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Nachdem der Wald fertig war, ging Shannon hinein und kehrte niemals wieder zurück. Er ist noch immer irgendwo da drin – falls er noch lebt. Das ist auch der Grund, warum Harker diesen Ort für seinen Rückzug ausgewählt hat. Dieser Wald ist ein Ort der Wiedergeburt. Die Seele von Shannons Welt.«

»Halt, einen Augenblick«, sagte Reineke Bär. »Woher weißt du eigentlich, warum Harker diesen Ort ausgesucht hat?«

»Weil ich zu ihm gehöre«, antwortete Poogie der freundliche Bursche und wandte sich endlich zu den anderen um. Er musterte sie mit seinen großen, wissenden Augen. »Ich habe den Auftrag, Euch direkt zu ihm zu führen.«

Sie bestürmten Poogie mit Fragen, doch er schüttelte nur den Kopf und meinte, Harker würde all ihre Fragen früh genug beantworten. Der Seebock war wütend, weil Poogie ihn getäuscht hatte, und er bedrohte den freundlichen Burschen mit seiner Keule. Der Bär gebot ihm Einhalt. Nichts hatte sich grundlegend an ihrer Mission geändert, und wenn Poogie die kleine Gruppe direkt zu Harker bringen konnte, um so besser. Der Seebock beruhigte sich ein wenig; doch er behielt die Keule in der Hand und brummte mißmutig vor sich hin. Poogie stand allein am Bug und sah erwartungsvoll nach vorn. Die Menschen unterhielten sich gedämpft. Giles warf nicht zum ersten Mal ein, daß er den Spielzeugen von Anfang an nicht über den Weg getraut habe. Finlay wies darauf hin, daß Poogie wohl kaum eine Gefahr für die Gruppe darstellte. Doch einzig und allein Evangeline erkannte die wirklichen Schlußfolgerungen von Poogies Enthüllung: Harker wußte längst, daß sie kamen.

Sie fuhren weiter durch das Zwielicht . Nach einer Weile er-tönte das Geräusch von Trommeln, das rasch lauter wurde. Es klang wie der Herzschlag eines schlafenden Riesen – oder wie der der Herzschlag des Dunklen Waldes selbst. Spuren von Rauch hingen in der Luft. Es roch scharf und würzig. Das Ge-fühl, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden, wurde immer eindringlicher. Menschen und Spielzeuge drängten sich am Bug zusammen und hielten die Waffen griffbereit. Die Menschen dachten gegenwärtig weniger an die Erfüllung ihrer Mission und die Beschaffung taktischer Informationen von Vincent Harker, sondern vielmehr daran, wie sie die Begegnung mit dem allseits gefürchteten Roten Mann und seiner Armee überleben sollten. Noch nie war ein Reisender aus dem Dunklen Wald zurückgekehrt.

Die Trommeln wurden lauter und bedrohlicher.

»Er ist ein wunderbarer Mensch«, sagte Poogie beinahe verträumt. Er stand abseits von den anderen. »Manchmal nicht leicht zu verstehen, aber trotzdem ein Mann von großer Weisheit. Wir verehren ihn, und wir gehören ihm mit Leib und Seele. Wir würden für den Roten Mann sterben. Er wird uns alle aus der Dunkelheit führen und dem Krieg ein Ende bereiten. Er wird das Angesicht dieser Welt verändern, bis wir es nicht mehr wiedererkennen.«

»Ob wir anderen das wollen oder nicht«, brummte Reineke Bär.

»Wie will er diese Veränderungen denn bewerkstelligen?« erkundigte sich Finlay. »Indem er seine Armee ausschickt?

Indem er alle zwingt, ihm zu folgen, statt den Weg zu gehen, den sich jeder für sich selbst ausgesucht hat?«

»Ihr versteht das nicht«, sagte Poogie. »Der Rote Mann ist im Besitz einer Wahrheit, die alle verändert, die sie hören. Er hat mich gerettet. Er hat uns alle gerettet. Und er wird am Ende die Welt retten.«

»Ob sie gerettet werden will oder nicht«, brummte Giles Todtsteltzer. »Ich kenne diese Sorte. Ich bin ihr schon öfters begegnet.«

»Nein!« widersprach Poogie. »Ihr habt noch nie jemanden wie den Roten Mann kennengelernt.«

Mehr war nicht aus ihm herauszuholen.

Schließlich erreichten sie Harkers Lager. Seine Anhänger hatten eine Lichtung zwischen den großen Bäumen geschaffen und mitten darauf eine große hölzerne Festung errichtet. Hohe Mauern, schlanke Türme und Tausende von Spielzeugen beobachteten aus allen Richtungen, wie die Missis Merry Truspott langsamer wurde und schließlich in einer großen dunklen La-gune anhielt, die das Ende des Flusses markierte.

