, ließ mir von Clem eine Handikap-Decke mit flachen Bleiplatten im Gewicht von zehn Pfund herrichten, was für das Amateurrennen vorgeschrieben war, und ging hinaus, um festzustellen, was aus Miss Ellery-Penn geworden war.
Sie lehnte an der Umzäunung des Paradeplatzes, den Blick abwechselnd auf die Pferde und — meiner Meinung nach allzu anerkennend — auf Dane Hillman, einen der mutigen und charmanten jungen Männer, gerichtet, die ich ihr vorgestellt hatte.
«Mr. Hillman hat mir erzählt«, erklärte Kate,»daß der knochige Gaul dort drüben das schnellste Pferd sein soll. Darf ich das glauben, oder will er mich nur auf den Arm nehmen?«
«Keinesfalls«, erwiderte ich.»Das ist wirklich das beste Pferd. Nicht dem Äußeren nach, zugegeben, aber es kann heute gar nicht verlieren.«
«Pferde, die den Kopf so tief senken, sind fast immer gute Springer«, meinte Dane.»Sie passen nämlich auf, wo sie hintreten.«
«Aber dieses herrliche Tier gefällt mir«, sagte Kate und sah zu einem Fuchs hinüber, der tänzelnd auf den Platz kam.
«Er ist viel zu fett«, sagte Dane.»Wahrscheinlich hat er während des Winters zuviel gefressen und nicht genügend Auslauf gehabt. Wenn man ihn drängt, wird er in die Knie gehen.«
Kate seufzte.»Das ist wirklich sehr kompliziert. Die Nieten sehen gut aus, und die Guten wirken schäbig.«