Das Schiff, die Missis Merry Truspott, sah der kleinen Gruppe mit ihren großen, niemals blinzelnden Augen hinterher und schwieg.
Die dicht gedrängten Spielzeuge traten vor der kleinen Gruppe auseinander, und eine Gasse bildete sich – ein enger Durchgang, der vor spitzen Waffen nur so glitzerte und geradewegs auf den offenen Hof der großen Holzfestung führte. Finlays Atem ging immer schneller, und er klang jetzt gehetzt; doch seinem Gesicht war keine Gefühlsregung anzumerken. In ihm regte sich der starke Verdacht, daß es denkbar schlecht wäre, an diesem Ort Schwäche zu zeigen. Er warf einen Seitenblick zu dem Todtsteltzer, der aussah, als hätte er früher schon Schlimmeres gesehen, und als wäre er auch damals nicht sonderlich beeindruckt gewesen. Vielleicht stimmte das sogar.
Finlay mußte unwillkürlich grinsen. Nur ein Todtsteltzer schaffte es, so auszusehen, als sei er in der Hölle zu Hause. Er hatte bereits einen Plan für den Fall der Fälle. Er würde versuchen, als erstes Harker zu töten. Dann würde er sehen, wie viele Spielzeuge er noch mitnehmen konnte, bevor sie ihn unter sich begruben. Er hoffte nur, daß ihm genug Zeit bleiben wür-de, vorher Evangeline zu töten. Finlay hatte sie in die Hölle geführt; ein schneller Tod war das wenigste, was er für sie tun konnte.
Der Innenhof der hölzernen Burg wurde von Hunderten von Fackeln hell erleuchtet. Auf einem Thron, den man aus einem Baumstumpf herausgeschnitzt hatte, saß Vincent Harker. Der Rote Mann. Der Mann in Rot. Der Mann im Weihnachtsmannkostüm.
Die Menschen blieben bei seinem Anblick wie angewurzelt stehen. Selbst der Todtsteltzer riß den Mund auf. Poogie eilte vor und verbeugte sich vor seinem Herrn, dann setzte er sich Harker zu Füßen. Harker streckte die Hand aus und kraulte den Kopf des freundlichen Burschen, und Poogie lehnte sich mit einem langen Seufzer gegen Harkers Bein wie ein treuer Hund.
Er war endlich wieder zu Hause.
Harker war ein großgewachsener Mann. Er besaß mehr Muskeln als Fett, weißes langes Haar und einen buschigen weißen Bart, und er trug das Weihnachtsmannkostüm mit selbstverständlicher Autorität. Er lächelte seinen Besucher freundlich entgegen, ein breites, warmes und sehr, sehr gesundes Lächeln.
»Der Rote Mann«, ächzte Tobias. »Der Weihnachtsmann!
Ich hätte es wissen müssen!«
»Was habt Ihr erwartet? Wir befinden uns hier auf einer Welt, die für Kinder und Spielzeuge erschaffen wurde«, sagte Harker. Seine Stimme klang voll und tief und sehr beruhigend.
»Willkommen in meinem Haus. Ich habe schon angefangen zu glauben, Ihr würdet niemals kommen. Bitte macht Euch keine Sorgen um Eure Sicherheit. Meine Anhänger handeln nur, wenn sie angegriffen werden. Im Augenblick plustern sie sich ein wenig auf, weil sie Angst haben, Ihr könntet versuchen, mich ihnen wegzunehmen. Sobald sie sehen, daß Ihr keine Gefahr bedeutet, werden sie sich wieder beruhigen . Das heißt, falls Ihr keine Gefahr darstellt… was ich annehme. Warum habt Ihr einen so weiten und gefährlichen Weg auf Euch genommen, um mich zu finden? Ihr seht nicht aus wie Imperiale Streitkräfte.«
»Das sind wir auch nicht«, antwortete Evangeline und trat vor. Sie bemühte sich nach Kräften, die Waffen zu ignorieren, die jede ihrer Bewegungen verfolgten. »Wir repräsentieren die Untergrundbewegung Golgathas. Eine wachsende Schar von Klonen, Espern und Menschen, die an Freiheit und Gerechtigkeit glauben und die sich der Rebellion verschrieben haben.
Wir haben gehört, daß Ihr wertvolle taktische Informationen die Imperialen Streitkräfte betreffend besitzt. Wir sind gekommen, um Euch zu bitten, diese Kenntnisse mit uns zu teilen.«
»Bitten?« sagte Harker. »Damit ist es wohl klar; Ihr seid definitiv keine Imperialen Truppen. Kommt her und setzt Euch zu mir, und ich werde Euch erzählen, wie ich hergekommen bin und für eine Welt voller Spielzeuge der Weihnachtsmann wurde.«
Eine Gruppe von Spielzeugsoldaten brachte Stühle, und die Neuankömmlinge nahmen vor Harker Platz. Die Spielzeugsoldaten zogen sich wieder zurück; doch sie behielten die Gäste scharf im Auge und die Hände in der Nähe ihrer Waffen. Sowohl Harker als auch seine Gäste gaben vor, es nicht zu bemerken. Die Stühle waren überraschend bequem. Harker lehnte sich auf seinem Thron zurück.
