»Ein weiterer Preis, den wir für unseren Sieg bezahlen mußten«, sagte Owen. »Ein weiterer Schlamassel, den wir bereinigen müssen. Und für mich erneut etwas, um mich schuldig zu fühlen. Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt diesen Weg eingeschlagen habe.«
»Weil man dich sonst umgebracht hätte. Verpasse dir doch nicht selbst einen Kinnhaken, Owen. Auf Golgatha gibt es jede Menge Leute, die das nur zu gern übernehmen würden. Wir haben die Eiserne Hexe gestürzt und ein System beseitigt, das auf brutaler Unterdrückung beruhte. Letztlich rechtfertigt das alles, was wir tun mußten.«
»Alles?« fragte Owen.
»Verdammt richtig«, bekräftigte Hazel.
Owen blickte wieder auf den Bildschirm und wechselte das Thema. »Ich frage mich, warum die Hadenmänner hierher zurückgekehrt sind. Jeder weiß, warum sie eine so reiche Beute wie Madraguda wollten. Aber demzufolge, was Ihr gesagt habt, ist schwer verständlich, was Brahmin II so attraktiv macht. Was bauen sie hier ab? Irgendwas Wichtiges?«
»Eigentlich nicht«, antwortete Hazel. »Ein paar weniger bedeutsame Mineralien. Nützlich, aber nicht wertvoll.«
»Warum haben die Hadenmänner den Planeten dann wieder zu ihrem Stützpunkt gemacht? Was ist an Brahmin II so besonders?«
»Da hast du mich auf dem falschen Fuß erwischt«, gestand Hazel. »Vielleicht gehört das zu den Dingen, die wir bei unserem kleinen Ausflug nach dort unten herausfinden müssen.«
Endlich tauchten die ersten Bilder auf dem Schirm auf, und Owen und Hazel wurden still, als sie sahen, was die Hadenmänner Brahmin II diesmal angetan hatten. Die Städte waren durch konzentriertes Disruptorfeuer verwüstet worden. Nicht mal Ruinen waren zurückgeblieben, nur flache Krater. Die einzigen Ausnahmen bildeten die größte Stadt und der Raumhafen, die noch standen, aber auch sie trugen die Zeichen der Hadenmänner, die hier etwas Neues und Fremdes geschaffen hatten, mit seltsamen Bauten und unbekannter Technik.
»Es ist schlimmer als beim letzten Mal«, sagte Owen schließlich. »Eine Politik der verbrannten Erde für die äußeren Städte, dann die Einrichtung in der Hauptstadt. Sie sind auf Dauer hier.
Und ich habe es möglich gemacht.«
»Wirst du wohl damit aufhören, dir das Gewicht des Universums aufzuladen!« schimpfte Hazel. »Nicht alles, was passiert, ist deine Schuld. Konzentrieren wir uns auf die anstehende Aufgabe, nämlich uns in die Hauptstadt zu schleichen, die benötigten Informationen zu beschaffen und wieder hinauszuschleichen, möglichst in intaktem Zustand. Alles andere kann warten. Wenn wir erst wissen, was hier passiert, können wir mit dem Rest der Flotte zurückkehren, einen Überraschungsangriff durchführen und mit allem draufhalten, was wir haben.
Damit putzen wir ihnen das Grinsen aus der Visage.«
»Wir können nicht weg«, sagte Owen. »Seht Euch diese Zahlen an der Seite des Bildschirms an. Es sind Lebenszeichen.
Die Mehrheit der Bevölkerung ist noch am Leben und wird in der Hauptstadt festgehalten. Ein Schild aus Menschen gegen eine Intervention des Imperiums. Die Hadenmänner haben schon immer gewußt, welche Schwächen die Menschen haben, auch ohne sie zu teilen. Wir müssen die Kolonisten retten! Wir sind ihre einzige Hoffnung.«
Hazel seufzte. »Immer gibt es einen Haken, nicht wahr?
Warum können die Dinge nicht mehr unkompliziert sein?«
»Sie waren es nie«, entgegnete Owen. »Außer im Rückblick.
