Jetzt lag nichts mehr zwischen dem Schaufelraddampfer und seinem Ziel außer Zeit und den Geheimnissen, die förmlich in der Luft schwebten. Die Menschen polierten ihre Klingen. Die Spielsachen drängten sich dicht zusammen und flüsterten nur noch. Halloweenie bemannte die Brücke und steuerte das Schiff. Er stand auf einer Kiste, um über das Ruder sehen zu können. Der kleine Skelettjunge starrte auf den Dunklen Fluß hinaus und schwieg. Die Menschen hatten die sterblichen Überreste seines Kapitäns über Bord geworfen, was einer See-bestattung am nächsten gekommen war. Sein Papagei war unauffindbar gewesen. Die beschädigte Missis Merry Truspott tuckerte stetig weiter. Das Schiff hatte aufgehört zu schreien; doch seine beiden riesigen Augen waren weit aufgerissen und musterten wachsam die Umgebung.
Sie sahen den Wald, lange bevor sie ihn erreichten. Wie ein riesiger dunkler Fleck tauchte er am Horizont auf, und der Fluß brachte sie unausweichlich näher. Menschen und Spielsachen versammelten sich am Bug und starrten auf das Ziel ihrer Reise. Sämtliche Differenzen waren angesichts des Unbekannten vergessen. Rasch rückte der Wald näher, und bald schon konnte man die ersten großen Bäume am Rand voneinander unterscheiden. Die schmale Lücke tauchte auf, in welcher der Dunkle Fluß verschwand, und der Schaufelraddampfer verlangsamte seine Fahrt, als wolle er seinen Passagieren eine letzte Chance zur Umkehr geben. Dann ertönte herausfordernd die Dampfpfeife, und das Schiff tuckerte mutig auf die schmale Lücke zwischen den Bäumen zu. Sie waren im Wald.
Es war ein dunkler, ursprünglicher Ort, wo die Bäume so hoch wuchsen, daß sie Hunderte von Jahren alt sein mußten.
Hoch und ausladend und irgendwie bedrohlich: Der Dunkle Wald war eine ständige Erinnerung an eine Zeit, als die Menschen noch von der Gnade der Wälder gelebt und nichts weiter als ein Teil der Natur gewesen waren.
Die mächtigen Äste waren mit schwerem Laub beladen und verbanden sich hoch über den Köpfen der Rebellen zu einem Blätterdach, das den größten Teil der Sonne ausschloß. Je tiefer die kleine Gruppe in den Wald vordrang, desto weiter blieb der Tag hinter ihnen zurück. Alles wurde Bestandteil des ewigen Zwielichts.
Niemand hatte jemals die Absicht gehabt, hier zu spielen. Im Großen Wald gab es weder Komfort noch Sicherheit. Der Ort, an dem die Bäume wuchsen, war wild, ungezähmt und frei, und wer ihn betreten wollte, der tat dies auf sein eigenes Risiko. Die mächtigen Bäume standen dicht beieinander, ausladend und knorrig zugleich, und das Laub ihrer Äste war von einem giftigen Dunkelgrün. Die Luft war gesättigt mit dem Geruch von Erde und Holz und lebendigen Dingen. Die Missis Merry Truspott dampfte vorsichtig weiter, und sie kamen nur noch-langsam voran. Hin und wieder schleiften Äste über das Dach der Brücke. Es war, als bewegten sie sich durch einen nicht enden wollenden Abend. Alles war grau und feierlich, und es herrschte eine unheimliche Stille wie in einer gewaltigen lebenden Kathedrale aus uraltem Holz.
Und so verließen sie die Welt der Spielsachen und betraten die großen grünen Traum der alten Zeiten. Sie fuhren über einen dunklen Fluß auf der Suche nach einem geheimnisvollen Rätsel und der verlorenen Seele, die sich jetzt der Rote Mann nannte. Und auf der Suche nach der Armee, die er aus unbekannten Motiven heraus um sich versammelt hatte.
Sie sagen, er sei verrückt. Und sie sagen, er wolle die ganze Welt zerstören…
Finlay und Giles hielten die Disraptoren in der Hand. Sie waren bereit, beim kleinsten Anzeichen feindlicher Aktivitäten zu schießen. Julian und Evangeline standen an der Reling beieinander. Sie fühlten sich an diesem Ort der Riesen irgendwie klein und unbedeutend. Flynn arbeitete wie besessen, um alles zu filmen; doch zum ersten Mal im Laufe seiner kurzen steilen Karriere verzichtete Tobias darauf, die Szenerie zu kommentie-ren. Die dunkle Pracht ringsum verängstigte ihn zutiefst. Poogie, der Seebock und Reineke Bär standen beieinander und machten sich gegenseitig Mut. Oben auf der Brücke starrte der kleine Skelettjunge Halloweenie in die bedrohliche Finsternis voraus wie ein Kaninchen, das von einer Schlange hypnotisiert worden ist.
