»Was war das?« fragte Owen scharf.
»Nur etwas zum Entspannen und Muntermachen. Möchtest du mal kosten?«
»Nein«, lehnte Owen ab. »Seht mal, wir sind in einer sehr gefährlichen Lage…«
»Ach, entspanne dich, mein Hengst. Ich bin so wachsam, daß du mich benutzen könntest, um Ecken auszuschneiden. Wäre ich noch wachsamer, könnte ich in die Zukunft blicken.«
»Drogen sind der Fluch des Kriegers«, warf Mitternacht steif ein. »Wahre Stärke entstammt dem Bewußtsein.«
»Was immer dich durch die Dunkelheit führt, Liebling.«
»War das… Blut? « fragte Hazel.
»Verdammt, nein! Darüber bin ich weit hinaus. Owen hat mir den Weg gewiesen. Mein Owen. Er hat sich nie davor gefürchtet, etwas Neues auszuprobieren. Alles, was ihm einen Vorteil geben konnte. Gemeinsam haben wir fast jede Kampfdroge ausprobiert, die man nur findet, und jede Droge, die uns vielleicht helfen konnte, das vom Labyrinth verstärkte Bewußtsein noch zu erweitern. Es geht doch nichts darüber, sein persönliches Universum auszuweiten und die Hemmnisse im Hirn zu beseitigen. Ich habe Teile meines Bewußtseins freigelegt, von denen die meisten Menschen bei sich gar nichts wissen. Wenn du genau hinhörst, kannst du an manchen Tagen hören, wie meine Synapsen brutzeln. Das Labyrinth hat dazu den Grundstein gelegt. Der größte Rausch überhaupt! Habe nie was gefunden, was dem gleichkäme. Aber ich suche weiter. Drogen, Kämpfen, ein bißchen privater Sex und Quälerei; alles der reinste Rausch.«
»Du hörst dich genau wie Valentin Wolf an«, fand Hazel.
»Der Imperator?« fragte Bonnie. »Mein Held.«
Hazel sah Owen scharf an, aber er reagierte nicht.
Die Straßen von Brahmin City veränderten sich allmählich, als schließlich Veränderungen auftauchten, die von den Hadenmännern stammten. Von Menschen errichtete Gebäude waren wie faule Zähne entfernt und durch scharfkantige Konstruktionen aus Stahl und Tech ersetzt worden. Keinem der vier war noch nach Reden zumute, und alle trugen sie jetzt die Waffen in der Hand. Nach wie vor war niemand sonst zu sehen, und nur ihre Schritte durchdrangen die bedrohliche Stille.
Die Stadt wirkte immer bedrohlicher. Dem Entwurf der neuen Elemente lagen weder menschliche Logik noch menschlicher Seelenfriede zugrunde, und sie wiesen merkwürdige Winkel und entnervende Formen auf. Sie schimmerten von innen in glänzendem Silber, erzeugten Echos im Bewußtsein und trieben Gedanken in Richtungen, die dem menschlichen Geist nicht bestimmt waren. Hadenmänner selbst waren weiterhin nicht zu sehen. Es war, als gingen die vier durch eine Stadt toter oder träumender Fremdwesen. Das Licht der glänzenden Artefakte schimmerte unterschwellig kalt auf ihrer Haut, als würden sie von vorüberziehenden Gespenstern gestreichelt.
Owen blickte sich weiterhin mit finsterer Miene um. Er zweifelte nicht daran, daß man sie im Auge hatte. Er spürte richtig den Druck kalter, aufmerksamer Blicke. Ihm tat der Kopf weh.
Die Finger kribbelten ungemütlich. Irgendwo in weiter Ferne vernahm er ein leises, fortwährendes dumpfes Pochen; es erinnerte ihn an eine einzelne arbeitende Maschine oder womöglich das große künstliche Herz dieser nicht-menschlichen Stadt.
Der Wind wehte in Böen, die ständig hin- und hersprangen, als atmeten die Straßen. Owen fragte sich langsam, ob sie nicht vielleicht einen einzelnen lebenden Organismus durchwanderten, eine Stadt, die zu künstlichem Leben und Bewußtsein erweckt worden war. Die Hadenmänner waren durchaus fähig zu dergleichen. Aber wo waren andererseits all die Menschen, die hier gelebt hatten, als es nur eine Stadt gewesen war?
Bonnie Chaos wirbelte plötzlich herum und feuerte ihren Disruptor ab, und der Energiestrahl zerriß einen glasierten Silberknoten auf halber Höhe eines Gebäudes zu ihrer Linken.
Glänzende Bruchstücke regneten wie metallene Schneeflocken herab, und der Krach der Explosion schien ewig neue Echos zu werfen. Owen und die anderen sahen sich rasch um, die Waffen einsatzbereit, aber nirgendwo bewegte sich etwas. Owen funkelte Bonnie an.