Und in den Filmen. Wie gut kennt Ihr diese Stadt?«
»Sehr gut«, sagte Hazel. »Endlich haben wir mal Glück. Das ist die Stadt, für die ich ohnehin Pläne habe. Ich habe früher dort gearbeitet; es war die Hauptstadt und die Verwaltungszentrale. Sogar die Bergwerke wurden von dort aus geleitet.«
»Dann haben die Hadenmänner sie wahrscheinlich deshalb verschont. Wie heißt sie?«
»Brahmin City. Es waren nicht die einfallsreichsten Kolonisten, die mir je über den Weg gelaufen sind.«
»Dann bringe uns hinunter, Oz. Suche einen Landeplatz, der einigermaßen dicht an der Stadt liegt, dabei aber weit genug entfernt, damit eine Grenzpatrouille nicht über uns stolpert.«
»Dürfte kein Problem sein«, meinte Oz. »Soweit ich mit den Sensoren feststellen kann, gibt es keine Grenzpatrouillen.
Nichts bewegt sich außerhalb der Stadt. Man muß schon ein verdammter Idiot sein, um sich ganz auf Sensoren zu verlassen, aber die Hadenmänner hatten schon immer ein übertriebenes Zutrauen in Technik. Haltet euch fest, es geht los!«
Die Sonnenschreiter II sank langsam aus dem Orbit herab, wie ein einsames silbernes Blatt in einem Wald. Owen und Hazel blickten konzentriert auf den Hauptbildschirm, als sich Brahmin City endlich unter ihnen ausbreitete. Neue Gebäude ragten zwischen den alten auf, hohe silberne Konstruktionen mit abrupten Wölbungen hier und dort. Auswüchse aus schimmernder Technik häuften sich aufeinander und wickelten sich umeinander, als wären sie zu ihren gegenwärtigen Formen gewachsen und nicht geplant und gebaut worden. Die ramponierte Stadt sah aus, als wäre sie von einem riesigen silbrigen Parasiten befallen, der auf jeder Freifläche emporschoß und die verbliebenen Reste der Menschenstadt erstickte. Die Hadenmänner standen im Begriff, sich ein neues Zuhause zu schaffen, und es hatte in Form oder Natur nichts Menschliches an sich. Überhaupt nichts.
Owen und Hazel parkten die Sonnenschreiter II in einem der kleineren Krater, der das einzige war, was von einem der alten Vororte Brahmin Citys blieb. Sie stiegen aus, Schußwaffen und Schwerter in den Händen, nur für den Fall, daß sich Oz hinsichtlich der Grenzpatrouillen irrte, aber alles blieb ruhig. Keine Vögel sangen, keine Insekten summten; überhaupt nichts rührte sich in der staubigen Luft. Owen blickte sich langsam um, betrachtete die öde Landschaft. Sie zeigte sämtliche Grauschattierungen von versengter Erde bis zu zerhämmertem Gestein, und nichts lebte darin, soweit das Auge sah. Ein Friedhof ohne Gras, ohne Blumen, ohne Grabsteine und ohne einen Überrest der Toten, den man noch hätte bestatten können. Das Ende der Zeit wird so aussehen, dachte Owen. Wenn wir alle dahingeschieden sind und das Leben selbst zu Staub geworden ist. Der Anblick erinnerte ihn nachdrücklich an Virimonde, und er fragte sich, ob es seine Bestimmung war, immer zu spät zu kommen. Zu gern wäre er wenigstens einmal als Retter gekommen und nicht als Rächer. Er steckte Schwert und Pistole weg. Vor soviel Tod und Verwüstung fühlten sie sich klein und nutzlos an.
Hazel tigerte herum und trat in den grauen Boden, um zuzusehen, wie die Staubwolken hochstiegen und sich wieder legten. Sie hatte die Waffen ebenfalls weggesteckt und wirkte eindeutig verärgert, daß sie niemanden vorgefunden hatte, um sie gegen ihn einzusetzen. Owen holte Luft, um sie zu rufen, und hustete kräftig, als der Staub seinen Hals reizte. Die Luft war dick von Staub, einem dahintreibenden grauen Dunst, der wie die Gespenster der pulverisierten Gebäude wirkte. In höheren Luftschichten war er noch dicker, und das Licht der untergehenden Sonne fiel durch einen großartigen Schleier aus verblaßten Farben, wie ein gebrauchter Regenbogen vom Wochenmarkt.