»Helft mir«, stöhnte Julian mit geschlossenen Augen. »Er ist noch immer in meinem Kopf! Er will, daß ich Euch töte. Er wird es immer wollen! Aber ich nicht…«
»Ihr könnt Euch von ihm befreien«, sagte Harker mit dem Mund ganz dicht an Julians Ohr. »Ihr könnt es. Meine Kinder durchbrachen ihre Programmierung, und Ihr könnt das mit der Euren. Seid stark, Julian. Ihr müßt nichts weiter tun als glauben!«
Julian krümmte den Rücken, als ein schrecklicher Schmerz ihn durchzuckte. Er warf den Kopf in den Nacken und verzerrte das Gesicht in Agonie. Sein kurzer Kontakt mit Giles hatte ihn mit mehr Macht erfüllt, als er je gehabt hatte, und jetzt beschwor er sie herauf, alles, was er hatte. Er war entschlossen, sich zu befreien, und wenn das seinen Tod bedeutete.
Sein linkes Auge wölbte sich langsam nach außen, und aus der blutigen Höhle wand sich ein kleiner grauer Wurm. Geschoben von der schieren Willenskraft des Espers fiel er zuk-kend zu Boden, und Finlay zerquetschte ihn unter dem Absatz.
Julian brach zusammen, und Harker fing ihn auf. Der Augapfel rutschte in die Augenhöhle zurück, und Julian brachte ein zaghaftes Lächeln zustande.
»Gut gemacht«, sagte Finlay. »Ich wußte immer, daß Ihr es in Euch habt.«
»Ich bin halb tot, und er macht Witze über mich«, stöhnte Julian. »Irgend jemand soll ihn für mich verprügeln.«
Alle lachten, selbst Julian, während sie sich auf Finlay stürzten.
Und das war das Ende ihrer Mission auf Shannons Welt, die fälschlicherweise auf den Namen Hakeldamach umgetauft worden war, den Blutacker. Menschen und Spielzeuge feierten gemeinsam bis tief in die Nacht, und sie sangen und tanzten im Licht der zahlreichen Feuer und Fackeln und dem gelegentlichen Licht des mützentragenden Mondes. Dicke Wolken leuchtender Geister schwärmten aus der Nacht herab und sangen ihre Lieder. Reineke Bär und der Seebock tanzten Pfote in Pfote um die Feuer und waren zufrieden, daß sie endlich die Wahrheit über sich selbst herausgefunden hatten. Und Halloweenie, der kleine Skelettjunge, saß auf Harkers Thron, trommelte mit seinen knochigen Hacken auf das Holz und träumte davon, wie es wäre, mehr zu sein als nur ein kleiner Junge.
KAPITEL DREI
EIN TODTSTELZER ZU SEIN
Es war ein weiterer vollkommener Tag im Paradies. Auf dem Planeten Virimonde erstreckten sich weite grüne Felder unter einem blauen Himmel, hier und da durchzogen von niedrigen Mauern, stachligen Hecken und uralten ausgetretenen Pfaden.
Hinter den Feldern erstreckten sich ausgedehnte Wälder mit großen Bäumen und üppigem Grün, kühle Zufluchtsorte vor der Hitze der sommerlichen Sonne. Glitzernde Russe und Bäche plätscherten um polierte Steine und über plötzlich auf-tauchende Stromschnellen und kleine Wasserfälle. Vieh aller Art graste friedlich auf den Weiden, und was auf Virimonde als Vogel durchging, sang sich unter dem wolkenlosen Himmel und der strahlenden Sonne die Seele aus dem Leib. Eine wundervolle, offene, friedliche Welt der natürlichen Gaben und der Ruhe. Und all das gehörte David Todtsteltzer.
Der Todtsteltzer und sein Freund Kit Sommer-Eiland, von einigen Kid Death genannt , jagten mit ihren frisierten Fliegern mit atemberaubender Geschwindigkeit zwischen den Bäumen umher und jauchzten vor Vergnügen. Die Flieger waren kaum mehr als Antigravschlitten: ein Brett , um darauf zu stehen, und ein senkrechter Pfosten, an dem die Kontrollen angebracht waren, abgespeckt auf das Allernotwendigste, um höhere Geschwindigkeit und bessere Manövrierfähigkeit zu ermöglichen.
David und Kit schalteten die Energieschirme ab, damit sie den Wind spüren konnten, der an ihren Gesichtern vorüberwehte und ihnen die Tränen in die zusammengekniffenen Augen trieb. Wenn irgend etwas schiefging, wenn sie die Geschwindigkeit oder Entfernung oder ihre Reflexe falsch einschätzten oder mit einem harten, unnachgiebigen Objekt kollidierten, wären sie ohne die Energieschirme auf der Stelle tot – doch keiner der beiden gab einen Dreck darauf.
