Wie es stets der Fall ist, so wurde auch meine Botschaft immer mehr verstümmelt, während sie von Mund zu Mund ging.
Ich wurde der Rote Mann; meine Anhänger wurden zu einer Armee, und meine Botschaft des Friedens wurde zu einer Drohung gegen die ganze Welt. Doch die Wahrheit ist ein hartnäk-kiges Geschöpf. Sie bestand fort, und sie brachte Spielzeuge zu mir, die meine Botschaft mit eigenen Ohren hören wollten.
Allein oder in Gruppen liefen sie auf beiden Seiten davon, und sie kamen hierher, weil sie Frieden und Vergebung suchten.
Ich gab mein Bestes, ihnen beides zu verschaffen.
Sie sind die wahren Kinder von Shannons Welt, und ich bin ihr Weihnachtsmann. Wer weiß, was eines Tages aus ihnen werden mag, wenn sie erwachsen geworden sind?«
»All die Zeit und der weite Weg, und ich bin der falschen Geschichte hinterhergerannt!« stöhnte Tobias. »Ich hätte es wissen müssen.«
»Was wollt Ihr unternehmen, wenn die Eiserne Hexe schließlich die Geduld verliert und eine Armee entsendet, um Euch zurückzuholen?« fragte Evangeline. »Eure Anhängerschar mag ja beeindruckend sein; aber sie wird sich nicht lange gegen Imperiale Stoßtruppen halten. Wenn einer das weiß, dann seid Ihr das! Wenn Ihr Euch dazu durchringen könntet, mit uns zu kommen und Euch der Rebellion anzuschließen, dann könnten wir Euch schützen und verstecken…«
Sie verstummte. Harker schüttelte entschieden den Kopf.
»Auf keinen Fall. Ich werde niemals von hier fortgehen. Ich werde hier gebraucht, und ich habe soviel wiedergutzumachen.
Falls die Imperatorin tatsächlich jemals eine Armee nach mir schicken sollte, dann wird ein Gerücht durch die Welt gehen, daß ich längst tot sei. Es wird sogar einen ziemlich echten Leichnam geben, um die Geschichte zu untermauern. Irgendwann werden die Informationen in meinem Kopf alt und obso-let sein, und dann wird sich niemand mehr um mich kümmern.«
»Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß noch keiner Eurer Anhänger die Waffen gesenkt hat«, sagte Finlay. »Benehmen sie sich immer so?«
»Meistens«, antwortete Harker. »Sie beten mich an, wißt Ihr?
Ich habe sie immer und immer wieder gebeten, das nicht zu tun. Vermutlich hätte ich mit so etwas rechnen sollen. Ich pre-dige zu ihnen, erzähle ihnen Geschichten und versuche nach Kräften, sie zu fördern. Sie besitzen enorme Möglichkeiten.
Findet Ihr es nicht auch erstaunlich, daß so viele von ihnen ohne fremde Eingriffe Shubs Programmierung überwunden haben, ohne jede Hilfe und Überredung von außen? Obwohl sie tatsächlich wie neugeborene Kinder waren, wußten sie doch Recht von Unrecht zu unterscheiden, und sie kannten den Wert des Lebens und das Entsetzen des Krieges. Sie wußten: Alles Leben ist heilig.«
»ALLES LEBEN IST HEILIG«, ertönte es ringsum im Chor wie eine Litanei.
Halloweenie beugte sich in seinem Stuhl vor . »Bist du wirklich der Weihnachtsmann?«
Harker lächelte. »Das bin ich, wenn es denn einen gibt.
Möchtest du hier bei mir bleiben? Bei uns?«
»O ja!« strahlte Halloweenie. »Ich dachte zuerst, der Dunkle Wald sei ein böser, furchteinflößender Ort; aber das ist er nicht.
Nicht wirklich. Ich könnte hier ein Junge sein, nicht wahr? Ein richtiger Junge!«
»Selbstverständlich«, sagte Harker. »Du warst nie etwas anderes.«
»Was wird am Ende mit den Spielsachen geschehen?« erkundigte sich Julian. »Wenn sie ihre Furcht überwunden haben und… erwachsen geworden sind?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Harker. »Das hier sind die ersten unabhängigen KIs seit Shub. Vielleicht werden sie genauso menschlich wie wir. Wenn man allerdings bedenkt, wie weit es dieser Tage mit der Menschheit gekommen ist… vielleicht geben sie sich nicht mit so wenig zufrieden. Vielleicht werden die Geschöpfe ihre Schöpfer übertrumpfen.«
»Das… könnte gefährlich werden«, sagte Giles Todtsteltzer.