»Wozu zum Teufel sollte das gut sein?«
»Mir hat nicht gefallen, wie mich dieses Bauwerk angesehen hat«, antwortete Bonnie ruhig.
Owen rang um seine Selbstbeherrschung. »Na ja, falls die Hadenmänner zuvor nichts von unserer Anwesenheit wußten, dann jetzt aber mit Sicherheit!«
»Nichts zu danken«, sagte Bonnie.
»Ah, Owen«, warf Hazel ein, »ich denke, wir können ganz klar davon ausgehen, daß sie genau wissen, wo wir stecken.«
Owen drehte sich um und sah, daß eine kleine Armee von Hadenmännern völlig lautlos aus dem Nichts aufgetaucht war und sie jetzt umzingelte. Owen entschied, daß er ganz ruhig stehenbleiben wollte, und hoffte, daß die anderen verständig genug waren, es ihm gleichzutun. Mindestens einhundert der aufgerüsteten Menschen mußten hier stehen – groß und perfekt und völlig reglos in nichtmenschlicher Anmut. Keiner von ihnen trug erkennbare Waffen bei sich. Sie brauchten auch keine.
Sie waren selbst Waffen. Die Gesichter waren völlig ausdruckslos, obwohl die Augen mit einem goldenen Glanz brannten, als gloste ein kleines nukleares Feuer in jedem Augapfel.
Owen sah Hazel an, und beide senkten die Waffen, damit kein Mißverständnis auftrat. Bonnie wirkte etwas unruhig, und Mitternacht packte sicherheitshalber ihren rechten Arm mit festem Griff. Eine ganze Weile standen Menschen und Hadenmänner nur da und sahen sich an – die Hadenmänner durch Menschentech aufgebessert, ihre Gegenüber durch die fremdartige Tech im Labyrinth des Wahnsinns verstärkt. Keiner von ihnen noch im strengen Sinn ein normaler Mensch.
Owen dachte angestrengt nach. Das war genau die Art Konfrontation, der er hatte ausweichen wollen, indem er sich per Kanalisation in die Stadt schlich. Er hegte jedoch immer noch die Hoffnung, eine Art Abkommen auszuhandeln. Sogar nach all dem, was er von den bisherigen Greueltaten der Hadenmänner gesehen hatte, pochte er noch immer möglichst auf das Prinzip, daß Reden besser war als Kämpfen. Er mußte es. Andernfalls hätte er sich vorbehaltlos auf den Weg des Kriegers begeben, sich dem Blutvergießen und der Wut und dem Ungeheuer ausgeliefert. Dabei hatte er längst genug Tod und Zerstörung miterlebt. Vorsichtig sah er sich nach jemandem um, der wie ein Anführer oder Sprecher wirkte, und spannte sich an, als einer der aufgerüsteten Menschen auf einmal vortrat.
»Hallo, Owen«, sagte der Hadenmann mit rauher, brummender Stimme. »Kennt Ihr mich noch?«
»Mein Gott!« antwortete Owen langsam. »Mond? Seid Ihr das wirklich?«
»Ja«, bestätigte Tobias Mond. »Euer alter Gefährte. Sie haben mich nachgebaut, nachdem ich auf dem verlorenen Haden von dem Grendel zerstört worden war. Hallo Hazel!«
»Ist aber eine Weile her, Mond«, sagte Hazel. Sie steckte die Pistole ins Halfter und hielt dem Hadenmann die Hand entgegen. Nach einem Moment ergriff Mond sie und schüttelte sie vorsichtig, sich seiner überlegenen Kraft bewußt. Die Hand des Hadenmanns war leichenkalt, und Hazel ließ sie wieder los, sobald das nach diplomatischen Gesichtspunkten möglich war.
Owen musterte Mond sorgfältig, und der Hadenmann erwiderte den Blick gelassen mit den leuchtenden Augen. Owen schüttelte langsam den Kopf.
»Sie haben verdammt gute Arbeit an Euch geleistet, Mond.
Ich erkenne nirgendwo eine Naht. Ich meine, dieser Grendel hat Euch regelrecht den Kopf abgerissen!«
»Ich erinnere mich«, sagte Mond. »Ich war dabei.« Er sah Hazel an. »Ich weiß noch, wie Ihr gekommen seid, um mich in der Stadt zu treffen, die wir auf dem verlorenen Haden errichtet hatten.« Er wandte sich erneut an Owen. »Ihr, Owen, habt nicht nach mir gesucht.«
»Ich hielt Euch für tot«, erklärte Owen. »Und als ich es schließlich herausfand… hatte ich so viel zu tun…«
»Ich verstehe. Ich bin schließlich nicht der Tobias Mond, den Ihr kanntet. Das ist hier sein Körper, zu voller Funktion als Hadenmann wiederhergestellt, und ich habe vollen Zugriff auf alle seine Erinnerungen, aber ich bin nicht er. Ist vielleicht auch besser so; er verbrachte zu viel Zeit fern den Seinen. Er war zu sehr Mensch geworden.«