Sie waren jung, durchtrainiert und reich. Sie besaßen die blitzschnellen Reflexe und die Instinkte des Kriegers, und deswegen waren sie unsterblich. Unfälle waren Dinge, die anderen Leuten zustießen.
Und so flogen sie dahin, wedelten zwischen den Bäumen hindurch und schossen so rasend schnell durch das Dämmerlicht des Waldes, daß ringsherum nur ein verschwommenes Braun und Grün zu sehen war. Sie wechselten sich in der Führung ab, während jeder versuchte, dichter als der andere um die Bäume zu kurven, ohne dagegen zu rasen. Es war eine Mut-probe. Sie beanspruchten ihr Glück aufs äußerste, und die ganze Zeit über lachten sie atemlos.
Der Todtsteltzer und der Sommer-Eiland: Enge Freunde und die Köpfe ihrer beider Clans. Jung und wagemutig und noch immer auf der Suche nach ihrem wirklichen Ich. David war groß und hübsch und stets untadelig gekleidet. Er besaß dunkles Haar und dunkle Augen und ein wildes Herz; ein Krieger, dem seine Bewährungsprobe im Kampf noch bevorstand.
David Todtsteltzer war ein Cousin Owens und entstammte einer unbedeutenden Seitenlinie der alten Familie – bis Owens Verbannung ihn unvermutet zum Kopf des Todtsteltzer-Clans und zum Lord von Virimonde gemacht hatte. Hin und wieder unterstützte er heimlich die Rebellion, hauptsächlich, weil es Spaß machte.
Und Kit, genannt Kid Death, der lächelnde Killer: Eine ge-schmeidige Gestalt in Schwarz und Silber, blaß und ungewöhnlich schlank. Er besaß eisig blaue Augen und flachsblondes widerspenstiges Haar, und er war zum Anführer seiner Familie geworden, indem er in einer Reihe von mehr oder weniger legalen Duellen den eigenen Vater, die Mutter und seine sämtlichen Brüder und Schwestern umgebracht hatte. Kit Sommer-Eiland, der für einige Zeit der Liebling der Eisernen Hexe gewesen war, und dann den Untergrund unterstützt hatte – er war ein gefährlicher, einsamer Mann, der immer dorthin ging, wo das Töten stattfand.
Bis er David Todtsteltzer kennengelernt hatte.
Nach einer Weile machte sie das viele Adrenalin im Kreislauf schwindlig, und so nannten sie das Rennen unentschieden.
Sie brachen durch das Blätterdach des Waldes und rasten in den blauen Himmel . Sie nahmen die Geschwindigkeit zurück, bis die Maschinen nur noch ein gemütliches Tempo flogen, stützten sich schwer auf ihre Kontrollen und grinsten, bis die Wangen schmerzten, während sie darauf warteten, wieder zu Atem zu kommen.
David war froh, Kit lächeln zu sehen. Der Sommer-Eiland war von Natur aus ein düsterer Mann, und normalerweise vergnügte er sich in der Hitze der Schlacht und beim Töten. Doch hier auf Virimonde, weit weg vom Hof und seinen Intrigen und Zwängen und in der Gesellschaft eines guten Freundes blühte der berüchtigte Killer tatsächlich zu einem liebenswerten, sym-pathischen jungen Mann auf. Hier auf Virimonde konnten David und Kit einfach zwei junge Aristos sein, deren Macht gefe-stigt und deren Position sicher war, und sie konnten die Tage im Müßiggang verbringen, wie sie gerade Lust verspürten.
Sie ließen sich mit dem Wind treiben. David sah auf die Welt hinab, die sich unter ihm bewegte, und er fand sie gut. Der Wald erstreckte sich in alle Richtungen. Er wurde seit zahllosen Generationen von Förstern gehegt, die wußten, was sie taten. Sie benötigten weder die Hilfe noch den Rat des jüngsten Lords von Virimonde, genausowenig wie die Tiere. Beide kannten ihren Platz und ihre Aufgabe im Imperium.
Irgendwo auf Davids Ländereien waren Bauern bei der Feld-arbeit, und Arbeiter bereiteten die Landefelder des einzigen Raumhafens für die Ankunft des nächsten Schiffes vor. Die Transporter brachten Güter für die Einwohner von Virimonde und nahmen Getreide und Fleisch mit. Virimonde war ein Agrarplanet gewesen, solange die Aufzeichnungen zurück-reichten, und es versorgte Arm und Reich gleichermaßen mit Nahrung und hin und wieder auch mit Luxus. Neunzig Prozent der Oberfläche dienten auf die eine oder andere Weise der Produktion von Nahrungsmitteln, und die Menschen, die hier lebten, kannten nichts anderes. Virimonde mochte vielleicht nicht den Nervenkitzel, die Aufregungen und die glitzernden Städte anderer, reicherer Planeten bieten; doch es war eine ruhige, friedliche Welt, wo ein Mann sich seiner Berufung, der Sicherheit der Tradition und der Freude hingeben konnte, der gesamten Menschheit zu dienen.