»Hört endlich auf, immer nur an Shub zu denken«, entgegnete Harker. »Hier liegen die Dinge ein wenig anders. Außerdem beziehen die Spielsachen ihre Energie aus Speicherkristallen.
Irgendwann werden sie erschöpft sein, und dann brauchen sie neue. Und der einzige Ort, wo sie neue Kristalle bekommen können, ist das Imperium der Menschen. Die Spielsachen brauchen die Menschen. Und Menschen werden immer Spielsachen brauchen. Doch das ist Zukunftsmusik. Die Löwenstein darf niemals hinter das Geheimnis von Hakeldamach kommen. Sie würde meine Kinder sehen, und die Entstehung eines weiteren Shub fürchten. Sie würde eher die gesamte Welt verbrennen, als ein derartiges Risiko einzugehen.«
»Gebt uns die taktischen Informationen in Eurem Besitz«, sagte Evangeline, »und wir werden die Löwenstein so in Atem halten, daß sie keine Zeit hat, um über Shannons Welt nachzudenken. Wenn sie erst erfährt, daß wir im Besitz Eurer Informationen sind, dann werdet Ihr unwichtig, und man wird Euch vergessen.«
»Aber Ihr kennt mein Geheimnis«, entgegnete Harker.
»Kann ich darauf vertrauen , daß Ihr schweigt?«
»Der Untergrund hat wichtigere Sorgen, als sich um einen prinzipiell neutralen Planeten zu kümmern« , sagte Evangeline.
»Solange wir mit Euren Informationen zurückkehren, wird niemand Fragen stellen, woher wir sie haben. Niemand außer uns hier muß jemals etwas über die Kinder von Shannons Welt erfahren.«
Sie alle blickten zu Tobias.
Der Nachrichtenmann seufzte schwer und zuckte schließlich die Schultern. »Das wäre ein großartiger Bericht geworden; aber ich schätze, er kann auch noch ein Weilchen im Regal stehenbleiben, bis es sicher genug ist, ihn zu zeigen. Außerdem wäre es nicht die erste Geschichte, die ich zu vergraben geholfen habe. Stimmt’s, Flynn? Niemand wird es je erfahren, einverstanden.«
»Falsch«, sagte Julian. »Das Imperium wird alles erfahren, weil ich es sagen werde. Ich werde ihnen alles sagen.« Er sprang auf, stieß seinen Stuhl um, und plötzlich richtete er einen Disruptor auf Harker. Auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln, in dem keine Spur von Humor war. Als er sprach, klang seine Stimme fremd und merkwürdig gezwungen. »Niemand bewegt sich, oder Harker ist ein toter Mann. Bevor Finlay mich gerettet hat, verbargen die Imperialen Hirntechs einen der Würmer des Wurmwächters tief in meinem Kopf. Er hat geheime Instruktionen für mich. Ich muß jede echte Gefahr für das Imperium zerstören. Harker und seine Jünger haben den Wurm und seine Programmierung aktiviert. Steht auf, Harker.
Ihr kommt mit mir zurück zur Löwenstein. Wenn sich irgend jemand regt, seid Ihr ein toter Mann.«
Ringsum hatten die Spielzeuge ihre Waffen erhoben; doch sie zögerten, weil sie nicht wußten, was sie hin sollten, ohne den Tod ihres Führers zu riskieren. Giles’ Hand ging zum Disruptor, doch Finlay legte ihm die Hand auf den Arm. Der Todtsteltzer verharrte. Sie durften es nicht riskieren. Noch nicht.
»Könnt Ihr ihn nicht hinausteleportieren?« murmelte Finlay.
»Nein. Julians ESP blockiert meine Kräfte«, erwiderte Giles leise. »Aber ich bin durchaus in der Lage, ihn zu erschießen, bevor er auch nur blinzeln kann. Laßt es mich versuchen.«
»Auf keinen Fall«, entgegnete Finlay. »Ich will erst noch etwas anderes ausprobieren.« Er hob die Stimme. »Julian, hört mir zu! Ich habe Euch aus der Zelle der Folterknechte befreit!
Ihr wart nicht gebrochen! Ihr wart zu stark für sie. Seid jetzt ebenso stark! Giles sagt, Eure Kräfte seien stärker denn je zuvor. Bekämpft den Wurm! Bekämpft ihn! Seid Euer eigener Herr!«
Julian runzelte die Stirn, und sein Mund formte lautlose Worte. Die Hand, die den Disruptor hielt, begann zu zittern. Und dann, ganz langsam, öffneten sich die Finger, und die Waffe polterte zu Boden. Tobias sprang vor und trat darauf, und Julian fiel zitternd auf die Knie. Einige der Spielzeuge hoben ihre Waffen, doch Harker sprang von seinem Thron und kniete sich neben den zitternden Esper.