Und den Lord von Virimonde unermeßlich reich machen.
Die Menschen mochten vielleicht über Ländereien, Geld und Politik streiten; aber sie mußten essen, gleichgültig, auf welcher Seite sie standen, und Virimonde diente allen gleichermaßen unparteiisch. David Todtsteltzer sah auf seine Welt hinunter und war zufrieden. Milliarden über Milliarden Kredits wei-deten und wuchsen dort unten, und alles gehörte ihm. Mehr Geld, als er in seinem ganzen Leben ausgeben konnte – obwohl ihn das natürlich nicht daran hindern würde, es zu versuchen.
Kit kam von hinten heran und schubste Davids Schlitten ver-spielt zur Seite, und beide schwankten einen Augenblick lang gefährlich. »Du hast schon wieder diesen Ausdruck im Gesicht, Todtsteltzer. Diesen Das-gehört-mir-alles-ganz-allein-Blick.
Wenn du so weitermachst, wirst du irgendwann nur noch den lieben langen Tag Berichte lesen, dir Gedanken über Ernteer-träge und Exporttarife machen und keine Zeit mehr für meinesgleichen übrig haben. Ein alter Mann, lange vor der Zeit.«
»Niemals«, widersprach David fröhlich. »Ich bezahle andere Leute, damit sie sich für mich den Kopf zerbrechen. Leute wie den Steward, Gott segne seine pflichterfüllte Seele und Ausdauer. Der Mann ist ungefähr so lustig wie ein Hagelsturm im Juli, und er geht mir manchmal ganz gewaltig auf die Nerven, aber er versteht was von seiner Arbeit. Und solange er sie erledigt, muß ich mich nicht darum kümmern.
Ich unterschreibe einfach alles, was er mir vorlegt und lese nur jedes zehnte Dokument, quasi als Stichprobe , damit er mich nicht betrügt, und den Rest überlasse ich ihm. Hätte ich hart arbeiten wollen, wäre ich sicher nicht als Aristokrat zur Welt gekommen. Nein, Kit. Diese Welt hier ist ein einziger riesiger Goldesel, und ich werde jeden Tag reicher. Und alles, was ich dafür tun muß, ist mich zurückzulehnen und es geschehen lassen.«
»Aber welchen Nutzen hat all dein Reichtum, wenn es nichts gibt, wo du dein Geld ausgeben kannst?« konterte Kit. »Die wenigen größeren Städte auf dieser Welt sind ja wohl nicht gerade Lasterhöhlen, oder? Die einzige Aufregung besteht darin, beim Pferderennen zu betrügen. Was hast du eigentlich mit all diesen Feldern und Wäldern im Sinn, David?«
»Ich genieße sie«, antwortete der Todtsteltzer. »Komm schon, Kit, wir haben praktisch keine Gelegenheit ausgelassen, uns auf Golgatha zu amüsieren, und nichts von alledem hat uns länger als ein paar Wochen interessiert. Wir haben in illegalen Kasinos unser Leben in die Waagschale geworfen, haben in der Arena gegen jeden gekämpft, der sich uns stellen wollte, haben uns durch die Freudenhäuser gevögelt, bis unsere Rücken krumm waren, und trotzdem haben wir uns am Ende mehr gelangweilt als alles andere. Deswegen haben wir uns ja auch der Rebellion angeschlossen. Nein, Kit, wir brauchen ein wenig Ruhe. Einfacheres Streben nach einfacheren Zielen. Ich bin die Zivilisation leid. Ich habe sie gesehen und ihren Segen genossen, bis ich mir das Hemd vollgekotzt und in die Hosen gepin-kelt habe. Mir gefällt es hier, Kit. Nichts, als auf der faulen Haut zu liegen und zu essen und zu trinken, bis man langsam fett wird. Man kann sich an den Abenden schön langsam be-trinken und sich mit den hübschen Bauerntöchtern herumtrei-ben. Man kann mit dem Schlitten durch die Luft jagen, bis man außer Atem ist. Ich amüsiere mich prächtig. Du etwa nicht?«
»Doch«, gestand Kit. »Zu meiner eigenen Überraschung amüsiere ich mich. Und das, obwohl ich schon seit Wochen niemanden mehr umgebracht habe. Erstaunlich. Stell dir vor, wir sind eigentlich als Agenten des Untergrunds hergekommen; aber wir haben seit unserer Ankunft noch keinen einzigen Bericht abgeschickt. Meinst du nicht, daß wir uns darum kümmern sollten?«
»Ganz bestimmt nicht«, widersprach David entschieden.
