»Noch mehr Papiere?« fragte er resignierend. »Kann das nicht bis nach dem Essen warten?«
»Ganz genau das sagten Euer Lordschaft auch schon beim Frühstück«, erwiderte der Steward mit seiner ruhigen grauen Stimme. Wie immer klang der Titel aus seinem Mund wie eine Beleidigung. »Die verschiedenen Angelegenheiten sind, wenn überhaupt, seit dem Frühstück noch dringlicher geworden. Ich muß respektvoll insistieren, Euer Lordschaft…«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach ihn David. »Wir haben doch ein Büro direkt auf diesem Korridor, oder nicht? Gehen wir dorthin. Und eins sage ich Euch: Diese Angelegenheiten sind besser wirklich wichtig, oder ich lasse Euch das Tafelsil-ber nachzählen. Kit, du bleibst bei mir. Wenn ich leide, sollen alle anderen das auch.«
»Ich würde mir dieses Schauspiel um nichts in der Welt entgehen lassen«, antwortete Kit Sommer-Eiland gelassen. »Ich mag es, wie die Adern auf deiner Stirn anschwellen, wenn du mit längeren Wörter kämpfst. Außerdem ist Leiden gut für den Charakter. Hat man mir jedenfalls gesagt. Allerdings kann ich es nicht aus eigener Erfahrung bestätigen, weil alle, die jemals versucht haben, mich leiden zu lassen, tot und begraben sind, manchmal auf mehrere Orte verteilt.«
David setzte sich in dem kleinen staubigen Büro hinter den Schreibtisch und begann, die Papiere zu studieren. Manche Arbeit war eben nicht zu vermeiden, wenn man nicht eines Morgens aufwachen und überrascht feststellen wollte, daß das Personal einem alles unter dem Hintern weg gestohlen hatte, was man besaß. David empfand ein diebisches Vergnügen dabei, seine Unterschrift so unleserlich wie nur irgend möglich zu gestalten. Genaugenommen hätte er jedes Dokument mit Wachs und Familiensiegel stempeln müssen; aber Owen hatte den Ring mitgenommen – die Pest an seinen Hals. David hatte einen neuen Siegelring in Auftrag gegeben, doch er hatte sich noch nicht endgültig für ein Design entschieden. Irgendwann überflog er nur noch Papiere, um sicherzustellen, daß er nicht sein eigenes Todesurteil unterschrieb. Zu viele eng bedruckte Blätter ließen ihn schwindeln. Kit saß an der Seite und summte leise vor sich hin. Der Sommer-Eiland liebte das Singen, aber er konnte einen Ton nicht einmal dann halten, wenn er auf beiden Seiten Griffe gehabt hätte. Doch da noch nie jemand den Mut besessen hatte, ihm das zu sagen, blieb er in seliger Un-wissenheit, was seine Stimme anging. Nicht einmal David brachte es über sich, Kit die Wahrheit zu sagen. Im Augenblick amüsierte sich Kit damit, den Steward so lange anzustarren, bis der Mann sich in seinen hochgeschnürten Stiefeln wand. Der Sommer-Eiland machte den Steward entschieden nervös.
Zur Hölle, der Sommer-Eiland machte jeden nervös.
David unterschrieb schwungvoll das letzte Dokument und lehnte sich mit theatralischem Seufzen in seinem Sitz zurück.
Er beobachtete den Steward verdrießlich , während der Mann die Papiere zusammenschob. Er erinnerte den neuen Todtsteltzer an seine zahlreichen Lehrer (von denen sich keiner lange gehalten hatte), die sich nach Kräften abgemüht hatten, dem Jungen ein paar nützliche Dinge in den rebellischen Kopf zu trichtern. Nicht einer von ihnen hatte darauf verzichtet, ständig auf Davids intellektuellen Cousin Owen zu verweisen , den be-rühmten, wenn auch unbedeutenden Historiker. Andauernd wurde Owen als Beispiel für alles zitiert, was David nicht war und niemals sein wollte.
Somit war es nicht überraschend, daß David seinen älteren Cousin bereits verachtet hatte, bevor sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Sie standen sich nicht sonderlich nahe, und sie waren nicht einmal wirklich miteinander verwandt: Owens Vater, Arthur Todtsteltzer, hatte einen jüngeren Bruder gehabt, Saul. Saul hatte Louise geheiratet, deren Schwester Margaret Davids Mutter war. Unter normalen Umständen hätte David nicht den Hauch einer Chance besessen, eines Tages zum Oberhaupt des Clans aufzusteigen; doch das Erbe der Todtsteltzer, der Zorn, tötete viele von ihnen, bevor sie das Erwachsenenalter erreichten.