»Das hier haben die Spielzeuge für mich gebaut. Ich habe sie nicht darum gebeten. Ich halte nichts von derartigen Symbolen; aber sie entschieden, daß ich als ihr Anführer einen Thron haben müßte, und sie können in derartigen Kleinigkeiten sehr stur sein. Also spiele ich mit, und sie sind glücklich . Manchmal frage ich mich, wer hier wirklich das Sagen hat . Na ja, das ist eine andere Geschichte.
Als ich über Shannons Welt abstürzte, tobte überall der Krieg. Spielzeug brachte Spielzeug um. Der schiere Wahnsinn.
Sie waren erst kurz zuvor zum Leben erwacht, und sie wußten nichts Besseres damit anzufangen, als zu töten und getötet zu werden. Ich habe gesehen, wie Spielzeuge niedergemetzelt und Unschuldige getötet wurden, und irgend etwas in mir veränderte sich. Für immer.
Als ich noch für das Imperium arbeitete, nannte man mich den Kalten Mann, weil nichts mich jemals berührte. Mein Beruf waren Pläne und Strategien, und ich wandelte Rohdaten in Konzepte und Taktiken um, mit deren Hilfe die größtmöglichen feindlichen Verluste bei möglichst geringen Imperialen Verlusten sichergestellt werden sollten . Selbst wenn Tausende oder manchmal Millionen von Menschen wegen meiner Entscheidungen sterben mußten, ließ mich das kalt. Es war mir egal. Ich sah sie nicht. Ich kannte sie nicht. Sie waren nichts als Zahlen.
Dann kam ich hierher, nach Sommerland, und was ich sah, brach mir das Herz. Ich erkannte, was diese Spielzeuge waren und sind: Kinder. Junge, unschuldige Wesen, betrogen von den Kräften, die ihnen ihre Intelligenz schenkten und ihnen dann nichts als Haß und Lügen einpflanzten. Die Spielsachen verstanden nicht, was sie anrichteten, als sie die Menschen töteten.
Shub hat sie manipuliert. Sie waren so jung und unerfahren wie sollten sie das Wesen des Todes begreifen? Als sie sahen, wer und was sie waren, da fühlten sie sich gekränkt und verletzt.
Sie schlugen zurück, wie wütende Kinder es tun. Wie Welpen, die noch nicht wissen , daß ihre Zähne verletzen können. Hinterher, als ihnen bewußt wurde, was sie angerichtet hatten, wurden viele von ihnen vor Schuld und Entsetzen über sich selbst wahnsinnig.
Ich erkannte, wie sie um ihre Kindheit betrogen und im Namen des Krieges um ihre Unschuld gebracht wurden, und es machte mich ganz krank und wütend. Zum ersten Mal in meinem Leben wurden die Zahlen, mit denen ich so lässig umzugehen pflegte, zu etwas Lebendigem. Zum ersten Mal war es mir nicht mehr egal. Also ging ich hinaus in die Welt der Spielzeuge und wandelte unter ihnen, ein einzelner Mensch, allein und unbewaffnet, und brachte ihnen eine Wahrheit, die sie niemals erwartet hätten: daß nämlich s ie jetzt die Kinder seien. Ich wurde der Weihnachtsmann, weil es eine Figur ist, die alle kannten und verstehen. Ich erzählte ihnen von den Schrecken des Krieges, wie nur ich es kann. Sie hörten die Wahrheit und die Schuld in meiner Stimme, und sie glaubten mir. Ich wünschte mir so sehnlich, sie vor dem Schrecken dessen zu bewahren, was ich als Kalter Mann zu verantworten gehabt hatte, und sie spürten auch das. Ich gewann Anhänger und Schüler, und ich machte mir viele Feinde. Spielsachen, die nicht wagten, meinen Worten zu glauben, wegen ihrer Taten und wegen dem, was sie in Shubs Namen noch immer tun.
Weil die Wahrheit, die ich verkünde , sie zu Schlächtern und besinnungslosen Mördern gemacht hätte; sie führen lieber weiter einen endlosen Krieg, als meinen Worten zu glauben. Also brachte ich meine Anhänger hierher in den Dunklen Wald, an einen Ort des Verzeihens und der Wiedergeburt, und von hier aus schickte ich meine Schüler in die Welt, um meine Wahrheit unter den Spielzeugen zu verkünden.