Hazel schniefte laut. »Oz prahlt mal wieder, nicht wahr? Sag ihm, er soll nach alten Alarmsystemen in den Leitungen suchen. Besser auch nach neuen, wenn ich es mir recht überlege.«
»Bin schon dabei«, sagte Oz. »Solange ich eingeloggt bin, habe ich die vollständige Kontrolle über die Lektronenregister der Stadt.«
Hazel richtete sich auf und marschierte entschlossen in die Leitung hinein. Owen wappnete sich gegen den Gestank und folgte ihr. Die dicke schwarze Schmiere auf dem Boden quatschte laut unter seinen Füßen und gestaltete das Fortkommen heikel. Owen hoffte inständig, daß seine Schuhe keine Löcher aufwiesen. Auch an den Wänden klebte eine Art Schleim, und Owen achtete darauf, sich dort nicht abstützen zu müssen.
Er stolperte hinter Hazel her, die langsam und vorsichtig durch das Rohr ging, sich um die ersten Öffnungen, die sie erreichte, nicht kümmerte, sich dann jedoch entschlossen in eine Abzweigung nach rechts duckte, die sich optisch in nichts von den anderen unterschied. Wahrscheinlich erinnerte sie sich inzwischen wieder. Owen folgte ihr und fand sich in einem System aus kleineren, gemauerten Tunneln wieder, die nur etwa einen Meter achtzig durchmaßen. Die Wände hatte man vor nicht allzu langer Zeit gereinigt, aber der Bodenbelag war nach wie vor widerlich. Hazel ging jetzt schneller und orientierte sich dabei an einer Karte in ihrem Kopf, die sie jahrelang nicht konsultiert hatte. Owen hätte Oz bitten können, zu überprüfen, ob sie den richtigen Weg einschlugen, verzichtete aber darauf. Er vertraute Hazel.
In dem stumpfen grünen Licht war es schwierig, Entfernungen und Details auszumachen, und ein Dunst schien in der Luft zu schweben. Der Gestank war inzwischen so schlimm, daß er ein anhaltendes pelziges Gefühl in Mund und Nase erzeugte.
Allein Gott wußte, wie es hier gewesen sein mußte, als noch Abwässer durch das System strömten. Owen beschleunigte sein Tempo, um an Hazels Seite zu gelangen, und sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter und nahmen die Abzweigungen, die Hazel für die richtigen hielt. Die einzigen Geräusche stammten von ihren Schuhen auf dem klebrigen Boden, und die Luft war so reglos, daß sie nicht mal Echos zuließ.
»Mich überrascht, daß wir noch keine Ratten gesehen haben«, sagte Owen schließlich. »Ich meine, überall, wo man eine Kanalisation vorfindet, trifft man auch Ratten an, selbst in den mondänsten Teilen des Imperiums. Zu denen dieser Planet nicht gehört.«
»Keine Ratte mit Selbstachtung würde einen Fuß in eine schmierige Angelegenheit wie diese setzen«, behauptete Hazel.
»Aber ich verstehe, was du meinst. Als ich letztes Mal hier unten war, ist definitiv etwas durch die Dunkelheit gehuscht.«
»Vielleicht sind sie alle fort, als die Abwässer ausblieben.«
»Oder vielleicht haben die Hadenmänner sie vergiftet.«
»Ja«, sagte Owen. »Möglich.«
Sie beeilten sich, ihren Weg durch die zunehmend schmaleren Tunnel fortzusetzen. Die gekrümmten, gemauerten Wände sahen alle ziemlich gleich aus, aber Hazel wirkte nach wie vor recht zuversichtlich, daß sie den Weg wußte. Owen hatte keinen Schimmer, wo er sich befand, und die völlige Stille ging ihm allmählich auf die Nerven. Die dunklen Öffnungen, an denen sie vorbeikamen, erschienen ihm immer mehr wie wachsame Augen und hungrige Mäuler, und ihn plagte die wachsende Überzeugung, daß irgend etwas mit ihnen hier unten war, das zusah und wartete. Er konzentrierte sich auf das verstärkte Hörvermögen, das ihm das Labyrinth verliehen hatte, und auf einmal gingen ihm die Ohren über mit dem Lärm, den seine und Hazels Schritte erzeugten, mit dem Rascheln ihrer Kleidung und den Lauten ihres Atems. Er blendete diese Aspekte aus und lauschte auf das, was blieb. Und da vernahm er weit vor sich, am Rand seiner Hörweite, ein langsames, schweres Klopfen wie den Schlag eines riesigen Herzens, und das Summen regelmäßig bewegter Luft.