Und so hatte sich David nach Owens Verbannung unvermittelt im Besitz eines Titels und von Verantwortlichkeiten wie-dergefunden, die er weder erwartet, noch jemals angestrebt hatte.
Ganz besonders dann nicht, wenn er als der Todtsteltzer nichts anderes zu tun hatte, als andauernd irgendwelche verdammten Papiere zu unterschreiben.
Der Steward nickte knapp und erklärte sich für den Augenblick zufrieden, und David warf demonstrativ den Stift aus dem Fenster, bevor der Steward es sich anders überlegen konnte.
»So«, sagte er gereizt. »Kann ich jetzt endlich zu meinem Essen, oder gibt es irgendwo in der Festung noch einen Fetzen Papier, auf den ich noch nicht meinen Namen gekritzelt habe?«
»Das war das letzte Dokument, Mylord«, antwortete der Steward gelassen. »Aber draußen wartet eine Abordnung der Bauern auf Euch. Ihr hattet ihnen fest zugesagt, sie zu empfangen, Mylord.«
»Habe ich das?« fragte David stirnrunzelnd. »Ich muß betrunken gewesen sein.«
»Laß sie bis nach dem Essen warten«, schlug Kit Sommer-Eiland vor. »Dafür sind Bauern schließlich da.«
»Nein, Kit. Wenn ich ihnen versprochen habe, sie zu empfangen, dann werde ich das auch tun. Wo sind die Bauern, Steward? In der Großen Halle? Schön, dann führt mich hin.
Und wagt es nicht zu bummeln, sonst trete ich Euch in den Arsch.«
Der Steward bedachte David mit einer ganz genau bemessenen Verbeugung, die nur mit Wohlwollen nicht als Beleidigung zu interpretieren war, und ging voraus. David und Kit trotteten hinter ihm her. Kits Magen rumpelte laut, und der Sommer-Eiland schniefte.
»Zum Geburtstag wünsche ich mir, daß ich ihn töten darf, David.«
David mußte lachen. »Tut mir leid, Kit. So sehr ich es hasse, es zuzugeben, aber ich brauche ihn. Er ist der einzige in der gesamten Festung, der sich mit der Führung der Geschäfte aus-kennt. Ich wüßte nicht einmal, womit ich anfangen sollte. Es wäre ein Alptraum, den Steward ersetzen zu müssen. Er hat sich unentbehrlich gemacht, und der selbstgefällige graue Bastard weiß das leider nur allzu genau.«
»Warum empfängst du die Bauern überhaupt? Es ist schließlich nicht so, als müßtest du das?«
»Doch, ganz genau so ist es. Erstens, weil ich will, daß die Einheimischen mich mögen. Owen hat sich nie etwas aus ihnen gemacht, und deswegen stand er ganz alleine da, nachdem die Eiserne Hexe ihn verbannt hatte. Das wird mir nicht passieren.
Außerdem – je mehr Kontakt und Gespräche ich mit den Bauern pflege, desto geringer ist der Einfluß des Stewards. Ich will, daß sie mich als ihren Herrn ansehen, nicht ihn. Und drittens experimentieren die Bauern in letzter Zeit ein wenig mit lokaler Demokratie, und ich will sie dabei ermutigen.«
»Warum denn das zur Hölle?« fragte Kit ehrlich schockiert.
»Bauern haben das zu tun, was man ihnen sagt! Das ist der Grund, aus dem sie Bauern sind! Wenn wir ihnen erlauben, eigene Entscheidungen zu treffen , dann schreien wir ja förmlich nach Schwierigkeiten! Nicht zuletzt von der Löwenstein.
Wenn sie herausfindet…«
»Sie wird nichts unternehmen, solange die Versorgung mit Nahrungsmitteln nicht beeinträchtigt wird«, unterbrach ihn David gelassen. »Das Imperium ist auf das angewiesen, was wir produzieren, und das weiß die Eiserne Hexe ganz genau.
Und wenn du wissen willst, warum ich die Bauern ermuntere: Ich bewundere ihre Tapferkeit, und ich verstehe durchaus ihr Bedürfnis nach ein wenig Unabhängigkeit. Und es amüsiert mich, wenn ich daran denke, wie die Löwenstein hilflos vor Wut schäumt. Nebenbei hält uns eine lokale Demokratie den Untergrund und die Rebellen vom Leib. Mach dir keine Sorgen, Kit. Ich weiß ganz genau, was ich tue. Indem ich den Bauern Mut mache und die Stellung des Stewards untergrabe, bekomme ich Dinge zu hören, die mir andernfalls verborgen bleiben würden. Niemand wird mich mit heruntergelassenen Hosen überraschen wie meinen Vetter Owen.«