»Das firmiert unter dem Oberbegriff Arbeit, und die habe ich mir abgewöhnt. Ich arbeite erst wieder, wenn Weihnachten, Ostern und die großen Ferien auf einen Tag fallen, und noch ein paar andere Feiertage dazu. Die Pest soll die Löwenstein und den Untergrund holen! Hier sind wir in Sicherheit und haben Ruhe vor den streitenden Fraktionen und ihren unverschämten Forderungen. Welchen Verlauf die Rebellion auch nehmen mag, niemand schert sich einen Dreck um Virimonde.
Wer auch immer gewinnt, sie brauchen weiterhin Nahrung.
Obwohl ich gestehen muß, daß das Leben als Rebell mir ziemlich gut gefallen hat. All die geheimen Treffen, die versteckten Agendas, die Paßwörter und so weiter.«
»Stimmt«, sagte Kit. »Mir hat das mit den Paßwörtern auch gut gefallen. Ich liebe es, Dinge zu wissen, von denen andere Leute keine Ahnung haben. Aber selbst das wurde nach einiger Zeit langweilig. Die anderen haben die Sache viel zu ernst genommen.«
»Und wir haben genug von Ernsthaftigkeit«, ergänzte David.
»Ich denke, wir haben uns das Recht verdient, für eine Weile belanglos und albern zu sein. Nichts tun, keine Forderungen, keine Pflichten. Aufstehen, wann wir wollen; tun, was wir wollen, und spielen, solange wir Lust haben. Als wären wir wieder Kinder.«
»Ich weiß nicht so recht«, entgegnete Kit. »Ich hatte nie eine Kindheit. Ich wurde praktisch von dem Augenblick an, an dem ich laufen lernte, zu einem Krieger und Soldaten erzogen. Ich spielte mit einem Dolch, statt mit einer Rassel . Ich hatte Duell-partner statt Freunde . Ich mußte als Schwertkämpfer genausogut wie mein berühmter Vater und mein legendärer Großvater sein, ob ich das nun wollte oder nicht. Wie sich dann herausstellte, war ich besser als beide. Sie schienen nicht einmal überrascht, als ich es ihnen dadurch bewies, daß ich sie umbrachte.
Ich genoß es. Ich ließ sie leiden, wie sie mich mein ganzes Leben hatten leiden lassen. Ich durfte niemals Kind sein, verstehst du? Ich hatte keine Zeit für so belanglose Dinge wie Spielen oder Lachen oder einfach nur Freude. Nichts als endloses Training und Disziplin , um mich auf eine Zukunft vorzubereiten, die ich mir freiwillig niemals ausgesucht hätte.«
»Du fängst an, wie mein Cousin Owen zu reden«, sagte David und bemühte sich um einen leichten Plauderton. Kit hatte sich noch nie so weit vor ihm geöffnet, und er wollte ihn nicht dadurch entmutigen, daß er ihm zeigte, wie sehr es ihn bewegte.
»Wohl kaum«, widersprach Kit. »Ich benutzte meine Ausbildung, um etwas aus mir zu machen. Und wenn mir nicht immer gefallen hat, was ich tat… nun, so ist das Leben.
Ich bin froh, daß du mich mitgenommen hast, David. Ich füh-le mich hier so… frei. Frei von den Erwartungen der anderen, frei davon, der Sommer-Eiland sein zu müssen und mich so zu verhalten. Es ist gar nicht leicht, die ganze Zeit Kid Death zu spielen, weißt du? Hier gibt es keinen Druck, keine Zwänge, und hier muß ich nicht ständig das einzige tun, was ich am besten kann. Ich schätze, das macht für andere Menschen den Begriff Kindheit aus. Ich hätte gern eine Gelegenheit, endlich einmal Kind zu sein.«
»Hier hast du sie«, sagte David. »Zur Hölle mit der Löwenstein und dem Untergrund. Hier ist Feiern angesagt! Wir können tun und lassen, was wir wollen, Kit. Kein Todtsteltzer und kein Sommer-Eiland, keine Sprößlinge alter Blutlinien, kein Zorn und kein Kid Death nichts als zwei Freunde, die endlich frei sind.«
»Es wird nicht ewig dauern«, sagte Kit. »Das weißt du selbst.«