Owen machte Hazel lautlos auf sich aufmerksam und tippte sich ans Ohr. Sie konzentrierte sich und runzelte die Stirn, als sie es auch hörte. Beide zogen sie Schwerter und Pistolen und gingen vorsichtig weiter, überprüften dabei jede Tunnelöffnung, an der sie vorbeikamen. Die Geräusche wurden allmählich lauter, bis der Tunnelboden im Rhythmus des gleichmäßigen Herzschlages vor ihnen zu vibrieren schien. Und dann kamen sie um eine Ecke und blieben abrupt stehen, denn sie sahen vor sich eine riesige Stahlturbine, deren Schaufeln fortlaufend rotierten, obwohl die Abwässer, die sie antreiben sollten, schon lange ausblieben. Hazel bedachte Owen mit einem warnenden Blick, und sie steckten ihre Waffen weg. Beide funkelten sie die Turbine an. Eindeutig führte kein Weg daran vorbei, und die schweren Schaufeln drehten sich unerbittlich und zu schnell, um sich an ihnen vorbeizuducken.
»Sie müssen das eingebaut haben, nachdem ich hier war«, sagte Hazel.
»Oz, irgendeine Chance, dieses Ding abzuschalten?«
»Ich fürchte, nein«, antwortete Oz. »Die Energie ist entweder ein- oder ausgeschaltet. Einzelne Systeme sind nicht individuell zu steuern.«
»Das hätte ich dir selbst sagen können«, sagte Hazel, als Owen ihr die Information übermittelt hatte. »Bei der Errichtung dieser Stadt hat man an allen Ecken gespart.«
»Wir sollten vielleicht bei den aktuellen Problemen bleiben«, schlug Owen vor. »Oz, schalte alles ab, und wir klettern im Dunkeln hindurch. Dann kannst du die Energie wieder hochfahren.«
»Ah«, sagte Oz. »So einfach ist das nicht, fürchte ich. Das Energiesystem ist so instabil, daß ich nicht hundertprozentig sicher bin, es überhaupt wieder hochfahren zu können.«
»Wundervoll«, sagte Owen.
»Sieh mal«, sagte Hazel, »letztlich ist das Ding nur ein Haufen Metall. Pusten wir es doch einfach weg. Mit ein paar Disruptorstößen auf Kernschußweite sollte das mühelos zu erreichen sein.«
»Das würde ich wirklich nicht tun, wenn ich an eurer Stelle wäre!« warf Oz rasch ein. »Schon jetzt kostet es mich alle Mühe, die Stadtsysteme ruhig zu halten. Sogar ich stoße an Grenzen. Falls ihr jetzt da unten einen Alarm lostretet, bricht die Hölle aus.«
»Jetzt mal langsam!« verlangte Owen. »Du hast mir gesagt, du ließest die Lektronen der Stadt durch Reifen springen. Was hat sich verändert?«
»Na ja«, räumte Oz widerstrebend ein, »es scheint, als wäre ich bei meinen ursprünglichen Voraussagen ein wenig überoptimistisch gewesen. Die Hadenmänner haben die Stadtlektronen weit über deren ursprüngliche Fähigkeiten hinaus aufgemotzt, und die Kisten… wehren sich jetzt seit einiger Zeit. Ich kann mit knapper Not den Status quo aufrechterhalten, aber falls ihr aus irgendeinem Grund Alarm auslöst, steht ihr ganz auf eigenen Füßen.«
»Toll«, fand Hazel, als Owen sie auf den aktuellen Stand gebracht hatte. »Ich habe dir ja gesagt, du solltest dich nicht auf Gespenster-KIs verlassen. In Ordnung, wir können das Ding nicht wegpusten. Was bleibt also? Falls wir richtig gut Anlauf nähmen und zwischen den Schaufeln hindurch…«
»Die sind gerade schwer und scharf genug, um uns in zwei Teile zu schneiden«, gab Owen zu bedenken. »Und ich denke nicht, daß selbst wir uns von so etwas erholen könnten.«
»In Ordnung, dann reißen wir das Ding einfach aus der Fassung. Zusammen sind wir stark genug.«
»Damit würden wir zwangsläufig Alarm auslösen. Ich möchte nicht aus dem letzten Tunnel steigen und dann einem halben Hundert Hadenmännern gegenüberstehen, die bis an die Zähne mit Hadenmännerwaffen bestückt sind.«
»Dann denke du dir was aus! Du bist ja angeblich das Hirn in unserer Partnerschaft! Du denkst, und ich schieße; so war es immer.«
»Ich kann besser nachdenken, wenn mir niemand ins Ohr brüllt«, entgegnete Owen sanft. Hazel schniefte und wandte ihm den Rücken zu. »Oz, gibt es eine Route, auf der wir die Turbine umgehen können?«
»Ich fürchte, nein. Schaufelräder wie dieses findet man in der ganzen Anlage. Welchen Weg ihr auch immer einschlagt, ihr trefft schließlich wieder auf eines.«