Der Lärm der Trommeln war inzwischen ohrenbetäubend.

Die Luft vibrierte wie von gewaltigen Hämmern. Rauch kräuselte sich von Hunderten von Feuern, die ein warmes, purpurnes Licht in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verbreiteten.

Überall gab es hell flackernde Fackeln, und ihre tanzenden Flammen warfen beunruhigende Schatten. Alle nur erdenkli-chen Arten von Spielsachen drängten sich unter und vor den Bäumen, und sie alle hielten Waffen in den Händen und beobachteten die Neuankömmlinge mit feindseligen Blicken.

Allein der Wille des Roten Mannes hielt sie zurück, doch sie blieben wachsam und mißtrauisch.

Ohne jede Vorwarnung verstummten die Trommeln. Die Armee von Spielzeugen zeigte nicht die geringste Reaktion.

Nur das Knacken und Knistern der zahllosen Feuer und Fak-keln durchbrach die plötzliche Stille, gemeinsam mit dem leisen Tuckern der Kessel des Schaufelraddampfers.

Finlay und Giles blickten in die Runde. Sie achteten sorgsam darauf, keine unbedachte Bewegung zu machen, die falsch hät-te interpretiert werden können. Der Bär und der Bock standen dicht beisammen und hielten sich an den Pfoten: verlorene Seelen in der Unterwelt . Das Licht der Schiffslaternen vermochte die umgebende Dämmerung kaum zu durchdringen, und das purpurne Flackern der zahllosen Feuer und Fackeln vertiefte nur die Dunkelheit zwischen den Bäumen wie brennende Koh-len in der Nacht.

»Willkommen in der Hölle«, sagte Tobias Shreck leise.

»Das hier ist nicht die Hölle«, widersprach Poogie der freundliche Bursche. »Das hier ist unser Zuhause. Steuert das linke Ufer an und fahrt die Gangway aus. Wir sollten Harker nicht warten lassen.«

Giles drehte sich nach Halloweenie auf der Brücke um. »Laß die Pfeife ertönen, Knabe. Harker soll wissen, daß wir eingetroffen sind. Ich möchte nicht, das er denkt, wir wären eingeschüchtert.«

»Wir sind aber eingeschüchtert«, entgegnete der Seebock.

»Vielleicht sind wir das«, sagte Julian, »aber Harker muß das schließlich nicht wissen. Laß die Pfeife heulen, Halloweenie.«

Der kleine Skelettjunge riß am Seil, und die Dampfpfeife der Missis Merry Truspott tutete und tutete immer und immer wieder. Es war ein lautes, durchdringendes Geräusch, das die Stille zerfetzte. Die Echos schienen den gesamten Wald zu erfüllen.

Die Anhänger Harkers rührten sich nicht; aber die Passagiere an Bord des Schaufelraddampfers fühlten sich mit einemmal schon wieder etwas besser.

»Gut so«, sagte Finlay. »Und jetzt werden wir zum Roten Mann gehen. Vergeßt nicht: Niemand schießt, bevor wir nicht das Weiße ihrer Zähne direkt vor Augen sehen.«

»Wenn wir anfangen zu schießen , sind wir einen Augenblick später tot«, sagte Giles. »Also bewahrt die Ruhe, Leute.«

»Wir werden nie wieder nach Hause zurückkehren!« jammerte der Seebock . »Wir werden hier sterben, in der Hölle!«

»Dann laßt uns wenigstens mit Würde sterben«, entgegnete Reineke Bär . »Falls das wirklich alles ist, was uns noch bleibt.«

Vorsichtig schritten sie über die Gangway ans Ufer und blickten sich unablässig nach irgendeiner Andeutung von Ag-gression um; doch die Tausende von beobachtenden Spielzeugen blieben still und rührten sich nicht. Poogie führte die kleine Gruppe, und er hüpfte und tanzte und schien ganz offensichtlich überglücklich, wieder zu Hause zu sein. Giles folgte dem freundlichen Burschen. Er ging hoch aufgerichtet und mit vor-gestrecktem Kinn, als wäre er der eigentliche Herr dieses Waldes.

Finlay hielt Evangeline dicht bei sich, und seine Hand war nie weit vom Griff des Disruptors entfernt. Julian starrte stur geradeaus . Er hatte die Hände in den Taschen vergraben, so daß niemand sehen konnte, wie sie zitterten . Tobias und Flynn blieben ebenfalls zusammen. Sie nahmen die Szene in sich auf, und die Kamera schwebte unmittelbar über den Köpfen der beiden. Den Schluß bildeten Reineke Bär und der Seebock. Sie hatten Halloweenie zwischen sich genommen und hielten ihn an den knochigen Fingern.