Die endlose Stille übte eine seltsame Faszination auf die Rebellen aus. Niemand war danach, sie mit leerem Geplapper zu durchbrechen. Nicht das kleinste Geräusch war zu hören, weder von Vögeln noch Tieren oder Insekten, nichts außer dem stetigen Tuckern der Dampfmaschinen. Das ewige Schweigen hatte etwas Erwartungsvolles an sich, als könnte jeden Augenblick eine gewaltige Stimme erschallen, der jedes lebende Wesen gehorchen mußte. Und so lauschten sowohl Menschen als auch Spielzeuge angestrengt, und irgendwann drangen die ersten hellen Töne aus der Dunkelheit zu ihnen.
Ein Lied, eine fröhliche, lebendige, freie Melodie. Dann erschienen die Sänger: Kleine leuchtende geflügelte Geister, die wie Sterne auf dem Weg zur Erde zwischen den Bäumen hin-durchflatterten. Sie kamen in Massen, betriebsam und lebhaft, und sie brachen wie eine Woge aus Licht über das Schiff herein. Sie umschwärmten den Schaufelraddampfer, ohne ihm ein einziges Mal zu nahe zu kommen. Menschen und Spielzeuge beobachteten das Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen und noch breiterem Lächeln . Die unerwartete Freude an diesem dunklen Ort berührte sie zutiefst. Die kleinen Geister besaßen menschliche Gestalt; aber sie waren nicht größer als einen Fuß, und sie hatten mächtige pastellfarbene Flügel. Die Wesen leuchteten in einem hellen inneren Licht, überwältigend, lebendig und strahlend wie ein heller Mond.
Und sie sangen, allein und im Chor. Sie sangen hohe kunstvolle Tonfolgen aus Arpeggios und endlosen Harmonien. Sie waren ein Chor aus Engeln, und ihr Gesang war so rein und schön, daß den Rebellen das Herz überlief. Es war der stimm-gewordene Wald, ein Ort voller Bedeutung und Feierlichkeit, eingepackt in ein wunderschönes Lied. Jeder an Bord der Missis Merry Truspott spürte, daß sie dicht vor der Antwort auf alle Fragen standen, die jemals wirklich von Bedeutung gewesen waren.
Und dann waren die Geister mit einemmal verschwunden.
Sie schossen in den Wald davon, und ihr Lied erstarb im ewigen Halbdunkel.
»Was zur Hölle war das?« fragte Tobias nach einer Weile, nachdem nichts mehr zu sehen oder zu hören war. »Hast du es gefilmt, Flynn?«
»Frag mich nicht«, erwiderte der Kameramann . »Die Kamera lief, aber ich war weit weg bei den Feen. Waren sie nicht wundervoll?«
»Wundervoll«, stimmte ihm Finlay zu. »Aber was suchen sie hier? Was macht dieser ganze Wald hier auf Shannons Welt?
Dieser Ort ist eindeutig kein Platz für Kinder. Zur Hölle, ich bin nicht einmal sicher, ob ich in meinem Alter dafür bereit bin!«
»War es real?« fragte Julian. »Kann es sich um eingeborenes Leben handeln? Es sah so… alt aus. Beinahe antik.«
»Unmöglich«, entgegnete Evangeline. »Dieser Planet war ein lebloser Fels, bevor Shannon ihn terraformieren ließ. Alles hier ist sein Werk.«
»Und warum hat er dann diesen Wald geschaffen?« fragte Giles. »Welchen Sinn hat das alles hier?«
»Es war Shannons nächstes Projekt«, sagte Poogie, und alle drehten sich nach dem freundlichen Burschen um. Die Zeichentrickfigur starrte auf den Wald hinaus. Poogies Stimme klang freundlich und bestimmt. »Shannon wollte immer die Seelen der Menschen erreichen, um ihre Wunden zu heilen.
Sommerland war nur der erste Schritt. Es war ein Ort, wo Kinder aller Altersstufen Trost und Frieden finden konnten. Der Wald war der nächste Schritt. Ein Ort, wo Männer und Frauen so lange verschwinden konnten, wie sie brauchten, um ihre geistigen Wurzeln wiederzufinden und neue Kraft und Selbstsicherheit zu gewinnen.